Ein mysteriöser Genfer Lehrerverband sorgt für Rätsel und bringt die CICAD aufgrund eines Presseartikels in Rechtfertigungsdruck.
Mitten in der Sommerhitze hat der Kleinkrieg gegen die Interkommunale Koordinationsstelle gegen Antisemitismus und Diffamierung (CICAD) eine neue Stufe erreicht. Anfang August berichtete die «Tribune de Genève» über einen mysteriösen Angriff der Genfer Lehrervereinigung (FEG). Auf der Grundlage dieses einen Artikels wirft diese Gewerkschaft der CICAD vor, bei ihren Einsätzen an öffentlichen Schulen politisch und religiös geprägtes Unterrichtsmaterial zu verbreiten. Die Kritik der FEG richtet sich insbesondere gegen zwei Sensibilisierungs-Comics, die an die Schüler verteilt wurden. Diese würden einen politischen und religiösen Diskurs vermitteln, der gegen das Gesetz über das öffentliche Bildungswesen verstösst. Darin würden arabisch-muslimische Bevölkerungsgruppen durch radikalisierte Figuren stigmatisiert, heisst es in dem Zeitungsartikel, der zudem berichtet, dass die FEG dieses Material zu Beginn des neuen Schuljahres mit dem Departement für öffentliche Bildung (DIP) erörtern möchte.
Ein Angriff, den man im Zusammenhang mit anderen Aktionen dieser Art sehen muss, die gegen die Organisation zur Bekämpfung von Antisemitismus und Diffamierung geführt werden – durch Medien, die die Zahlen in den Antisemitismusberichten der CICAD anzweifeln, die systematisch hasserfüllten Äusserungen des Genfer Ständerats Mauro Poggia oder das Kollektiv zur Verteidigung der Menschenrechte (CDDH), das in einer Petition unerbittlich darauf abzielt, die öffentlichen Subventionen der Stadt Genf in Höhe von rund 100 000 Franken für die CICAD zu streichen. CICAD wird vorgeworfen, «eine gefährliche Vermischung von Antizionismus und Antisemitismus» zu betreiben, woraufhin sich die Organisation entschlossen hat, eine Strafanzeige wegen Verleumdung gegen CDDH einzureichen.
Erstaunliche Anonymität
Angesichts der jüngsten Angriffswelle liess die Reaktion von CICAD nicht lange auf sich warten. In einer ausführlichen Stellungnahme zeigt man sich erstaunt über die Form der Anfrage der mysteriösen FEG: «Zum jetzigen Zeitpunkt liegt der Organisation kein Dokument vor. Es handelt sich um eine anonyme Anschuldigung. Zu keinem Zeitpunkt wurde die CICAD damit befasst. Wir erfahren von diesen Vorwürfen aus der Presse, und sie stammen von einer Person, die nicht namentlich genannt wird», teilt sie mit. Nach unseren Recherchen scheinen sogar Lehrkräfte des öffentlichen Dienstes von diesem Vorgehen nichts zu wissen. Unsere Nachforschungen bestätigen die Zweifel der CICAD. So findet man beispielsweise keine Website und keine aktuelle Adresse von FEG.
In der CICAD-Mitteilung heisst es weiter: «Die Forderung nach ihrem Ausschluss vor dem Hintergrund wiederholter Angriffe darf nicht darüber hinwegtäuschen, welche grundlegende Arbeit die CICAD im Genfer Schulwesen leistet, wo sie jedes Schuljahr von Oktober bis Juni bei rund 3000 Schülern tätig ist.»
Im Rahmen dieser Einsätze besuchte sie mehr als 85 Schulen und erreichte fast 130 Klassen der 6., 7. und 8. Grundschulklassen.
Anerkannte Fachkompetenz
Die umstrittenen Comics widmen sich dem Holocaust, dem Völkermord an den Tutsi und den «Protokollen der Weisen von Zion» und vereinen einige der grössten Namen der internationalen Comic-Szene; das Vorwort stammt von einem anerkannten Experten für Antisemitismus, wie die Coordination contre le racisme et l’antisémitisme (Koordination gegen Rassismus und Antisemitismus) betont. «Ihr Ziel ist es nicht, Politik zu betreiben, sondern Seite für Seite die Mechanismen des Hasses zu dekonstruieren.»
Das Prinzip der Laizität, das der FEG in ihrer Kritik so am Herzen liegt, bringt die CICAD auf die Palme. «Weder religiöse Fragen noch religiöse Praktiken werden in diesen Comics thematisiert. Dass in einer historischen Erzählung eine Figur das ‹Land von Mose› erwähnt, die Zerstreuung eines Volkes um das Jahr 135 oder die Hoffnung auf eine Rückkehr, fällt nicht unter die Vermittlung einer Religion: Es handelt sich um Geschichte und Erinnerung.»
Die CICAD weigert sich schliesslich, sich auf eine angeblich «zionistische» Erzählung reduzieren zu lassen – eine Zuschreibung, die vor allem die militante Haltung ihrer Kritiker widerspiegle. «Diese Comics handeln weder vom Staat Israel noch vom Jahr 1948 noch vom israelisch-palästinensischen Konflikt. Zu fordern, dass eine Pädagogik des Holocaust ethnische Säuberungen, Kolonialisierung oder die aktuelle Lage in Gaza einbezieht, bedeutet, einen zeitgenössischen Konflikt auf ein Werk der Erinnerung zu projiziere – das ist eine ideologische Projektion.»
DIP vertraut weiterhin
Auf jeden Fall und nach unseren Informationen scheint sich DIP von diesem angeblichen Angriff durch FEG nicht beirren zu lassen. Man ist sich der Bedeutung des Kampfes gegen Antisemitismus in Genf voll und ganz bewusst; ein entsprechender Gesetzentwurf ist übrigens in Arbeit. Man hat auch die Bedeutung der CICAD erkannt, mit der man weiterhin zusammenarbeiten will.
Im Kanton Waadt hingegen bestätigte der Leiter des Bildungsdepartements Frédéric Borloz kürzlich vor dem Grossen Rat, dass er nicht mit der CICAD zusammenarbeite. Dort soll sich eine Stelle namens «Einheit für Gesundheitsförderung und Prävention im schulischen Umfeld» (Unité PSPS) um den Kampf gegen Antisemitismus kümmern. Aus Sicht der CICAD scheint der politische Wille im Gegensatz zu Genf hier lückenhaft zu sein. Kann man hier von Diskriminierung sprechen? Die CICAD, die erst kürzlich ein Büro in Lausanne eröffnet hat, scheint dies zu glauben. Vor allem ist sie der Ansicht, dass in dieser Hinsicht nicht viel unternommen wird.