Rosch Haschana, Jahresbeginn, der Tag des Abschlusses der Erschaffung der Welt und Geburtstag Adams, des ersten Menschen: Es ist der Tag – beziehungsweise die zwei Tage –, an denen Gott über die Menschen zu Gericht sitzt. Das Verhalten des Individuums, aber auch der Gesellschaft als Kollektiv wird beurteilt. Es gibt keine Ausreden, Ausflüchte mehr, keine Egos, keine selbstgerechten Lebenslügen.
Alles wird ausgebreitet, totale Transparenz und Ehrlichkeit werden eingefordert. Die Illusionen platzen. In den zehn Tagen der Busse, den auf Rosh Haschana folgenden Asseret Jemei Tschuva, bietet sich die Gelegenheit zur Reue und zur individuellen und kollektiven Umkehr, wie dies Rabbiner Joseph B. Soloveichik und Rabbiner Avraham Hakohen Kook in ihren berühmten Werken «Al HaTeshuva» und «Orot HaTeschuva» so eindrücklich schildern.
Die Teshuva, die Umkehr, bedeutet unablässige Selbstanalyse, um zu erkennen, dass das Individuum und/oder die Gesellschaft auf dem falschen Weg ist. Als Konsequenz folgt die Abkehr und der Abschied von den alten, eingefahrenen Wegen, von Meinungen und Gewohnheiten, die ins Nirgendwo führen. «Denn die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten», wie Albert Einstein gesagt haben soll.
In diesen Tagen der «Jamim Noraim» – der «schrecklichen» oder «Ehrfurcht gebietenden» Tage – müssen deshalb auch die jüdischen Gemeinden in Europa ehrlich analysieren, wo sie stehen und wohin sie gehen. Nun, die Bilanz ist durchzogen, in dieser Woche, da die AfD nach ihrem überragenden Wahlsieg in Sachsen-Anhalt in Umfragen mit 28 Prozent Wähleranteil in ganz Deutschland die stärkste Partei ist. Die Stützen der alten Bundesrepublik sind – durchaus auch selbst verschuldet – in freien Fall. Für die jüdischen Gemeinden Deutschlands bedeutet dies das Ende jahrzehntealter Gewissheiten. Die Zukunft wird unsicher. Die Gedenkkultur wird in Frage gestellt, wie dies in diesen Tagen durch die Äusserungen eines AfD-Vertreters auf Galei Zahal, dem populären israelischen Nachrichtensender, klar wurde: Man wolle künftig weniger über die Schoah reden an deutschen Schulen. Es gäbe auch andere Aspekte deutscher Geschichte. Deutschland habe seine Lektion gelernt.
Aber auch von Links kommen die Angriffe auf die Gedenkkultur. Und so ist auch von dort kaum noch etwas Positives zu erwarten, wie die Verwerfungen rund um antisemitische Äusserungen von Vertretern der Partei der Linken im Berliner Wahlkampf zeigen.
In Grossbritannien herrscht in der jüdischen Gemeinde gerade grosses Entsetzen, nachdem die aktuelle Labour-Regierung einen Boykott gegen Güter und Dienste aus den israelischen Siedlungen erlassen hat, nicht ohne im Parlament Zahlen und Behauptungen zu verbreiten, die direkt aus der Hamas-Propagandamaschinerie stammen.
Natürlich ist es unbegreiflich und katastrophal, dass die gegenwärtige israelische Regierung, die so oder so nur noch zwei Monate im Amt ist, Übergriffe von Gruppen jugendlicher jüdischer Gewalttäter nicht effektiver bekämpft und so Unruhe und Anarchie Vorschub leistet.
Bei der Aktion der Labour-Regierung geht es aber gar nicht um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung in der Westbank und das Streben nach einer friedlichen Lösung des Nahostkonfliktes. Es geht um britische Innenpolitik, darum, dass Labour die Wähler davonlaufen und zu den Grünen und linksextremen Gruppen wechseln, die alle einen auch aus unseren Breitengraden bekannten vehementen Anti-Israelismus pflegen, der immer wieder in Antisemitismus abgleitet.
Der Publizist Dov Forman fasste das diese Woche im Jewish Chronicle, der ältesten jüdischen Zeitung Europas, prägnant zusammen: «Schon vor einem Monat schrieb ich auf diesen Seiten, dass Premierminister Andy Burnham beschlossen hat, die britischen Juden unter den Bus zu werfen. Labour hat Zahlen der Wählerinnen und Wähler analysiert. Unsere Gemeinde wurde für zu klein befunden, um elektoral noch ins Gewicht zu fallen. Wir werden nun für ein grösseres, wahltechnisch wertvolleres Publikum geopfert».
Auch der britische Oberrabbiner Sir Ephraim Mirvis äusserte sich kritisch. Er warnte davor, dass die Sanktionen gegen die Siedlungen zu einem «de facto»-Boykott von ganz Israel werden könnten und so oder so «unverhältnismässig grosse Auswirkungen auf die britischen Juden aufgrund unserer engen religiösen, familiären, karitativen und pädagogischen Bindungen zu Israel haben könnten». Mit anderen Worten: Die Sicherheit und Zukunft der britischen Juden sind gefährdet, wie diverse jüdische Organisationen dem Premier kommuniziert haben sollen.
Konkret gehe es bei der aktuellen Aktion der Regierung um den vakanten Sitz des ehemaligen Premiers Keir Starmer. Dieser hatte als Labour-Chef mit der antisemitischen Politik seines Vorgängers Jeremy Corbyn aufgeräumt und das in seiner Rücktrittsrede auch als eine seiner grossen Leistungen erwähnt. Offenbar ist das bei den Wählerinnen und Wählern von Labour und seines Wahlkreises nicht gut angekommen. Dank der erneuten Distanzierung von Israel und den Juden hofft die Regierung Burnham nun, in der Wählergunst wieder Auftrieb zu bekommen und den von Starmer geräumten Sitz erfolgreich verteidigen zu können.
Damit bestätigt sich, was wir schon im Juli an dieser Stelle geschrieben haben: «Es geht um Wählerstimmen. Offenbar sind für die Politstrategen von Labour die 300 000 Jüdinnen und Juden in Grossbritannien gegenüber 2,8 Millionen muslimischen Wählerinnen und Wählern kein politischer Faktor mehr, obwohl Labour seit dem 19. Jahrhundert die politische Heimat der meisten britischen Jüdinnen und Juden war. All das zählt nicht mehr. Ähnliches geschieht in anderen europäischen Ländern, am markantesten in Frankreich, wo Jean-Luc Mélenchon von France Insoumise im Vorfeld der nächsten Präsidentenwahlen durch eine klar antisemitisch geprägte, antiisraelische Politik die Stimmen der islamistisch geprägten französischen Vorstädte – der Banlieue – gewinnen will. Man spricht in Frankreich bereits von «Islamo-Gauchisme» («islamische Linke»). Auch hier liegt der Schlüssel in den Zahlen: Rund 450 000 jüdische Wählerinnen und Wähler stehen rund 5 bis 6 Millionen muslimischen Wählerinnen und Wählern gegenüber. Zahlen zählen oder wie Herzl schrieb: «Im Völkerverkehr ist alles eine Machtfrage.» Herzl lebte in Wien unter dem christlich-sozialen Bürgermeister Karl Lueger, welcher mit antisemitischen Programmen Wahlen gewann, aber persönlich viele jüdische Freunde hatte. «Wer Jude ist, bestimme ich», sagte er, als er auf den Widerspruch zwischen seiner politischen und seiner persönlichen Haltung angesprochen wurde. Judenfeindlichkeit, um Wahlen zu gewinnen: Der Zynismus kennt keine Grenzen, damals und heute.»
An diesen Tagen der Umkehr und der ehrlichen Selbsterkenntnis gilt es nun, ohne Scheuklappen wahrzunehmen, wo wir als jüdische Gemeinschaft in Europa stehen. Denn es geht bei der aktuellen antiisraelischen Welle nicht um «Israelkritik», um die Kritik an einer dysfunktionalen Koalition mit extremistischen Ministern, die demnächst abtritt. Denn egal, wer die israelischen Wahlen gewinnt, die antiisraelische und antijüdische Welle wird weitergehen. Darüber sollte man sich keine Illusionen machen. Wir haben es mit einer fundamental neuen Situation zu tun, die jahrzehntealte Gewissheiten und Allianzen über den Haufen wirft und uns als Jüdinnen und Juden in Europa gefährdet, egal wo wir politisch und religiös stehen. Dies gilt es zu erkennen und entsprechend politisch zu handeln, wenn wir denn eine Zukunft in Europa haben wollen.
Simon Erlanger ist Historiker und Journalist und lebt in Basel.
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11. Sep 2026
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