«Wenn ihr in das Land hinkommt, das ich euch gebe, so feiere das Land Gott einen Schabbat (ein Schabbatjahr; ü: S. R. Hirsch).» Das Land soll aktiv Schabbat feiern – «Land» als Subjekt? Ich verstehe das nicht. Raschi sieht die Feier als Ehrerbietung an Gott und zieht eine logische Parallele zum Schöpfungsbericht in Bereschit-Genesis (2:1-3), wo die Wortwurzel schin.bet.taw in der Thora erstmals auftaucht. Doch das ist Fehlanzeige, denn dort ist Gott der aktive Teil im Generieren von Schabbat, nicht der Empfänger oder Nutz-niesser.
Eine andere Übersetzung hilft bestimmt weiter. Joseph Hertz: «So ihr in das Land kommet (…), so feiere das Land eine Feier des Ewigen.» Weiss das Land, was eine von Gott verordnete, also eine göttliche Feier ist? Oder Moses Mendelssohn: «Wenn ihr in das Land kommt (…), dann soll das Land dem Ewigen zu Ehren eine Feier halten.» Das Konzept «Schabbat» hat dem Konzept «Feier» vollständig Platz gemacht, was leider auch nicht weiterhilft. Auch Buber-Rosenzweig verwenden den hebräischen Begriff «Schabbat» nur als «Feier»: «Wenn ihr in das Land kommt» … «feiere das Land eine Feier IHM». Ich verstehe nicht, wie aus einer einzigen Wortwurzel sowohl «Schabbat» als auch «feiern» hergeleitet werden kann. Oder gilt eine Gleichung: Schabbat ist feiern. Dann wäre «feiern» ein Synonym für «Schabbat». Das ginge knapp durch, aber umgekehrt, nämlich «Schabbat» als Synonym von «Feier» wäre dann doch etwas weit hergeholt.
Die Bedeutung der Wurzel schin.bet.taw ist in der Tat etwas schwierig zu verstehen. Was hat Gott bei der Schöpfung damit in die Welt gebracht? Und warum kann das auch für das Land eine empfehlenswerte Praxis darstellen? Schabbat ist seit dem Beginn der Schöpfungsgeschichte ein Thema der Thora. Dort wird der siebte Tag als ausschliesslich für Gott selbst konzipierte Schöpfung eingeführt, die irgendwie passiv entsteht, indem Gott aufhörte, zu erschaffen. Gott ist also doch auch Empfänger. Schabbat ist Gottes heilige Zeit, noch gar nicht für die Menschen gedacht. Und von da aus entwickelt sich der Begriff.
Die Gegenüberstellung der Wurzeln schin.bet.taw und ajin.sin.heh im Genesis-Text stiftet für beide Wortkonzepte Tiefenschärfe. Wenn ajin.sin.heh «machen» im Sinne von «erschaffen», «schöpfen», «kreieren» bedeutet, ist schin.bet.taw genau das Gegenteil, nämlich «aufhören» mit der Konnotation von «einstellen», «niederlegen», ja gar «streiken». Gott bestreikt die Schöpfung, indem Gott nichts mehr erschafft. Spannend ist, was daraus entsteht. Von Ruhe ist nicht die Rede, sie könnte aber das Resultat des Aufhörens werden, was für das Land entscheidend wird. Was bedeutet es, dass auch für das Land Schabbat gefordert wird, also etwas «aufhören» soll? Nicht die Israeliten sollen dem Land einen Schabbat gönnen, sondern das Land selber soll Schabbat halten. Wenn die Menschen ihren Input steuern, kann das funktionieren, denn das Potenzial der Pflanzen bringt auch Nahrungsmittel hervor, ohne dass das Land intensiv bewirtschaftet wird. Was von den landwirtschaftlichen Aktivitäten des Vorjahres nachwächst, darf geerntet werden – etwas muss man schliesslich essen können –, muss aber gleichzeitig für alle zugänglich sein. Der Besitzer des Bodens darf mit diesem Ertrag keine Geschäfte machen. So entsteht für das Land Ruhe, auch als Brache bezeichnet. Man soll also das Land weitgehend in Ruhe lassen. S. R. Hirsch übersetzt den potenzierten Begriff Schabbat Schabbaton sehr erhellend mit «aber im siebten Jahre sei ein durch Werkeinstellung zu begehender Sabbat dem Lande …». Der schönste Nebeneffekt durch die eingeschränkte Arbeit auf dem Feld und im Pardes entsteht für die Menschen: Die entstehende Zeit kann für anderes eingesetzt werden, zum Beispiel zum Nachdenken über so Grundsätzliches wie: «Wem gehört eigentlich das Land?»
sidra Behar-Bechukkotaj
08. Mai 2026
Schabbat fürs Land
Bea Wyler