Der JGB-Vorstand kämpft mit mehreren Herausforderungen für die Gemeinde – und braucht selbst Orientierungshilfe.
Latenter Unmut gegenüber dem Vorstand entzündete sich in der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB) Ende 2025: Mit der Ankündigung in der Budgetdebatte, den Sicherheitschef vorzeitig in Pension zu schicken, war Feuer im Dach. Innert weniger Tage unterzeichneten über 80 Personen – über ein Viertel aller Mitglieder – einen Gegenantrag. Ein Sparkurs bei der Sicherheit war zwei Monate nach dem versuchten Sturm des Schwarzen Blocks auf die Berner Synagoge das falsche Zeichen. Zudem erklärten sich in Bern gerade 29 Lokale und Einrichtungen als «Apartheid Free Zones», eine antiisraelische Kampagne, die im Ausschluss lokaler jüdischer Gäste resultiert. Die offizielle Stadt Bern zeigte sich zwar an Chanukka solidarisch beim Kerzenzünden, doch auf reale Bedrohungen durch antizionistische Agitation vor der Haustür schwieg sie. Nach einer aufgeheizten Informationsveranstaltung im Dezember kippte der fünfköpfige Vorstand das Vorhaben.
Keine Aussenpolitik
Dieser Schlingerkurs des Vorstands ist symptomatisch. Seit dem 7. Oktober 2023 hat der alt-neu aufgepoppte Judenhass den jüdischen Alltag in Bern massiv verändert. Das Präsidium, Dalia Schipper und bis vor Kurzem Michel Ronen, sorgt zwar für eine effiziente Verwaltung, doch laut kritischen Stimmen in der Gemeinde ist die Zeit in der JGB politisch am 6. Oktober 2023 stehen geblieben: Erfahrungen von Gemeindemitgliedern mit antisemitischen Vorfällen an Berns Schulen, Gewaltaufrufen an der Uni und Hassparolen im Kulturleben finden beim Vorstand kaum Gehör. Der Umgang mit Berns lokalen Antisemiten wurde früh an das Büro des SIG in Zürich delegiert. Als sich im Sommer 2025 der Rabbiner kritisch zum Verlauf einer Demo in Bern äusserte, pfiff ihn das Präsidium öffentlich zurück. 1933 hatte es der Dachverband noch für sinnvoll befunden, in Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden in sieben Städten lokale «Abwehrkomitees» aufzubauen. Heute soll eine Stelle alles alleine und zentral bewältigen. Mit der Folge, dass etwa im Antisemitismusbericht 2025 des SIG kaum Fälle aus Bern erwähnt sind. Noch vor der kommenden GV im Mai sollte der Vorstand zu einem Antrag zur Schaffung einer entsprechenden Kommission, die dieser Situation Rechnung trägt, beraten. Der Antrag liegt tachles vor.
Reformstau
Der neue Judenhass trifft nicht nur halachisch definierte Jüdinnen und Juden, sondern auch Personen mit israelischem Background und «Vaterjuden» sowie deren Angehörige. Der einzige «jüdisch» definierte Ort in Bern ist und bleibt jedoch die Adresse der Jüdischen Gemeinde Bern. Anforderungen an diesen Ort und Anspruchsgruppen haben sich in den letzten zwei Jahren stark verändert. Pragmatisch wurden im Haus neue Angebote ermöglicht: Hebräischkurse finden statt; die Gruppe «JGB mit Herz» organisiert Anlässe für und mit Israelis; vermehrt ist an jüdischen Feiertagen und Festen auch die israelische Community angesprochen. Gespräche mit engagierten Mitgliedern zeigen: Viele Bereiche der Gemeinde funktionieren dank breit abgestützter Freiwilligenarbeit sehr gut. Um solchen Anforderungen jedoch langfristig professionell und finanziell gewachsen zu sein, bräuchte es strukturelle Reformen. Zusätzlich zur heutigen Religionsgemeinschaft mit Kultus, Seelsorge, Reli-Unterricht und Friedhof für Mitglieder stehen Überlegungen im Raum, die das Gemeindehaus als Treffpunkt für eine erweiterte Community mit Dienstleistungen sowie Kultur- und Bildungsangeboten nutzen. Dies müsste mit neuen Finanzierungsmodellen einhergehen.
All dies bräuchte Ressourcen, doch die sind beim Vorstand aktuell reduziert: Dalia Schipper, die ihr Präsidium als Verwaltungsaufgabe versteht, ist derzeit in den Ausstand getreten, um interimistisch die Geschäftsstelle zu leiten. Michel Ronen ist kürzlich als Co-Präsident zurückgetreten und nun im Vorstand zuständig für Finanzen. Der aktuell vierköpfige Vorstand wird von Emanuel Zloczower geleitet, der das Vizepräsidium von Linda Shepard übernommen hat. Noch relativ neu im Vorstand ist Benjamin von Werdt. Wahlen sind für dieses Jahr nicht angekündigt. Nach den teilweise gehässigen Diskussionen im Dezember hat der Vorstand nun diese Woche (nach Redaktionsschluss) Workshops angeboten, um mit einem offenen Ohr die dicke Luft etwas zu kanalisieren. Zloczower zeigt sich gegenüber tachles offen für personelle Auffrischung und Zuwachs beim Vorstand.
Gemeindehaus ohne Vision?
Bereits seit längerer Zeit werden Umbau- und Sanierungsarbeiten am Gemeindehaus abgeklärt. Dem letzten Hauswart wurden Job und Wohnung im Gemeindehaus gekündigt. Eine ganze Etage mehr steht seither dem Gemeindeleben theoretisch zur Verfügung. Verschiedene Ideen und Bedürfnisse wurden der zuständigen Kommission kommuniziert. Eine Präsentation von Vorschlägen ist Anfang Mai vorgesehen. Ob dabei eher Bedürfnisse einzelner Kommissionen befriedigt werden oder bereits multifunktionale Räume für eine erweiterte Community-Vision angedacht sind, wird sich zeigen.