Sidra Rosch Haschana 11. Sep 2026

Awraham und wir

Man kann etliche Gründe dafür nennen, warum am Rosch Haschana die Geschichte von der Geburt Jizchaks und dessen Folgen, inklusive der Vertreibung Hagars und Jischmaels aus Awrahams Haushalt, bis hin zur Beilegung eines Brunnenstreits mit dem König Awimelech (am ersten Tag) und dann die Fortsetzung, in deren Zentrum die Bindung Jizchaks steht (am zweiten Tag), gelesen wird. Ein oft genannter Grund ist natürlich die Erwähnung des Widders, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfängt und dann statt Jizchaks geopfert wird, ein Hinweis auf das Widderhorn, das als Schofar dient. Ein anderer Grund ist der, dass insbesondere Awraham und Jizchak als Zeugen aufgerufen werden – treue Diener Gottes, die für ihre Nachkommen, das Volk Israel, vor Gottes Gericht Erbarmen erwirken sollen.

Doch es scheint, dass dies nur Einzelpunkte sind, die wir herauspicken; die Lektüre beider Kapitel an zwei Tagen nacheinander hat noch eine andere Bedeutung. Der erste Tag beginnt mit einer Freude, wie sie grösser nicht auszudenken ist: Awraham und Sara werden, wie ihnen angekündigt worden ist, tatsächlich Eltern, im hohen Alter. Doch kurz danach beginnen die Herausforderungen: Sara sieht das Wohl ihres Sohnes Jizchak durch die Präsenz Jischmaels gefährdet, und so wird der Halbbruder, gemeinsam mit seiner Mutter, weggebracht. Gott rettet beide vor dem Verdursten, aber wir haben bereits begriffen, dass mit der Geburt des Kindes Awrahams und Saras die Welt nicht einfacher geworden ist. Es gibt neue pädagogische und moralische Herausforderungen. Auch Awrahams Sitz im Land ist nach wie vor kompliziert. Es kommt zu einem Konflikt mit dem König Awimelech um Wasser; es kann – wie aus Sicht Saras und Awrahams auch das Problem Jischmael – gelöst werden. Wer die Fortsetzung nicht kennen würde und am ersten Tag von Rosch Haschana nach Hause ginge, wäre in Hinsicht auf die Geschichte Awrahams beruhigt.

Doch die Lesung am zweiten Tag beginnt wie die des ersten mit einem Paukenschlag – diesmal allerdings nicht dem erfreulichen einer Geburt, sondern im Gegenteil dem vollkommen unerwarteten Befehl Gottes an Awraham, Jizchak, auf den und dessen Nachkommenschaft zuvor die Existenz seiner Eltern weitgehend ausgerichtet schien, selbst zu töten. Wir kennen die Fortsetzung, und es soll nun nicht die Psychologie Awrahams oder Jizchaks analysiert, sondern auf einen ganz anderen Punkt referiert werden: Rosch Haschana ist, wie vielleicht kein anderer Moment im Jahr, jener Augenblick, in dem wir die Offenheit der Zukunft spüren. Unsere persönliche, die unserer nächsten Angehörigen und womöglich die des ganzen Volkes. Sind wir gerade in einer grossartigen, erfolgreichen Phase unseres Lebens, so ist, auch wenn wir es kaum wahrhaben wollen, kaum vermeidbar, dass wir in kleinere oder grössere Probleme hineinschlittern können – sind wir verzweifelt und stehen vor scheinbar unbewältigbaren Herausforderungen, so besteht dennoch die Möglichkeit, dass alles am Ende eine unerwartete Wendung nimmt und wir die Ängste und den Kummer beiseite legen oder zumindest unverhofften Trost finden können.

Awraham steht in jeder neuen Phase der beiden Kapitel, die wir an diesen beiden Tagen lesen, in gewisser Weise an einem neuen Rosch Haschana. Was ihn auszeichnet, ist das offensichtliche Bewusstsein, sich immer aufgehoben zu fühlen in einer von Gott geführten Welt. Die Entscheidungen, die er trifft, erscheinen zum Teil unmenschlich hart: Gegen Hagar und Jischmael (der ja auch sein Sohn ist) und gegen Jizchak, und damit immer auch gegen sich selbst. Aber sie sind beide Male im Einklang mit Gottes Wort gefällt. Awraham versucht zu verstehen, wie er Herausforderungen zu meistern hat und vertraut darauf, dass seine Entscheidungen im Gesamtgefüge einer göttlichen Welt die richtigen sind. Dass er nicht in einem sinn- und planlosen Kosmos lebt, sondern seine Schicksalsschläge und Herausforderungen sich in einen Plan einfügen, den Gott mit ihm und seinen Nachkommen (auch Jischmael) hat.

In diesem Sinne ist der letzte Abschnitt der Lektüre nach der Bindung Jizhacks interessant. Er berichtet im Sinne einer erzählerischen Antiklimax von Familienereignissen, den Nachkommen seines weit entfernt lebenden Bruders Nachor. Warum plötzlich diese Beschäftigung mit einer Nebenperson, die uns sonst kaum begegnet? Doch wir verstehen es gleich, als die Geburt von Rivka verkündet wird, der späteren Frau Jizchaks. All dies «wird Awraham erzählt», wie wir lesen. Aber Awraham ist nie nur ein passiver Konsument von Nachrichten. Nach dem überstandenen Schock auf dem Berg Moriah ist bereits ein neuer Rosch Haschana für ihn angebrochen; er macht sich seine Gedanken und weiss, dass hier die nächste Aufgabe auf ihn wartet.

Diese Kombination von Vertrauen und Wachheit ist es, die wir an Rosch Haschana spüren sollten, die uns helfen möge, im kommenden Jahr Zuversicht und Freude zu finden.

Alfred Bodenheimer