die literarische Kolumne 06. Nov 2026

Die gebauten Notlösungen

«In einer wirklich schönen Stadt lässt sich auf die Dauer nicht leben – sie nimmt einem die Sehnsucht.»
Elias Canetti


Der Mensch formt seine Umgebung, die Umgebung formt zurück. Meist ein Perpetuum des Grauens, wenn man die Gebäude, die heute in der westlichen Welt entstehen, betrachtet, die der Effektivität und den grösstmöglichen Gewinnaussichten für die Bauherren folgen. Natürlich irgendwie ökologisch, aber nicht zu sehr, nicht so sehr, dass man hängende Gärten errichten wollte. Man polstert einfach viereckige Kästen gut ab, setzt luftdichte Fenster in die Boxen, nicht zu gross, wegen des Energieverlusts, und natürlich nach innen gezogene Balkone, Loggien genannt, auf denen der Mensch seine Neigung zum Hass auf alle Lebensformen ausserhalb seiner selbst ausleben kann. Innen die Standardausführung geschmacklicher Inkompetenz: die offene Küche, Ausdruck technokratischer Wegrationalisierung von Raum. Denn sind wir ehrlich: Wer will denn Zwiebelgeruch und Krautdämpfe im Salon, in dem Raum, der früher einmal dem Lesen von Büchern, Kaminfeuer und sanfter Musik vorbehalten war? Da kommen dann Möbel rein, die aussehen, als ob Kinder Einrichten spielen. Irgendwelches Zeug, mit dem keinem wohl ist. Ein Sofa muss da rein, die Wohnungen sind um Küchen und Sofas entworfen. Sofas, die möbelgewordene, komplette Ratlosigkeit. Die neuen, in jeder Hinsicht effizienten Menschenverwahrungsboxen sind Ausdruck einer an Verachtung grenzenden Lieblosigkeit. In diesen Kästen sitzen dann Menschen, die ein Leben spielen, bei dem ihre Füsse nie auf den Boden reichen, wenn sie um ihren Esstisch sitzen. Jetzt riecht doch alles so schön neu, warum stellt sich da kein Glück ein? Jetzt haben wir Fussbodenheizung und Zwangsbelüftung, und es zieht, wir sehen Menschen im Fahrstuhl und hassen sie, weil die nach innen gezogenen Loggien, die uns Privatsphäre versprochen haben, das Gefühl verstärken, allein auf der Welt zu sein. Und was wollen dann die Fremden in unserem Fahrstuhl, in unserem Land? Die meisten Gebäude, die heute entstehen, sind zweckdienliche Zweckbauten, dem Zweck der Unterbringung von Konsumenten geschuldet, und formen den Menschen der Jetztzeit, der kontaktgestört durch ein Leben eiert, in dem Überleben das höchste Gut ist. Mittelmass ist der Status quo, denn alles, was aus dieser Mitte ragt, wird vom Sensenmann abgeholzt. Mithin mag man meinen, dass Architektur und Absicht diese Bauten geformt haben. Was gibt es für ein Land Praktischeres als sauber und gut verstaute mittelmässige Menschen, die Angst vor dem Verlust ihrer Fussbodenheizung haben und keine Vision davon, was Schönheit sein könnte, wie ein Leben sein könnte, in einem wohlhabenden Land, in unserer westlichen Welt, auch ohne diesen Komfort? Es wäre doch möglich, Le Corbusier in Marseille zu studieren. Viele Menschen, kleine Wohnungen, doch Harmonie und zufriedene Bewohnerinnen und Bewohner, Individuen, die sich in der prächtigen Eingangshalle treffen, die keine 90 Quadratmeter benötigen, sondern grosse Fenster, elegante Ausstattungen und Schönheit. Aber wozu sollte das gut sein? Heute, da es die meisten Menschen nicht mehr wirklich benötigt, die scheinbar müde darauf warten, endlich von Maschinen abgelöst zu werden. Als Provisorium vor unserem Verschwinden stehen sie nun da. Die gebauten Notlösungen, die die Lieblosigkeit und die Unwichtigkeiten eines Lebens symbolisieren, das nur verwahrt und beschäftigt werden muss, bis etwas Neues kommt, das keine Häuser mehr benötigt.

Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.

Sibylle Berg