standpunkt 08. Mai 2026

Mutter Zionismus

«...sie war meine Mutter. Sie war für mich die Liebe und das Leiden. Die Liebe und das Leiden waren in ihr verkörpert, so dass mir die Augen übergingen, wenn ich sie nur sah....Sie war eine feine Dulderin, das Leben beugte sie nicht, es erhöhte sie...»

So lässt Herzl seinen David Litwak in «Altneuland» nach dem Tod seiner Mutter sprechen. So hätte Herzl, wenn er noch gelebt hätte, an der Bahre seiner Mutter geklagt. Doch war es Jeanette Herzl, die die Beerdigung ihres einzigen verbliebenen Kindes ertragen musste. Ihre älteste Tochter, Herzls ein Jahr ältere Schwester Pauline, war bereits 1878 gestorben.

Jeanette Herzl (geb. Diamant) wurde 1836 in Budapest geboren. Über ihre frühen Jahre ist nicht viel bekannt, zumindest nichts, was sich mit Sicherheit bestätigen liesse. Sicher ist jedoch, dass sie zu den schönsten, gebildetsten und klügsten jungen Frauen der Stadt zählte. Angeblich hatte sie viele Verehrer, darunter junge Künstler, die darum wetteiferten, ihr Porträt zu zeichnen. Ein frühes Ölporträt der jungen Frau bestätigt dies. Theodor Herzl, der von seiner Mutter seine Schönheit, Haltung und Weisheit geerbt hatte, hing sehr an ihr. Während sein Vater Jacob eher distanziert war und sich vorwiegend seiner Arbeit widmete, war es die Mutter, die den jungen Theodor grosszog und erzog. Die unzähligen Briefe zwischen den beiden sowie die Erwähnungen seiner Mutter in seinem Tagebuch zeugen von einer Geschichte grosser Liebe und Verbundenheit. Auch in seinen reifen Jahren, als er bereits verheiratet ist, eigene Kinder hat und zum Anführer der zionistischen Bewegung wird, bleibt die enge Verbindung zu seiner Mutter bestehen – wenn sie nicht sogar noch stärker wird. Er wendet sich ständig an sie, fragt sie nach ihrer Meinung, und sie ist die Erste, die seine Manuskripte erhält. Auf Fotos erscheint Herzl auch viel häufiger mit seiner Mutter als mit seiner Frau, der Mutter seiner eigenen Kinder. In Briefen und Tagebucheinträgen wird sie nie einfach nur als «Mutter» bezeichnet, sondern immer als die «gute Mama» oder «teure gute Mama».

Eine Anekdote aus Herzls Tagebuch vom 14. August 1895 könnte viel über die besondere Verbindung zwischen Mutter und Sohn aussagen. Während sich Theodor Herzl in München auf eine seiner zahlreichen Versammlungen vorbereitete, bei der er die Menschen davon überzeugen wollte, sich der zionistischen Bewegung anzuschliessen, gab ihm seine Mutter eine kleine Lebensweisheit mit auf den Weg: «Meine gute Mama erzählt, wie Albert Spitzer starb. Seine Wirtschafterin fragte ihn nach Tisch: ‹Was kochen wir morgen?› Er antwortete kräftig: ‹Rumpsteak›! Das war sein letztes Wort. Er sank um und war tot. Meine Mama zieht auch daraus in ihrer überlegenen Weise den Sinn dieses Lebens, das mit der Rufe ‚Rumpsteak!‘ endet. Ich werde diese Anekdote in München verwenden.»

Auch als er von Millionen Menschen bewundert und verehrt wurde, blieb Herzl der Sohn seiner Mutter. Sie war immer in seinen Gedanken und er wollte sie stets stolz auf sich machen. Ein Brief, den er ihr am 28. Mai 1903 schrieb, zeigt dies auf wunderbare Weise: «Meine teure, gute Mama, Als ich von London hierher zurückkehrte und meinen Freunden Nordau und Marmorek die letzten Ergebnisse berichtete, sagte Nordau: «Für die Grösse Ihrer Leistung gibt es keine Worte und es ist wunderbar, dass das jüdische Volk noch im Stande war, einen Herzl hervorzubringen» Ich habe das natürlich entschieden abgelehnt, weil man sich nicht lächerlich machen darf, aber Dir sage ich es um Dein Herz zu erfreuen».

Herzl war stets darum bemüht, seiner Mutter eine Freude zu bereiten. Er besuchte sie fast täglich zur gleichen Zeit, erzählte ihr Geschichten und versuchte, sie – insbesondere nach dem Tod ihres Gatten Jacob am 9. Juni 1902 – aufzuheitern und zu ermuntern. «Weisst Du, Mutter warum ich bei Dir esse? Für mich, das weiss ich, wirst Du gut kochen und daher wirst Du selbst gut essen.» Die Liebe und Bewunderung waren gegenseitig. Jeanette Herzl verehrte ihren Sohn, allerdings nicht aus den Gründen, aus denen viele von uns Herzl bewundern, sondern schlichtweg, weil er ihr Sohn, ihr «Dori», war. Schon als Theodor zum ersten Mal allein eine Studienreise antrat und sich das Herz seiner Mutter im Trennungsschmerz wand, hatte sie die Kraft, ihm zu sagen: «Mein teures Kind, schreibe uns jeden Tag, denn wir sind ja im Geiste immer bei dir und leben ja nur mit dir; aber eine Korrespondenzkarte genügt. Was du an Eindrücken, Stimmungen und Gedanken unterwegs findest, das arbeite als Schriftsteller aus, denn das gehört nicht uns, sondern der Welt.» Später wurde ihr auch klar, dass sie seine Lebensaufgabe, den Zionismus, nicht infrage stellen durfte, sondern ihn bedingungslos unterstützen musste. Doch sie hatte auch gesehen, welchen Tribut das von ihrem einzigen Sohn forderte, und wünschte sich ein komfortables Familienleben für ihn. Selbst nachdem sie Herzl zum sechsten Zionistenkongress begleitet hatte, wo sie grossen Respekt erfahren hatte, zog sie das Familienleben dem öffentlichen Leben stets vor. Neben dem Respekt hatte sie dort auch den kalten Zynismus der Politik erlebt, als Herzl den «Uganda-Plan» vorstellte und daraufhin gezielt angegriffen wurde. Weniger als ein Jahr nach dem Zionistenkongress war Herzl bereits todkrank, was wohl eine indirekte Folge der Ereignisse war. Auf dem Sterbebett äusserte er als einzigen Wunsch, die Frau zu sehen, die ihn zur Welt gebracht hatte, bevor er diese Welt verliess. Seine Mutter kam ohne zu zögern. Sie sass an seinem Bett und sah zu, wie ihr einziges, geliebtes Kind langsam starb. Herzl wachte kurz auf und sah seine liebevolle Mutter neben sich: «Es ist schön von Dir, Mutter, dass Du gekommen bist. Du schaust prächtig aus. Ich weniger — — aber das macht nichts. Bald ist es vorbei.» Bald war es wirklich vorbei. Nach ein paar Stunden zerriss ein wilder Schrei die Luft, und die Mutter sank auf das Bett ihres Dori. Am 8. Juli 1904, nur vier Tage nach Herzls Tod, veröffentlichte York-Steiner einen Artikel mit dem Titel «Im Trauerhause» in der zionistischen Zentralzeitung Die Welt. Darin beschreibt er den Kummer einer verzweifelten Frau, die alles verloren hat. Diese schildert, wie sie Trost fand, als ihre Tochter starb, wann immer sie eine junge Frau mit einem unglücklichen Eheleben sah – das war ihrer Tochter erspart geblieben. Sie erzählt vom Tod ihres Mannes und dem Trost, den sie darin fand, dass ihm das Greisenalter erspart geblieben war. Doch jetzt findet sie keinen Trost mehr. «Bisher war ich Theodor Herzls Mutter, das war mein Adelstitel. Was bin ich denn jetzt? In aller Ordnung wär’s, wenn ich da drinnen läge, er hier stünde.» Diese Frage musste sie sich noch fast sieben Jahre lang stellen, bis sie schliesslich am 20. Februar 1911 starb. Die Frau, die den Begründer der zionistischen Bewegung zur Welt gebracht hatte, blieb als Herzls Mutter in Erinnerung. Zwar widmete Herzl seinen letzten und bekanntesten Roman Altneuland, dessen berühmtes Motto «Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen» jedem geläufig ist, seinem verstorbenen Vater und seiner verstorbenen Schwester. Die wahre Heldin dieses Romans ist jedoch, ganz im Sinne kindlicher Verehrung, die «Mutter Litwak». Frau Litwak – die jüdische Mutter par excellence – damit meinte Herzl seine eigene Mutter, Jeanette. In seinem Testament hatte Herzl darum gebeten, dass seine Mutter zusammen mit seinem Vater und seiner Schwester im Gelobten Land beigesetzt würde. Im August 1949, ein Jahr nachdem das altneue Märchen Wirklichkeit geworden war, wurden Mutter und Sohn auf dem Herzlberg in Jerusalem vereint beigesetzt. Ein Jahr später kam die Idee auf, den Muttertag in Israel auf den 20. Februar, den Geburtstag von Jeanette Herzl, zu legen. Dies wurde jedoch nie umgesetzt.

Oded Fluss ist Co-Leiter der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

Oded Fluss