Talmud heute 11. Sep 2026

Der Blinde und der Taube

Der Eintritt ins neue jüdische Jahr, der im Rahmen des Rosch-Haschana-Feiertags stets von einem ernsten, reflektiven Unterton begleitet wird, ist ein gegebener Anlass, uns über unser Leben in dieser Welt Gedanken zu machen. Niemand beschreibt es so schön wie die Existenzialphilosophen: Wir Menschen werden in diese Welt hineingeboren, in eine gewisse Ära, in ein gewisses ethnisches und familiäres Umfeld. Wir werden mit bestimmten Genen, Talenten und Schwächen ausgestattet und in dieses irdische Leben «geworfen». Diese «Geworfenheit» des Menschen widerhallt in den «Sprüchen der Väter»: «Wider deinen Willen wirst du gezeugt, wider deinen Willen wirst du geboren, wider deinen Willen lebst du, wider deinen Willen stirbst du, und wider deinen Willen musst du Rechenschaft ablegen vor dem König der Könige, dem Heiligen gelobt sei er.» (Mischna, Awot 4:29) Es besteht jedoch ein Problem. Wenn ich in dieses Leben ohne jegliche Zustimmung meinerseits «geworfen» wurde, wieso sollte ich dann für dieses mir auferzwungene Dasein Rechenschaft ablegen? Wieso soll ich für eine Situation moralisch verantwortlich sein, in welche ich gegen meinen Willen hineinkatapultiert wurde?

Der osteuropäische Rabbiner Jakob Kranz (1740–1804) war bekannt als «Maggid von Dubno». Ein «Maggid» ist ein sogenannter Gleichnisredner, der schwierige religionsphilosophische Fragen durch Parabeln aus dem menschlichen Leben zu erläutern versucht. In Anlehnung an die oben zitierte Mischna erzählte der Maggid von Dubno folgende Geschichte: Einst gab es zwei Brüder, der eine war blind, der andere taub. Deren Vater machte sich grosse Sorgen, wie er seine beiden Söhne verheiraten könne. Doch eines Tages kam ein «Schadchen» («Heiratsvermittler») vorbei und sagte dem Vater, er habe eine Glanzidee. Er kenne nämlich in einem anderen Städtchen zwei junge Frauen. Die erste sei leider etwas hässlich geraten, und die zweite sei extrem laut und pflege keine schöne Sprache. Die unschöne Frau solle doch dem blinden Sohn vermittelt werden, da ihn ihr Makel eh nicht stören würde, und die laute dem tauben Sohn, den ihre Schreiereien nicht irritieren würden.

Und in der Tat, die Hochzeitsglocken läuteten! Beide Paare wurden vermählt und beide Ehen funktionierten ausgezeichnet. Alles schien seinen guten Lauf zu nehmen, bis eines Tages ein berühmter Arzt dem Städtchen einen Besuch abstattete. Als er die Brüder kennenlernte, sagte er beiden, er könne ihre Krankheit heilen. Und in der Tat hatte seine Heilungsmethode Erfolg: Der Blinde erlangte unverhofft sein Augenlicht und der Taube konnte auf wunderbare Weise wieder hören!

Doch die Freude war leider von kurzer Dauer. Denn als die beiden geheilten Männer nach Hause kamen, erkannten sie die schockierende Realität. Der Blinde sah, dass seine Frau alles andere als «die Schönste im ganzen Land» war, und der Taube hörte zum ersten Mal, wie seine Frau um sich schrie und Fluchwörter um sich warf. Als der Arzt seinen Lohn für die erfolgreiche Therapie forderte, weigerten sich die beiden Brüder vehement zu zahlen, da ihr Leben seit der Heilung eine regelrechte Katastrophe geworden sei! Also kam das Problem vor den Rabbi. Dieser grübelte und grübelte und entschied schliesslich: «Es besteht keine andere Möglichkeit, als zum alten Zustand zurückzukehren. Der Arzt soll jedem seinen einstigen Defekt wieder geben.» Der Protest der beiden Brüder liess nicht lange auf sich warten. Sie weigerten sich, ein weiteres Mal ihre Sehkraft beziehungsweise ihr Gehör zu verlieren. «Na dann», sprach der Rabbi, «dann müsst ihr dem Arzt wider Willen die Rechnung bezahlen.»

Genauso hält es sich mit unserem Leben. Wir kommen zwar unwillig auf diese Welt, aber wir entwickeln eine «Akzeptanz des Lebens» (Birnbaum-Monheit) und müssen für dieses schliesslich Rechenschaft ablegen. In der Tat wurden wir wider Willen in unser Dasein «geworfen», aber trotz oder gerade wegen der Ausgangslage unserer «Geworfenheit» besitzen wir die absolute Freiheit, im Rahmen unseres Lebens alltäglich, allstündlich Entscheidungen zu treffen, die unsere Zukunft entwerfen. Der Mensch ist also insofern ein «geworfener Entwurf» (Heidegger). Es wäre nicht überraschend, wenn der französische Existenzialist Jean-Paul Sartre (1905–1980) die oben zitierte Quelle in der Mischna gekannt hätte, als er seinen berühmten Satz formulierte: «Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut.»

Diese Anschauung soll uns nicht lähmen oder gar deprimieren, ganz im Gegenteil. Sie soll uns animieren, jetzt, da wir uns schon auf dieser abenteuerlichen Reise namens Leben befinden, das Beste aus ihr zu machen. Möge das neue Jahr ein gesegnetes werden, resultierend aus vielen guten Entscheidungen, die jede und jeder von uns zu treffen aufgefordert ist. Schana towa!

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn