antisemitismusbericht 2025 13. Mär 2026

Treten auf der Stelle

Antisemitismus in der Schweiz ist eine tägliche Realität, wenngleich dessen Erhebung jährlich Mängel aufweist.

Der Antisemitismusbericht 2025 für einen Teil der Schweiz zeigt einen Rückgang antisemitischer Vorfälle und eine Zunahme von digitalem Antisemitismus

In seinem Bericht für die «deutsch-, italienisch- und rätoromanischsprachige Schweiz» legen der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) Ergebnisse ihrer eigenen Erhebungen vor. Für die analoge Welt – im Bericht «reale Welt» genannt – wurden 177 antisemitische Vorfälle registriert (2024: 221; 2022: 57). Damit ging die Zahl gegenüber dem Vorjahr zurück, liegt aber weiterhin rund dreimal höher als vor dem 7. Oktober 2023. Registriert wurden fünf Tätlichkeiten (2024: 11; 2022: 1), 42 Beschimpfungen (2024: 42; 2022: 16), 80 antisemitische Aussagen (2024: 103; 2022: 6) sowie 28 Schmierereien (2024: 44; 2022: 9). Der Krieg im Nahen Osten blieb mit 37,3 Prozent der Fälle der wichtigste Trigger (2024: 44,8 Prozent). Insgesamt deutet dies auf eine Stabilisierung auf erhöhtem Niveau hin.

Online wurden im Berichtsjahr 2185 antisemitische Vorfälle registriert (2024: 1596), was einer Zunahme von 36,9 Prozent entspricht. Der SIG nutzt dafür seit 2024 eine neue Methodik zur systematischen Erfassung antisemitischer Inhalte. Ein Vergleich mit Zahlen vor dem Jahr 2024 ist daher nicht möglich. Mit 1445 Fällen entfiel der mit Abstand grösste Teil der Online-Vorfälle auf Telegram (2024: 890). Die Kommentarspalten von Online-Zeitungen bildeten mit 380 Vorfällen (2024: 300) den zweitgrössten Bereich. Antisemitische Inhalte fanden sich zudem auf allen grossen Social-Media-Plattformen. Inhaltlich dominierten antisemitische Verschwörungstheorien mit 42 Prozent der Online-Vorfälle (2024: 42 Prozent). 39,3 Prozent entfielen auf Antisemitismus allgemein, 12,4 Prozent auf israelbezogenen Antisemitismus (2024: 16,7 Prozent) und 6,3 Prozent auf Schoah-Leugnung oder -banalisierung (2024: 6 Prozent). Ein Bericht der Coordination Intercommunautaire contre L’Antisémitisme et la Diffamation (CICAD) für die französische Schweiz wird von SIG und GRA nicht erwähnt, liegt aber vor (siehe Kasten)

Problembereich Universitäten
Im Bericht wird erneut eine Befragung aus dem Jahr 2024 – eine neue liegt nicht vor – zur Stimmung innerhalb der jüdischen Bevölkerung angeführt. Seit dem 7. Oktober 2023 erlebten viele jüdische Menschen in der Schweiz Antisemitismus nicht mehr nur statistisch, sondern im Alltag – mit spürbaren Folgen für Sicherheit und Teilhabe. Auch nicht eindeutig antisemitische Ereignisse tragen insgesamt zu einer belastenden und bedrohlichen Stimmung bei, besonders an Universitäten und im Kulturbereich. An Hochschulen, so der Bericht, kam es zu propalästinensischen Aktionen, teils mit Gewaltaufrufen, persönlicher Einschüchterung und Störungen von Lehrveranstaltungen. Diese Dynamik belastete jüdische Studierende und Lehrende, gefährdete akademische Kooperationen und die Wissenschaftsfreiheit. Im Kulturbetrieb wurden Personen wegen ihrer Haltung zu Israel unter Druck gesetzt oder ausgegrenzt; Solidarität blieb häufig aus Angst aus. Viele jüdische Betroffene verbergen ihre Identität, legen religiöse Symbole ab und fühlen sich aus öffentlichen Räumen verdrängt.

Codewörter und Stimmungen
Namentlich zu Wort kommt in einem Gastbeitrag die Wissenschaftlerin Christina Späti. Christina Späti schreibt, dass seit dem 7. Oktober 2023 antisemitische Äusserungen, Übergriffe und Schmierereien in der Schweiz deutlich zugenommen haben. Es komme zu Tabubrüchen und zugleich zu einer schleichenden Normalisierung antisemitischer Argumentationsmuster. Antisemitismus trete heute stärker in breiteren gesellschaftlichen Milieus auf und nicht mehr nur in Randgruppen. Typisch seien Codewörter wie «Zionist» sowie die fehlende Unterscheidung zwischen Israel und Jüdinnen und Juden. Soziale Medien verstärkten Pauschalisierungen, die Internationalisierung von Parolen und Gewöhnungseffekte. Zugleich zeigten sich physische Ausgrenzung, Täter-Opfer-Umkehr und ein anhaltendes Wissensdefizit über Antisemitismus.

Die Herstellung des Berichts bleibt anonym. Im Impressum wird neben den Organisationen SIG und GRA lediglich Solitaire Design für die Gestaltung erwähnt. Dies wirft Fragen auf. Der Bericht wird nicht von Wissenschaftlern, sondern von Büromitarbeitern erstellt. Auf Nachfrage beim SIG will dieser die Namen und Verantwortlichen auch in diesem Jahr nicht nennen. Im Interview mit tachles sieht der SIG-Präsident Ralph Friedländer die inhaltliche Verantwortung bei sich und fordert zugleich, dass der Staat dafür finanziell aufkommen müsse; er hoffe, dass dies im Rahmen der am 5. Dezember vom Bundesrat angekündigten ersten nationalen Strategie umgesetzt werden könne. Sie soll gemäss Bundesrat Rassismus und Antisemitismus besser erfassen, Betroffene schützen, Prävention stärken und als gemeinsamer Rahmen für Bund, Kantone und Gemeinden dienen. Friedländer kann sich vorstellen, dass der SIG die Mittel erhält und diese umsetzt, und er hat bereits neues Personal für die Erstellung des jetzigen Berichts rekrutiert.

Mehr Personal
Eine Idee aus einer Parallelwelt. Denn der SIG hat – teils zusammen mit der GRA – seit Jahren bewiesen, dass er das nicht kann, und dass er Zahlen liefert, die Folgendes zeigen: Es gibt keinen gesamtschweizerischen Bericht; in den Medien wird allerdings insinuiert, dass der SIG-GRA-Bericht ein solcher sei. Die Methodik der Erhebung bleibt fragwürdig und zeigt sich zunehmend auch bei der Erfassung digitaler Vorfälle, die der Bericht noch vor der «realen Welt» anführt. Die 2185 angeführten Resultate im Online-Bereich sind Abklatsch jeder online Wirklichkeit, die eben auch Realität ist. Dass all dies auch intern längst zu Verwerfungen geführt hat, zeigen Diskussionen zwischen GRA, SIG und CICAD über die Einordnung von Vorfällen. Die Kooperation des SIG mit der GRA läuft gemäss Vertrag aus, falls er nicht erneuert wird – was beiden nicht zu wünschen ist. Mitarbeitende, die am Bericht mitarbeiten, stellen gegenüber tachles Fragen und auch die letztlich getroffenen Entscheidungen zur Frage, was als antisemitisch gilt und was nicht, infrage – namentlich im Bereich von auf Israel bezogenen Botschaften. Doch offen will niemand sprechen; dies geht mit einer internen Stimmung einher, die seit Jahren zur Disposition steht. Externe Evaluationen zu Projektarbeiten des SIG werden nicht erhoben; bis vor Kurzem wurden keine Mitarbeitergespräche geführt. Eine erste Änderung hat nun die Einsetzung von Eva Schmidt gebracht. Sie soll die Finanzen und Verwaltung des SIG in den Griff bekommen.

Der Bericht macht Sinn für eine Lobbyorganisation, die damit Politik und Fundraising betreibt – doch sie hilft den Schweizer Jüdinnen und Juden nicht. Im Gegenteil: der SIG bewirtschaftet und stigmatisierte das Bild von Opferjuden, das er selbst zu bekämpfen vorgibt. Die aufwendig organisierten und teils falsch getriggerte Berichterstattung verschärft all dies teils mit absurden und dümmlichen Aussagen jener, von Antisemitismus wenig Ahnung haben und ihn für die tägliche Arbeit brauchen. – Die Möglichkeit für eine externe unabhängige und wissenschaftlich adäquate Erhebung, die auch SIG-Präsidenten immer wieder gewünscht aber nie umgesetzt haben, ist nun endlich gegeben, mehr als nötig und hätte den guten Effekt: der SIG kann die Verwaltung und somit das strukturelle Defizit verkleinern. Ein Ziel, das der damalige Präsident Ralph Lewin in seiner SIG-Strategie ankündigte, ohne aufzuzeigen, wie das möglich sein wird.

Yves Kugelmann