Jüdische Feiertage werden allgemein nicht als etwas angesehen, mit dem man spielen kann. Sie sind normalerweise sehr streng, reglementiert und sprechen Kinder nicht wirklich an. Purim ist jedoch der vielleicht kinderfreundlichste jüdische Feiertag. An diesem Tag ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, aus der Ernsthaftigkeit auszubrechen, zu scherzen, zu tanzen und zu spielen. Die bekanntesten und beliebtesten Purimbräuche sind das Verkleiden und das Lesen der Megilat Esther. Aus diesen beiden Elementen entstand die wunderbare Tradition des Purimspiels: eine komische Dramatisierung des Buches Esther, bei der sich die Schauspielerinnen und Schauspieler (meist Laien) ihrer Rolle entsprechend verkleiden.
Ein ganz besonderes Projekt, das 1921 in Berlin aufgeführt wurde, sollte diese Tradition einen Schritt weiterführen. Das Buch «Esther – ein Schattenspiel für Jung und Alt» war der schöne Versuch, das Purimspiel für das damals sehr beliebte Schattentheater zu adaptieren – eine Theaterform, bei der eine Geschichte durch den Schattenwurf auf eine beleuchtete Fläche erzählt wird. Um die Sache noch komplizierter zu machen, sollte dies in Buchform geschehen.
Diese Aufgabe sollten zwei hoch begabte Menschen übernehmen, die zugleich ein Ehepaar waren. Alex Baerwald (1877–1930) und seine Frau Lotte, geborene Eisenberg (1883 – 1937), waren das, was man heute «Power-Couple» nennen würde. Beide waren bereits in jungen Jahren Zionisten und inspirierende Künstler. Alex Baerwald wurde ein weltberühmter Architekt, Künstler und Musiker und zählte zu den Pionieren der israelischen Architektur. Er entwarf das alte, berühmte Technion-Gebäude in Haifa und war Mitbegründer der dortigen Architekturfakultät. Lotte, die als Künstlerin und Schriftstellerin tätig war, wurde für ihr Puppentheater bekannt.
In einem Werbetext für das Buch, der in der Februar-März-Ausgabe 1921 von «Ewer: Blätter der Vereinigten Verlagsanstalten Jüdischer Verlag, Welt-Verlag» in Berlin erschien, erläuterten die beiden ihre Motivation, das Buch zu schreiben: «Es liegt im Charakter fast aller modernen jüdischen literarischen Produktion, dass meist mit schwerem und schwerstem geistigen und gedanklichen Geschütz gearbeitet wird. Harmloser Scherz und Lust am Humor scheinen uns fast völlig verloren gegangen zu sein. Aber gerade das braucht unserer Meinung nach ein heranwachsendes Kind! Der jüdische Junge und das jüdische Mädchen sollen sich an lustigem Spiel und heiteren Scherzen erfreuen, der Ernst des Lebens und die Konflikte unserer Golus-Existenz treten noch früh genug an sie heran. Bei unserem Esther-Schattenspiel handelt es sich darum, dem jugendlichen Gemüt bleibende und schöne Eindrücke von einer der prächtigsten Geschichten unseres Volkes zu verschaffen, und zwar in einer Form, die die Kinder nicht nur auf kurze Stunden beschäftigt, sondern die ihnen auf Wochen Arbeit und Anregung verschafft.»
Die Baerwalds stellten die originellen Puppen aus Sperrholz her, deren Arme mithilfe von Drahtstäben gesteuert wurden. Lotte Baerwald entwarf die Puppen und Alex Baerwald schrieb die Texte. Die Originalpuppen waren farbig und wurden ohne Schattenschirm gespielt. Im Buch sind sie hingegen als schwarze Silhouetten (Scherenschnitte) dargestellt, ähnlich wie Schattenpuppen. Die jüdische Zeitung «Bar Kochba» warb 1919 sogar für ein Miniaturtheater, das «aus sehr starker Pappe gearbeitet und vollständig gebraucht fertig» war und separat gekauft werden konnte. Es war komplett mit Figuren «auf steifem Karton zum Ausschneiden gedrückt» und Kulissen, um das Stück zu Hause aufzuführen.
Das seltene Buch, das sich in der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich befindet, ist wunderschön in Reimform verfasst und beginnt mit der Vorstellung der Hauptfiguren in Form von Silhouetten. Anschliessend wird die gesamte Geschichte von Esther auf sehr farbenfrohe und humorvolle Weise erzählt, ganz in der Tradition des Purimspiels. Bemerkenswert ist die Verwendung von Einhörnern als Reittiere.
Ein gutes Indiz für den Erfolg des Buches als Theaterstück ist eine Anzeige aus dem Jahr 1935, 15 Jahre nach der Entstehung des Buches, in der eine Live-Aufführung des Buches in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt angekündigt wird.
Oded Fluss ist Co-Leiter der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.
standpunkt
27. Feb 2026
Ein Purim-Schattenspiel
Oded Fluss