35 + 38 + 29 + 20 + 11 + 43 + 38 + 20 + 36 Verse! Die Schriftlesungen für diesen Schabbat sind mit insgesamt 270 Versen recht umfangreich. Vor dem Hintergrund, dass die Mischna für das notwendige Minimum lediglich je drei Verse für sieben Alijot aus der Thora plus die Haftara vorschreibt, wirkt das etwas übertrieben, obschon natürlich mit einer Doppelparascha sowie dem Extra-Maftir für den speziellen Schabbat «e bitzeli meh» in der Natur der Sache liegt. Es braucht also Geduld, an diesem Schabbat für die ganze Vorlesung aufmerksam dabei zu bleiben.
Was ist denn so interessant am biblischen Text, dass so viel zusammen genommen werden muss? Eine interessante, ja gar dreifache Parallele ergibt sich aus folgendem: Schabbat Hachodesch ist der vierte und letzte der vier Schabbatot im Frühjahr, die zu Pessach führen. Es ist ein Abschluss – Pessach kann wirklich kommen. Mit Paraschat «Pequde» wird aber auch die Lesung des zweiten Buchs Mose, «Schemot», abgeschlossen. Und schliesslich ist mit der «Wohnungsübergabe» von Mosche an Gott auch ein zentrales Element von «Israel in der Wüste» komplett.
Was die Lesung, ausser ihres Umfangs, aber zur Herausforderung macht, ist der Text selber. Alle Elemente des «mischkan», inklusive die Kleidung für die diensttuenden Priester, sind abgeschlossen und werden von Bezalel zusammengestellt, so dass er sie an Mosche übergeben kann. Die faktische Wiederholung zum göttlichen Auftrag aus den Parschiot Teruma und Tezave, ein solches «mischkan» zu bauen, ist gekennzeichnet von zahlreichen kleinen Textwiederholungen, was die Vorlesung bisweilen etwas langweilig erscheinen lässt. Himmelblaue, purpurfarbene und karmesinrote Wolle, Byssus und Ziegenhaare, Widder- und Tachaschfelle, Akazienholz, Olivenöl und Gewürze, Silber, Gold und Kupfer sowie Edelsteine … Auch was für Gegenstände aus diesen Materialien gebildet werden und welchen Zwecken sie dienen werden, es ist nicht zu fassen, wie oft all das wiederholt wird. Was macht das mit den Lesern, den Zuhörerinnen, und auch mit den Vorlesern?
So sollte man trotz der unzähligen Details genau hinschauen. Nicht nur was, sondern auch wer spielt hier eine tragende Rolle, vielleicht sogar die entscheidende? Bezalel als Generalmanager leitet die Tätigkeiten, beteiligt sind aber alle Individuen des Volkes, die entsprechend ihren Fähigkeiten beitragen sollen und dürfen. Und fast noch wichtiger als das Wer ist das Wie. Nicht nur die oben genannten Elemente werden mehrfach wiederholt, es wird auch ungezählte Male wiederholt, dass dies alles mit Herzensweisheit, und zwar von jedem und jeder Beteiligten, geschah. Was ist Herzensweisheit, «chochmat lew»?
Dies ist insofern eine schwer zu beantwortende Frage, als es ja beim Stiftszelt um ein gigantisches Kunstwerk mit einer gigantischen Anzahl Mitmachern geht, das zudem noch zweckgebunden ist. Künstler wollen in ihrem Werk ihre Kreativität zum Ausdruck bringen, weshalb es manch einem Künstler, einer Künstlerin immer wieder schwerfällt, ihre abgeschlossenen Kreationen loszulassen. Dies dürfte besonders dann schwerfallen, wenn das individuelle Werk in einem grossen Ganzen aufgehen soll, der individuelle Beitrag in seinem Ausdruck also nicht unbedingt weiterhin sichtbar bleibt. Ausserdem ist das Stiftszelt ein Objekt, das bis ins kleinste Detail von Gott geboten ist – wo bleibt da meine Kreativität? Ist Herzensweisheit die Fähigkeit, anzuerkennen und zu akzeptieren, dass auch meine ureigenste Schöpfungskraft ihren Ursprung ausserhalb von mir hat?
Als der Generalmanager Bezalel alle Elemente beisammen hat, übergibt er sie an den Bauherrn Mosche, und dieser wiederum fügt sie zusammen, stellt das Stiftszelt auf, wie Gott es ihm geboten hat. Und dann bezieht der neue Einwohner die neue Wohnung – und augenblicklich ist das «mischkan» so voll von Gottes Ehre, dass selbst Mosche das Gebäude nicht mehr betreten kann.
Sidra Wajakehl/Pekudej
13. Mär 2026
Ein gigantisches Kunstwerk
Bea Wyler