25 Jahre nach dem Anschlag auf die Twin Towers von Manhatten.
Wer alt genug ist, mag sich in den USA an eine Frage erinnern, die schockierte Fachleute und Insider aus Politik und Militär in den ersten Tagen nach den Anschlägen von 9/11 vor nun 25 Jahren diskutierten: «Why do they hate us?» Mit «They» waren weniger die Handvoll Muslime vorwiegend aus Saudi-Arabien gemeint, welche die Terror-Attacken geplant und ausgeführt hatten. Etliche der Täter hatten wie Osama Bin-Laden Wurzeln im Jemen. Aber die damalige Diskussion nahm den Jubel auf, mit dem «9/11» mancherorts in der muslimischen Welt begrüsst wurde. Dabei fielen die Reaktionen durchweg gemischt aus und sogar Muammar Gadaffi in Libyen und die ägyptischen Muslim-Brüder bedauerten den Tod so vieler Zivilisten, die noch dazu aus allen Weltecken stammten.
Aber Debatten über Sinn, Ziele und Konsequenzen der aus historischer Sicht französisch- und britisch-imperialen Mustern zumindest teilweise folgenden – und darin vom Kalten Krieg mit den Sowjets geprägten – Nahost-Politik Washingtons machten seinerzeit rasch Rufen nach Rache und Vergeltung Platz. So hat der «New York Times»-Kolumnist Tom Friedman die von ihm unterstützte Irak-Invasion mit der «Notwendigkeit» begründet, Amerika müsse in Nahost «einen sehr grossen Knüppel direkt ins Herz» einer «terroristischen Blase stossen» und diese «zum Platzen bringen».
Doch diese Rechnung ging bekanntlich nicht auf. Stattdessen griff in den USA ein Hass auf Muslime um sich, der etwa in wutschäumenden Protesten gegen den geplanten Bau eines muslimischen Gemeinde-Zentrums nördlich von Ground Zero in Manhattan Ausdruck fand. Aber das Desaster der amerikanischen Invasionen und Interventionen im «Globalen Krieg gegen den Terror» produzierte immense Schulden, Tausende von Todesopfern unter US-Militärs und Kontrakt-Angestellten, sowie vermutlich Hunderttausende, die teilweise lebensbedrohliche Vergiftungen durch die Verbrennung von Unmengen toxischer Stoffe in offenen Gruben – «Burn Pits» – davon trugen. Dazu kommen natürlich die immensen Verwerfungen und Menschenopfer in regionalen Gesellschaften. Diese spielen in amerikanischen Diskussionen kaum eine Rolle.
Unter die Folgen ist aber sicherlich Trump zu rechnen, der 2016 unter dem Motto «America First» – dem Rückzug der Nation von «Kriegen in Übersee» – Präsident wurde. Gleichwohl hat er schon im Wahlkampf Hass nicht zuletzt gegen Muslime im Lande geschürt. Von daher wirkt es ironisch oder eher absurd, dass er 2024 nicht zuletzt mit den Stimmen arabisch-amerikanischer Bürgerinnen und Bürger in Michigan erneut Präsident wurde, die Joe Biden dessen «unverbrüchliche Freundschaft» zu Israel im Gaza-Krieg verübelt haben.
Heute hat der Hass auf Muslime erneut Konjunktur zumindest in Teilen der MAGA-Bewegung. Eine Zielscheibe ist Abdul El-Sayed, der demokratische Senats-Kandidat in Michigan. Der Arzt und ehemalig Gesundheits-Bürokrat hat seine denkbar knappe Nominierung der massiven Unterstützung arabischer Gemeinschaften mit zu verdanken. Nun verteufeln ihn sein republikanischer Konkurrent Mike Rogers und «Influencer» wie Laura Loomer als Terroristen-Fan. In Texas laufen Konservative gegen den Bau von Moscheen und muslimischen Gemeindezentren Sturm, während der republikanische Senats-Kandidat Jake Lang aus Florida mit seiner Gruppe «Americans Against Islamization» jüngst vor einer Kirche in Harlem einen Koran zerrissen hat.
Liberale jüdische Stimmen warnen auch deshalb vor solchen Exzessen, weil Hass auf Minoritäten leicht Grenzen zwischen derartigen Gemeinschaften überspringt. Und tatsächlich hat Trumps «unerschütterliche Freundschaft» wenn nicht mit Israel, so doch mit Binyamin Netanyahu zu der laufenden und neuerlich dramatisch eskalierenden «Militär-Operation» gegen Iran geführt. Agitatoren aus beiden Lagern – primär aber doch im MAGA-Dunstkreis schlagen daraus Kapital und fachen Hass gegen Juden als Strippenzieher und Nutzniesser diese weiteren «Endlos-Krieges Amerikas in Nahost».
Womöglich geht also die klassische Rechnung von Terroristen auf, die auch Bin Laden angestellt hat: als Waffe von Schwachen sollen Gräueltaten wie 9/11 eine Grossmacht zu Überreaktionen provozieren, die sie auf lange Sicht schwächen oder gar in die Knie zwingen. So lange es in Amerika noch freie Wahlen gibt, muss dieser Weg aber keineswegs Schicksal sein.