Natürlich kann man untersuchen, warum so viele Menschen in letzter Zeit nur noch brüllen, anstatt zu reden. Sich gegenseitig beleidigen, anstatt zu denken.
In der Politik – also der kleinen Gruppe, die demokratisch in Wahlen vom Volk zusammengestellt wurde – wird beleidigt und herumgebrüllt. Es wird einander nicht zugehört und kein Kompromiss gesucht, was die eigentliche Aufgabe von Volksvertretern wäre.
Diese Vorbildwirkung setzt sich in den Medien, die Partei ergreifen und Gegenpositionen lächerlich machen, fort. Auf amerikanischen Plattformen wird die Lagerbildung durch Algorithmen befeuert und es wird versucht, Künstler, Wissenschaftler oder Denker, die eine andere Meinung als die eigene haben, oder irgendetwas gesagt oder nicht gesagt haben, zu behindern.
Begleitet vom Einschlag der imaginären Raketen, die gerade unsere Welt zerstören, wird fast verzweifelt geschrien, als könne man so reparieren, was an Wahnsinn um uns passiert. Jede hat Recht, jedes Recht ist egal, denn es liegt beim Stärkeren, also beim Reicheren. Was für eine Zeit, in der die Vulgarität von Milliardären, die Städte für ihre Partys mieten und dann da auch nur Reichenzeug machen, bewundert wird. Nicht Geist, Zurückhaltung, Eleganz – laut muss es sein, um aufzufallen, um nicht unterzugehen im Strudel, der die Menschheit scheinbar ergriffen hat. Schnelle Empörung statt der Suche nach Verständnis.
Weil wir gerade davon reden – also ich rede und habe recht: Die Berlinale 2026 wurde medial beherrscht vom Aufschlag eines Journalisten, der in der ersten Pressekonferenz der Jury, gebildet aus Künstlern, ein politisches Bekenntnis einforderte. Kann man machen. Frieden für alle kann man machen, wenn man betroffen ist von all dem Unrecht in der Welt. Dem absurden Bombardement Gazas, dem grauenhaften Krieg im Sudan, die Menschen, die auf der Flucht bewusst in den Tod geschickt werden, die Menschen in Flüchtlingslagern, Armut weltweit und im reichen Westen, die Unmenschlichkeit Sinti und Roma gegenüber, die Altersarmut. Es gibt diese Abscheulichkeiten, die Ausdruck des Dumpfen, des Hasses und der Dummheit von Menschen sind. Redlich, wenn man sie anprangert, wenn man seine Ohnmacht mit politischem Aktivismus besiegen möchte.
Kann man machen, wenn man bedenkt, dass ein älterer Mensch, der angetreten ist, um Kunst zu bewerten, vielleicht nicht im ADHS-Takt der TikTok-Generation auf eine politische Frage eine druckreife Antwort hat. Sicher kann man meinen, man sollte heute auf alles vorbereitet sein, alles entschuldigen, anklagen, verurteilen können, aber wozu?
Die Reaktion auf die Unsicherheit des Wim Wenders war die übliche: Empörung, offene Briefe, schnell, hastig, ohne nachzudenken, nachzufragen, nur ja auf der richtigen Seite stehen, ein kurzes Gefühl der Überlegenheit, in dem Fall über einen Künstler, der in seinem Leben meist nie illustriert hat, sondern kreiert – das, was Kunst im besten Fall also leisten sollte.
Und nun bin ich ratlos.
Wann sind alle nur so durchgedreht? So klugscheisserisch, unversöhnlich, bitter geworden, dass nicht einmal eine behutsame Nachfrage, ein Versuch des Begreifens möglich ist. Was bringt uns, dem Volk, diese Trennung voneinander, dieser Zerfall in kleine Guerilla-Einheiten, auf der Suche nach dem Recht, in der Behauptung des Alleinwissens. Sind das gute Gefühl, zu den Klugen zu gehören, und die hektische Suche nach Worten, die man fehlinterpretieren kann, Gedanken, die man zerlegen mag, Unterstellungen, Verachtung, Hass wirklich angenehmer als das Gefühl, wieder zu einem Volk zu werden, das mächtig ist, in einer friedlichen Koexistenz von Verschiedenheit?
Wie sollen wir denn miteinander leben, wenn wir einander nicht mehr hören und akzeptieren und andere Meinungen zulassen? Wenn wir nicht die Grösse haben, uns infrage zu stellen, oder die Weisheit, zu akzeptieren, genauso im Recht zu sein wie acht Milliarden andere? Wenn jedes Wort ein falsches sein kann, wenn man den Satz «man muss halt einfach mit Widerspruch rechnen» anwendet, um Sätze, Worte, zu bestrafen, oder etwas, das nicht gesagt wurde, oder nicht richtig, oder mit dem falschen Gesichtsausdruck, dann verstummen viele. Oder reden in vorgefertigten Stereotypen.
So schnell ist ein Post gemacht, etwas retweetet, etwas kommentiert und so langsam der Prozess, sich in einen anderen zu versetzen, seine Meinung auszuhalten, sich entweder zu sagen: «das ist ja mal eine andere Meinung» oder zu erkennen, dass man keine Ahnung hat oder dass es die Weltpolitik nicht wesentlich beeinflusst, was wir von ihr halten. Es aber zu erkennen, dass es den Nachbarn, den Menschen gegenüber, und unser Leben aber sehr beeinflusst, wenn es gelingt, den Nächsten nicht als Feind zu betrachten, sondern als Mitleidenden. Es könnte eine Einheit entstehen, ein Volk, das wirklich in der Lage sein kann, Dinge zu beeinflussen, die grösser sind als der Einzelne.
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.
die literarische Kolumne
27. Feb 2026
Das Gebrüll der Stunde
Sibylle Berg