Sidra Ki Tissa 06. Mär 2026

Der halbe Schekel

Meine Lieblingsgeschichte – sie ist wahr und sogar passiert: Vor fast zwei Jahrzehnten strömten Tausende von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Sie waren stolz auf ihre hebräische Nationalität, besassen eine unausgesprochene jüdische Identität, nicht aber jüdisches Wissen. Die alteingesessenen Gemein-demitglieder jubelten, da sich unversehens Menschen fanden, die noch weniger Ahnung vom Judentum hatten als sie selbst. Das etablierte Erziehungswesen begann zu rotieren. Während Jahrzehnten tummelten sich in den Religionsschulen mehr Lehrer denn Schüler, die sich jäh um eine unüberschaubare Masse von Wissbegierigen kümmern sollten. Da musste auch ich als Rabbiner ran und sah mich unvermittelt einem Dutzend ABC-Schützen gegenüber. Mangels Klassenräumen unterrichtete ich in der Synagoge und brachte meinen Schützlingen erstmal das «Schma» bei. Ich brachte ihnen bei, dass man sich bei der Rezitation unseres Glaubenscredos die Augen mit der rechten Hand bedeckt, worauf ein besonders vorlautes Mädchen fragte: «Wieso?» Mir fiel nichts Gescheiteres ein, als ihr zu bedeuten, dass Gott erscheine, während wir das Schma beteten. Da wir Menschen aber Gott nicht sehen dürften, drückten wir uns halt die Augen zu, worauf das Mädchen vorwitzig meinte, sie würde sich die Augen nicht bedecken und somit Gott erblicken können. Ich erklärte ihr, dass dies nun nicht mehr funktionieren könne, nachdem sie ihren Trick unvorsichtigerweise verraten habe, worauf sie meinte, sie würde sich halt die Hand vor die Augen halten, aber durch die gespreizten Finger linsen. Noch einmal versuchte ich ihr begreiflich zu machen, dass dies nicht gehe, da Gott auch diesen Kniff durchschauen würde. Das Mädchen sann lange nach. Urplötzlich begann ihr Gesicht zu strahlen, wie einst das Antlitz Mosches, als er vom Berg Sinai herunterstieg. Der Schlüssel, den sie lieferte, übertrifft so manch philosophischen Aufsatz und theologische Abhandlung. Sie meinte: «Ich hab’s: ich halte mir die Augen zu und du guckst.» Schlagartig wurde aus einem dreisten Dreikäsehoch eine kluge Lehrmeisterin. In ihrem Argument steckt ungemein viel Weisheit. Ihr Entwurf beantwortet auf beeindruckende Art eine der klassischen Fragen, welche stets im Zusammenhang mit den ersten Versen unseres Wochenabschnitts aufgeworfen werden. Dort wird beschrieben, dass zum Zwecke der Volkszählung jeder kriegsfähige Mann über 20 Jahre einen halben Schekel geben solle, was in damaliger Währung zehn Gera entsprach. (Tatsächlich handelt es sich sowohl bei Schekel wie auch bei Gera um ein Gewichtsmass.) Der Reiche durfte nicht mehr, der Arme nicht weniger geben als den halben Schekel (2. B. M. 30:11–16). Die Schekelsteuer diente nicht nur der Volkszählung. Mit ihr wurde das Fundament des Stiftszelts finanziert. Später wurde davon das tägliche Gemeinschaftsopfer bezahlt.

Dass Mosche lieber Münzen als Menschen zählte, ist leicht nachzuvollziehen. Aus Menschen Nummern zu machen bedeutet, sie ihrer Individualität und Persönlichkeit zu berauben. Eine Geldspende zu verwenden, statt etwa Steine, ist genauso verständlich. Gezählt wurden diejenigen, auf die man zählen konnte. Warum aber ein halber Schekel statt eines ganzen? Die Antwort ist verblüffend einfach: weil Menschen nicht für sich alleine handeln sollen. Die Schechina findet ihren Platz zwischen zwei Menschen, die zusammen Thora lernen (Awot 3,2) und zwischen Mann und Frau, die sich lieben (Sota 17a). Das Gebet eines Einzelnen kann Berge versetzen, doch richtig ernst wird es, wenn Gebete in Gemeinschaft gesprochen werden.

Der halbe Schekel steht für ein neues Paradigma, welches Triumphalismus zu überwinden vermag. Der Triumphalist fühlt sich jedem anderen überlegen. Er ist überzeugt, dass das Ende der Tage beweisen wird, dass er alleine Träger der Wahrheit ist und dass alle anderen versagt haben. Er verfällt dem hydraulischen Effekt: Um sich selbst nach oben zu katapultieren, drückt er den anderen nach unten. Jüdische Tradition nennt dies «lehitkabed bekalon chavero» – sich auf Kosten des Nächsten zu profilieren. Nebst dem Triumphalismus gibt es ein anderes Extrem: Homogenismus. Homogenisten versuchen, alle Unterschiede in einem wütenden Eintopf zu überspielen. Unsere Alternative ist ein organismisches Weltbild. Es betont, dass Völker, Nationen und Menschen auf unserem Planeten zusammenarbeiten müssen wie Zellen und Organe in unserem Körper.

Die Steuer, von der das Fundament des Heiligtums und später das tägliche Gemeinschaftsopfer bezahlt wurde, beträgt einen halben Schekel respektive zehn Gera. Die zehn Gera verweisen auf die Einheit jedes Einzelnen, der halbe Schekel darauf, dass man immer einen Verbündeten braucht. Niemals wurde dieser Gedanke erhellender ausgedrückt als von jenem sechsjährigen Mädchen: «Ich halte mir die Augen zu und du guckst.»

Michael Goldberger schrieb von 2001 bis 2012 Sidrabetrachtungen für tachles. Erschienen sind diese im Buch «Schwarzes Feuer auf weissem Feuer: Ein Blick zwischen die Zeilen der biblischen Wochenabschnitte», woraus dieser Text stammt.

Rabbiner Michael Goldberger