Vergangenen Montagabend, am Lag Baomer, war im Norden Israels wieder einmal die «Hölle» los. Diesmal nicht durch Hisbollah-Raketen, sondern durch ein alljährlich wiederkehrendes Phänomen: Dem Versuch tausender religiöser und traditioneller Juden aller Facetten, sich am Lag Baomer, dem Todestag des Rabbi Schimon bar Jochai, an dessen Grab in Meron einzufinden, um dort ein grosses Feuer zu machen und der mystischen Energie dieses Ortes zu frönen. Es ist kein Zufall, dass der Brauch des Feuermachens am Lag Baomer mit der Mystik Rabbi Schimons in Zusammenhang gebracht ist, gilt dieser doch als Gründer der Kabbalah, der verborgenenen mystischen Lehre des Judentums. Die lodernde Flamme versinnbildlicht deren unermessliche Kraft, und so feiert man an der «hillulah» in Meron das durchdringende Licht, welches Rabbi Schimon in der Welt hinterlassen hat.
Der junge israelische Rabbiner Elijahu Galil nennt das Phänomen von Lag Baomer in Meron das «charedische Woodstock». Mit anderen Worten: Das Faszinosum Meron und die magnetische Anziehungskraft der Geheimlehre Rabbi Schimons paaren sich mit dem Versuch, alle Schranken der Polizei zu durchbrechen, um sich am Grabe Rabbi Schimons einzufinden. Denn genau darum ginge es: Um das Brechen von Regeln, von Grenzen, um sich auf mystische Weise mit dem Ewigen zu vereinen. Dieser Durst nach dem Metaphysischen jenseits unserer Limiten scheint nach Jahren von Corona und Krieg noch stärker in der israelischen Gesellschaft – und nicht nur bei streng orthodoxen Juden – zur Geltung zu kommen. Aber das extrem lodernde, leidenschaftliche Feuer von Meron kann nicht die Norm sein. Man kann nicht jeden Tag in Woodstock feiern! Dies haben bereits die Weisen im Midrasch erkannt: „So ist das Feuer: Wenn ein Mensch sich ihm nähert, verbrennt er; wenn er sich von ihm entfernt, friert er. Es bleibt dem Menschen nichts übrig, als sich vom Feuer zu erwärmen“ (Sifre zu 5.B.M. 33:2). Ekstatisches «Feuer» mag hie und da energetisch und inspirierend wirken, aber es kann auch zerstörerisch sein, wenn man sich nur auf diese Funken beschränkt.
Dieses Prinzip kommt eigentlich schon in der Thora zum Ausdruck: «Ein beständiges Feuer soll auf dem Altar brennen; es darf nicht erlöschen» (3. B.M. 6:6). Chassidische Meister erklären, dass dieses stete, moderate Brennen des Feuers auf dem Altar die ständige Verbindung zwischen Gott und dem Volk Israel symbolisiere, die niemals erlöschen dürfe. Während es in Israel «drauf und drüber» ging, befand ich mich vergangene Woche wieder einmal in meinem geliebten Basel. Es tat gut, nach seelisch strapaziösen Monaten auf privater und nationaler Ebene etwas heilende Rheinluft zu schnuppern. Am Dienstag fand ich mich, zusammen mit einigen Familien der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB), im Synagogenhof ein, um zu Ehren des Lag Baomer traditionsgemäss ein Feuer zu entfachen. Das kleine Lag-Baomer-Feuer im Basler «Syni-Hof», eingedeckt in einem gemütlichen Zusammensein mit Gesang, weckte in mir die Assoziation des gemächlichen, «ewigen Feuers». Die Zahlen des jüdischen Basel haben sich seit meiner Kindheit deutlich verkleinert. Während in meiner Jugendzeit in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts noch unzählige Kinder im «Syni-Hof» herumtollten und die verschiedenen Basler Jugendbünde mit stolzen Zahlen überfüllten, ist die heutige Anzahl jüdischer Kinder in der IGB überschaubar. Und während, als ich aufwuchs, die wunderschöne grosse Basler Synagoge am Schabbat-Gottesdienst stattlich besucht war und nur wenige Lücken sichtbar waren, ist es heute umgekehrt: Die einzelnen Betenden nehmen innerhalb der grossen Lücken ihren Platz ein. Trotz dieser schmerzhaften Dezimierung meiner Heimatgemeinde ist es doch überwältigend und bewegend, wie sie sich trotz des starken Gegenwindes hartnäckig am Leben erhält. Zweimal täglich und ohne Ausnahme gibt es ein Minjan – ein religionsgesetzliches Dekorum – zum Gebet, was leider nicht viele Gemeinden in der Schweiz, auch nicht zahlenmässig grössere, von sich behaupten können. Der jüdische Kindergarten Marcus Cohn floriert, die jüdische Primarschule Leo Adler wurde kürzlich zwar umfunktioniert, bleibt aber in anderer Form aktiv, auch die jüdische Religionsschule und die Schomre Thora bieten weiterhin zahlreiche Kurse zum Thora-Studium an, zusammen mit jüdisch-kulturellen Angeboten der Gemeinde. Auch für koschere Verpflegung ist gesorgt, wenn auch manchmal etwas Nostalgie für das «Topas» aufkommen mag, eine Nostalgie, die am Lag Baomer anlässlich der zweiten «Jahrzeit» von Albert Dreyfuss, des Gründers und Leiters des legendären Gemeinderestaurants, besonders stark spürbar war.
Es stimmt, die Zahlen des jüdischen Basel sind nicht mehr in der Grössenordnung von früher, das Durchschnittsalter der Gemeindemitglieder wird nicht jünger – aber die IGB lebt! Die Flamme ist nicht mehr so riesig wie einst, aber das Feuer ist längst nicht erloschen. Es brennt, unermüdlich, fast trotzig, Tag und Nacht, wie das ewige Feuer im Tempel. Und so sitze ich am kleinen Feuer im Basler Syni-Hof, gönne mir eine gebrätelte Cervelat und bitte meinen Schöpfer im Stillen, dass die Flamme in meinem geliebten Basel noch viele Jahre weiterlodern möge.
Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.
Talmud heute
08. Mai 2026
Das Feuer im Syni-Hof
Emanuel Cohn