Charles Lewinsky publiziert zu seinem 80. Geburtstag einen anderen «Melnitz» – ein Gespräch über literarische Wandlungen, Israel im Krieg und Perspektiven für jüdisches Leben in Europa.
tachles: Eine neue Lebensdekade, ein neues Buch, ein anderer Melnitz – und wieder lässt Sie nach «Gerron», «Kastelau» und Ihren eigenen Produktionen das Thema Film nicht los. Ihr neuer Roman «Die andere Geschichte» handelt vom Filmproduzenten Melnitz.
Charles Lewinsky: Dass sich das Thema wiederholt, ist eher Zufall. Als ich zum Buch über Kurt Gerron zum Thema Ufa recherchierte, stiess ich bei Erich Kästner auf eine Erinnerung, aus der sich dann die Story für «Kastelau» entwickelte. Und beim neuen Buch hat es einfach damit zu tun, dass der zentrale Charakter tatsächlich in der Filmwelt lebte.
Curtis Melnitz ist Filmproduzent, begibt sich in Psychotherapie. Die Lebensebenen verbinden sich. Wo haben Sie ihn gefunden?
Ich schlage mich mit der Figur seit 70 Jahren herum, seit mir meine Grossmutter vom überraschenden Besuch des Mr. Melnitz bei ihr in Leipzig erzählte. Es gibt auch ein angefangenes Buch, für das ich sie benützen wollte. Ist mir aber nicht gelungen. Als ich den Roman über die Familie Meijer schrieb, sass dort plötzlich ein Herr Melnitz im Wohnzimmer und wollte in dem Buch vorkommen. Das hat mich damals selber überrascht, auch wenn es ein völlig anderer Melnitz war.
Was hat er denn so Spezielles an sich?
Als Knabe faszinierte mich ein winziges Detail: Er fuhr in zwei Autos vor. Das ist für ein Kind magisch. Später dachte ich, dass das Ganze mehr nach Urban Legend klinge. Dann versuchte ich herauszufinden, ob es in Hollywood mal einen wichtigen Mann dieses Namens gegeben hatte – fand ihn aber nicht. Dann las ich die Memoiren Lilli Palmers, wo er vorkommt. Heute mit dem Internet ist er leicht zu finden, und er war wohl nicht so wichtig, wie er sich selbst verkaufte. Wohl ein guter zweiter Mann, der immer gerne der erste gewesen wäre. Und weil er mir keine Ruhe liess, habe ich seine Lebensgeschichte erfunden.
Seit dem Familienepos «Melnitz» ist viel geschehen. Wie hat sich seit Erscheinung das Jüdische im öffentlichen Raum verändert?
Es ist ganz seltsam. Damals war die Hauptreaktion auf das Buch: «Das habe ich ja gar nicht gewusst.» Auch wenn es der Nachbar war. In den letzten Jahren gibt es zwei ansteigende Strömungen: den Antisemitismus und parallel dazu den demonstrativen Philosemitismus.
Ist der Antisemitismus heute wirklich stärker, war er nicht damals schon virulent vorhanden?
Virulent war er schon immer vorhanden – eine der wenigen stabilen Sachen in der Weltgeschichte. Aber jetzt sind die anonymen Briefe unterschrieben. Das Gefühl ist, dass man wieder dürfe. Und verändert hat sich der Mantel, den der Antisemitismus sich überzieht; es ist jetzt der Antizionismus. Aber es ist immer der gleiche alte Judenhass, man muss immer einen Grund haben, weshalb man jemanden hasst.
Was heisst das für Sie selbst?
Ich merke, dass es Sachen gibt, die mir richtig schwerfallen. Man hatte ja in meinen Jahrgängen eine sehr starke, auch emotionale Beziehung zu Israel. Nun ist es so, wie wenn ein Freund kriminell wird – ich will doch vom Gefühl her für Israel sein, aber für dieses Israel kann ich nicht sein.
Gibt es denn nicht viele, die Juden eigentlich gerne mögen, aber das aktuelle Israel nicht?
Von denen hört man halt wenig. Ich denke oft an meinen Onkel Akiwa, der zu den Staatsgründern Israels gehörte. Er hätte sich ein Israel, das nicht sozialdemokratisch und links ist, gar nicht vorstellen können. Würde er das heutige Israel sehen, auch noch Ben-Gvir treffen – undenkbar.
Können Sie aus Ihrer eigenen Einstellung jene verstehen, die Israel teils hart kritisieren?
Um Israel derzeit politisch scharf zu kritisieren, braucht man keine Begründung mehr, die liefert das Land selbst. Einmal, nur einmal – und das in tachles und sehr zu Recht – habe ich das entscheidende Wort erstmals gelesen: Pogrom. Was im Westjordanland passiert, ist ein Pogrom. Es gibt dafür kein anderes Wort, aber alle vermeiden es. Und wie kann ich ein Land unterstützen, das einen Justizminister hat, der ein Gesetz macht, das je nach Volkszugehörigkeit andere Regeln anwendet? Ich möchte einfach nicht, dass jene Leute, die ich als die Meinigen betrachte, so sind.
Kritik an Israel ist also heute gerechtfertigt?
Ja, aber das hat nichts mit dem Antisemitismus zu tun. Jene, die sowieso antisemitisch sind, benützen das gerne. Jedoch ist nicht jeder, der Israel kritisiert, deswegen ein Antisemit.
Und die Philosemiten?
Ich meine nach wie vor, dass meine Formulierung damals in «Ein ganz gewöhnlicher Jude» noch immer passend ist: «Der Antisemit würgt, der Philosemit umarmt, und bei beiden bleibt mir die Luft weg.» Und Philosemitismus ist oft genauso wenig begründet wie der Antisemitismus.
Reagieren Juden sensibler auf Antisemitismus als auf Philosemitismus?
Ich lehne alles ab, das mich als beschnittenen Mann in eine eigene Kategorie stellt.
Stehen dem nicht die oft jüdischen Themen Ihrer Bücher entgegen?
Ich habe auch viele Romane über andere Themen geschrieben. Und die jüdischen Themen haben einen ganz simplen Grund: Man muss über das schreiben, das nicht nur angelernt ist, sondern von dem man weiss, wie es riecht. Und meine vielen vorherigen Auftragswerke hatten ja nichts mit Literatur zu tun.
Und Ihr erstes Buch, «Hitler auf dem Rütli» von 1984?
Das handelte weniger vom Judentum, es war vielmehr eine Art Abwehrreflex gegen meine Geschichtslehrer. Ein kontrafaktisches Buch, weil sie uns in der Schule beibrachten, wie die Schweiz doch eigentlich Hitler-Deutschland besiegt habe und das Réduit stärker gewesen sei als die deutsche Wehrmacht. Irgendwann musste ich gegen das anschreiben, aber als Schweizer, nicht als Jude.
40 Jahre später findet in Zürich eine Debatte über den Umgang mit der Kunstsammlung des NS-Kollaborateurs Georg Bührle statt. Was hat sich seither verändert, oder auch nicht?
Es wird etwas mehr darüber geredet. Eine solche Debatte hätte es damals gar nicht gegeben. Und der Helden-Mythos der Schweiz, die immer alles gut macht und regelt, ist ziemlich verschwunden. Das hat sich verändert, aber wohl mehr debattenmässig.
Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass jemandem wie Bührle in einer Stadt wie Zürich der rote Teppich ausgelegt wird?
Ja, hätte ich mir gut vorstellen können. Denn die Schweiz war ja auch selbst ein Kollaborantenstaat.
Sie schreiben Geschichten und glauben nicht, dass man aus der Geschichte etwas lernen kann?
Nein, die Menschheit hat noch nie aus der Geschichte gelernt. Sonst hätten wir ja Frieden. Die Menschen meinen nur immer, jetzt hätten sie es verstanden. Es gibt ja den berühmten Spruch: «Noch ein letztes Massaker, und dann ist der ewige Friede erreicht.» In dieser Hinsicht bin ich zutiefst pessimistisch. Die Menschen lernen nichts.
Gilt das auch für die jüdische Zukunft?
Ich halte es in meinen Albträumen für möglich, dass es in 40 Jahren Israel nicht mehr gibt. Weil sich in der Weltgeschichte sehr selten ein kleiner Staat gegen ihn umgebende Feinde behaupten konnte. Nur mit Krieg gegen seine Nachbarn kann man keinen Staat erhalten. Ich hoffe, dass es anders kommt und auch in Israel nicht für immer die Rechtsextremen an der Macht bleiben.
Wie blicken Sie auf die Zukunft der jüdischen Gemeinschaften in Europa?
Ich habe sehr orthodoxe Verwandte, denen man das auch ansieht. Einer von ihnen sagte mir mal auf meine Frage, ob er nie Probleme mit Antisemitismus habe: «Doch, Gott sei Dank ja, denn ohne Antisemitismus gäbe es die Juden schon lange nicht mehr, weil wir uns schon längst in den anderen Völkern wie ein Stück Zucker im Tee aufgelöst hätten.» Und das hat etwas. Ausser den Juden gibt es kein Volk, das seit 2000 Jahren zusammen ist und noch existiert. Ich bin also optimistisch fürs Weiterexistieren. Aber nicht für dessen Qualität. Da bin ich gar nicht optimistisch. Die Debatte über Auswanderung unter den europäischen Juden gab es jedenfalls vor 20 Jahren noch nicht.
Wobei es seit Ende des Zweiten Weltkriegs allerdings immer besser geworden ist, oder nicht?
Wer wie ich 1946 in der Schweiz geboren wurde, hat sich sowohl geografisch wie temporär den besten Ort in der Weltgeschichte ausgesucht – besser ist es nie gegangen. Wer so wie ich aufgewachsen ist, darf sich eigentlich nie mehr über etwas beschweren. Und dieser Glücksfall prägt einen auch fürs Leben.
Autorinnen und Autoren werden zuweilen als Seismografen der Gesellschaft bezeichnet – sie beschreiben etwas, und Jahre später geschieht es. Sehen Sie bei sich eine solche Kompetenz?
Ich werde mir in vielleicht 50 Jahren vom Wölklein herunter anschauen, was Literaturwissenschaftler dazu sagen. Ich schreibe jedenfalls aber nicht seismografisch, sondern zähle mich zur eher aussterbenden Art der Geschichtenerzähler. Das tue ich gerne.
In jedem Fall erfinden Sie sich als Schriftsteller mit jedem Buch quasi neu. Jedes Buch hat eine andere Sprache – anders als bei vielen anderen bleiben Sie sich nie treu.
Ja, absolut. Es gibt zwei Arten von Schriftstellern, beide valabel. Bei denen einen weiss man sofort, dass nur dieser eine das geschrieben haben kann. Andere wie ich dagegen machen sich eine Freude daraus, für jede Geschichte die richtige Form und Sprache zu finden oder zu erfinden. Den richtigen Ton für eine Geschichte zu finden, ist für mich ein ganz wichtiger und spannender Teil des Kreativprozesses. Wenn ich den nicht finde, muss ich das Projekt aufgeben.
Ist diese Suche eher Leiden oder Herausforderung?
Ich muss zu meiner Schande gestehen: Ich leide beim Schreiben nicht. Ich schreibe gerne. Auch wenn es mal nicht funktioniert. Der Projektefriedhof hinter dem Haus eines Schriftstellers gehört dazu. Dagegen ist es der beste Moment, wenn es klick macht und die Form stimmt. Ab dann entwickelt sich die Handlung fast von selbst.
Seit Jahren wird das Ende des Buches prophezeit, obwohl mehr publiziert und gelesen wird. Wie nehmen Sie das wahr und blicken auf neue Herausforderungen wie AI?
Diese Klage war schon immer da. Es wird weiter Bücher geben, aber sie werden in der Gesellschaft nicht mehr die angestammte Bedeutung haben, weil sich andere Medien entwickelt haben. In einem Markt wie der Schweiz wird das Bücherschreiben immer eher ein Hobby bleiben. Die Jahresabrechnung über meine 18 Romane reicht nicht aus, um meine Miete in Zürich zu bezahlen … Von den Büchern könnte ich nicht leben, aber als Rentner lebe ich heute vom Ersparten, das aus meinen guten Fernsehzeiten stammt, wofür man damals gut bezahlt wurde. Das hat natürlich auch seinen Vorteil. Denn heute schreiben nur jene Leute literarische Bücher, die wirklich den inneren Drang dazu haben.
Nun feiern Sie den 80. Geburtstag mit einem 80-jährigen Protagonisten Melnitz.
Ja. Das war absehbar, und deshalb habe ich – ganz hinterhältig – die Premiere meines neuen Buches auf meinen Geburtstag gelegt. Wenn Cervelatprominenz einen Runden feiert, kommen die Journalisten, und dann müssen sie auch das Buch erwähnen. Ich habe das am 70. schon so gemacht. Und habe es für den 90. auch wieder vor.
Charles Lewinsky: Eine andere Geschichte, Diogenes Verlag, Zürich 2026.