Eines der Verbote der Thora lautet: «Ihr sollt nicht wahrsagen» (3. B. M. 19, 26). Buber übersetzt: «Ihr sollt nicht erahnen». Damit ist gemeint, dass es verboten ist, irgendwelche Zeichen als Indikation für die Zukunft zu nehmen, etwa ein vierblättriges Kleeblatt als Zeichen für Erfolg zu betrachten, oder eine schwarze Katze als Zeichen für Pech oder für Glück.
Im Zentrum unseres Wochenabschnittes steht die Suche nach einer geeigneten Frau für Itzchak, den Sohn von Awraham. Elieser, der wichtigste Diener Awrahams, erhält den Auftrag, in das Heimatland Awrahams zurückzukehren, um dort eine Frau für Itzchak zu finden (1. B. M. 24).
Elieser macht sich auf den Weg, kommt am Ziel an und lässt seine Kamele bei einem Brunnen ruhen. Da er dort niemanden kennt und nicht weiss, wie er eine für Itzchak passende Frau finden kann, richtet er sich an Gott und bittet Ihn um ein Zeichen. Frei übersetzt sagt er: «Ich befinde mich bei einer Quelle und die Töchter der Stadt kommen hierher, um Wasser zu schöpfen. Die junge Frau nun, zu der ich sagen werde: ‹Gib mir etwas zu trinken›, und sie antworten wird: ‹Trinke, und auch deinen Kamelen werde ich zu trinken geben›, diese junge Frau hast du, Gott, für Itzchak bestimmt» (ibid. Vers 14).
Und wirklich, da kommt Riwka und erfüllt genau das, was sich Elieser als Zeichen von Gott gewünscht hat. Sie gibt nicht nur ihm zu trinken, sondern auch all seinen Kamelen. Elieser sieht dies sofort als Zeichen Gottes, ist überzeugt, dass dies die richtige junge Frau für Itzchak ist, und überreicht ihr wertvollen Schmuck als Geschenk – noch bevor er überhaupt weiss, wer sie ist und von welcher Familie sie stammt.
In den Augen von Maimonides hat Elieser hier genau das vorgenommen, was die Thora verbietet. An der Stelle in der Mischne Thora, in seinem grossen Gesetzescodex, wo Maimonides das Verbot «Ihr sollt nicht wahrsagen» bespricht, erwähnt er Elieser als Paradebeispiel für Wahrsagerei: «Was ist Wahrsagerei? Wenn jemand sagt: Da mir heute mein Stock aus der Hand gefallen ist, gehe ich nicht an einen bestimmten Ort (…). Ebenso, wenn sich jemand ein Zeichen setzt: Wenn mir das und das geschieht, werde ich etwas vornehmen; wenn es nicht geschieht, werde ich es nicht vornehmen; wie Elieser, der Knecht von Awraham. All das ist verboten» (Hilchot Awoda Sara 11:4). Nach Ansicht von Maimonides hat Elieser hier etwas vorgenommen, das die Thora klar verbietet.
Nicht alle Gelehrten sind aber mit Maimonides einverstanden. Nicht alle teilen seine Meinung, dass sich Elieser da falsch verhalten hat. Rabbiner Awraham ben David (1120–1198) aus Posquières – bekannt unter dem Akronym «Raawad», in den Jeschiwot als «Rajwed» ausgesprochen – ist da ganz anderer Meinung.
An jeder Stelle in der Mischne Thora, wo Raawad nicht mit Maimonides einverstanden ist, bringt er seine «hasagot», seine kritischen Bemerkungen, an. An unserer Stelle geht er mit Maimonides – wie recht oft – sehr hart ins Gericht und wirft ihm vor, die relevanten rabbinischen Stellen zum Verhalten von Elieser vollkommen falsch verstanden zu haben.
Raawad ist der Meinung, dass sich Elieser richtig verhalten hat. Dass er hier nicht Wahrsagerei betrieben hat. Wie die Kommentatoren der Mischne Thora bemerken, hat Elieser hier nicht irgendein willkürliches Zeichen, das mit seinem Auftrag nichts zu tun hat, als Indikation genommen, welche Frau für Itzchak geeignet sein wird. Vielmehr wollte er anhand des Zeichens herausfinden, ob eine junge Frau durch ihr Verhalten zum Ausdruck bringt, dass sie fähig und bereit ist, eine fremde Person und ihre Bedürfnisse zu erkennen; dass sie hilfsbereit ist und dadurch zeigt, dass sie in die Familie von Awraham passt. Das ist nicht Wahrsagerei, sondern ein sinnvolles, legitimes Zeichen für den Auftrag von Elieser (Kesef Mischne zur Stelle).
Im Schulchan Aruch sehen wir, dass sich die Meinung von Raawad durchgesetzt hat. Es ist klar, dass Wahrsagerei verboten ist (Jore Deah, Paragraf 179). Dazu bemerkt aber der Rabbiner Mosche Isserles (ebenda, Absatz 4), dass wir aus dem Verhalten von Elieser schliessen können: Wenn aber ein Zeichen ein sinnvolles, angebrachtes Indiz für die Zukunft ist, so ist es durchaus erlaubt.
Sidra Chajej Sara
06. Nov 2026
«Ihr sollt nicht wahrsagen»
David Bollag