Am 27. Oktober wählen die Israelis ein neues Parlament – Schweizer Israelis in Israel und Israelis in der Schweiz erzählen, welche Veränderungen sie sich erhoffen und weshalb ihnen ihre Stimme wichtig ist
Für Nina Rasz steht ausser Frage, dass sie am 27. Oktober wählen gehen wird. «Natürlich werde ich um jeden Preis an der Wahl teilnehmen», sagt die schweizerisch-israelische Übersetzerin und politische Aktivistin, die in Tel Aviv lebt. Als Feministin sei sie sich bewusst, wie lange Frauen gerade in der Schweiz um ihr Stimmrecht kämpfen mussten. «Als Zionistin und Diaspora-Jüdin empfinde ich es nicht nur als Pflicht, sondern auch als Privileg, meine Werte in unserem souveränen Staat durch Wahlen zum Ausdruck bringen zu können.»
Trix Richter, die in der Schweiz geboren wurde, aber seit 1980 in Israel lebt, wird ebenfalls ihre Stimme abgeben. «Die israelische Demokratie lässt den Bürgerinnen und Bürgern nicht viel Spielraum zur aktiven Teilnahme an der Demokratie», sagt sie. Umso wichtiger seien die Wahlen für sie.
Auch für Dov Guggenheim, der die israelische, die schweizerische und die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, ist politische Teilhabe selbstverständlich. Er nimmt regelmässig an Wahlen in allen drei Ländern teil. «Ich habe Familie in diesen Ländern, und mit Familie verbindet sich eine gemeinsame Zukunft», erklärt er. Auch beruflich erlebe er, wie eng die Welt miteinander verflochten sei. Als Staatsbürger fühle er sich deshalb verpflichtet, Einfluss zu nehmen, wo er könne. Allerdings unterscheide er zwischen lokalen und übergeordneten Fragen: In Ländern, in denen er nicht lebe, konzentriere er sich auf Wirtschafts- und Aussenpolitik. «In Israel hat das Wählen für mich eine grössere Bedeutung», sagt er.
Tausende Kilometer für eine Stimme
Für Gali bedeutet die Teilnahme an den Wahlen eine Flugreise. Seit zwölf Jahren lebt die Israelin in der Schweiz, doch am 27. Oktober will sie ihre Stimme in Israel abgeben. Schon bei früheren Wahlen habe sie versucht, dafür in ihre Heimat zu reisen. «Diesmal fiel mir die Entscheidung noch leichter. Es sind die wichtigsten Wahlen in der Geschichte Israels», sagt sie. Für sie gehe es um nichts weniger als die Zukunft des Landes. «Es ist eine Frage von Sein oder Nichtsein.» Die Sicherheit der Bevölkerung, die Wirtschaft, die internationalen Beziehungen und der weltweite Antisemitismus, alles hänge miteinander zusammen.
Auch Yevgeny Perelman, der seit drei Jahren in der Schweiz lebt, wird nach Israel fliegen. «Israel ist das einzige Land, dessen Staatsbürgerschaft ich besitze. Meine Familie lebt dort, ebenso befindet sich ein grosser Teil meiner Altersvorsorge und meiner Investitionen in Israel. Ich möchte, dass es dem Land gut geht.»
Anders als Schweizer Staatsangehörige im Ausland können die meisten Israelis ihre Stimme nicht per Post oder in einer Botschaft abgeben. Wer wählen will, muss in der Regel persönlich nach Israel reisen. Eine Hürde, die nicht alle überwinden können.
Shaylee Lodi, die im Dezember 2024 nach ihrem Studienabschluss an der Bar-Ilan-Universität nach Basel zog, wird deshalb nicht wählen. «Die Flugpreise sind für diesen Zeitraum enorm gestiegen», erklärt sie. Dass die Tickets ausgerechnet zu den Wahlen so teuer seien, hält sie nicht für einen Zufall. Sie vermutet, dass die Stimmen der im Ausland lebenden Israelis das politische Kräfteverhältnis verändern könnten, da viele mit der gegenwärtigen Regierung unzufrieden seien.
«Ich habe den 7. Oktober im Süden Israels erlebt und fühle mich von meiner Regierung im Stich gelassen», sagt Lodi. Sie würde für einen politischen Wandel stimmen. Israel werde für sie immer ihre Heimat bleiben. «Der grösste Teil meiner Familie lebt dort. Aber nachdem ich meinem Land gedient habe, so gut ich konnte, habe ich den Kampf aufgegeben.»
Zwischen Sicherheit und Freiheit
Die vergangenen drei Jahre haben tiefe Spuren in der israelischen Gesellschaft hinterlassen. Der Terrorangriff der Hamas, die darauf folgenden Kriege und die innenpolitischen Auseinandersetzungen prägen auch die Erwartungen an die nächste Regierung.
Rasz beschreibt eine Gesellschaft, die zunehmend in politische und gesellschaftliche Lager zerfällt. Durch die anhaltenden Sicherheitsbedrohungen seien viele Menschen politisch nach rechts gerückt. «Die Sicherheitssituation mit Terrorismus, dem Westjordanland als Brennpunkt und ständigen Angriffen auf Juden hat Sicherheitsthemen verständlicherweise extrem in den Fokus gerückt.» Gleichzeitig seien Frauenrechte, die Rechte sexueller Minderheiten, Religionsfreiheit und Umweltfragen zunehmend in den Hintergrund geraten.
Die politische Zerrissenheit spiegelt sich auch in ihrer eigenen Wahlentscheidung wider. «Ich würde gerne Netanyahu wählen, kann aber seine Koalition mit fundamentalistischen Religiösen nicht unterstützen.» Gleichzeitig habe sie Vorbehalte gegenüber einer linken Koalition, insbesondere in Sicherheitsfragen. Sie hätte gerne eine Partei unterstützt, die sich für die Interessen der Reservisten und Reservistinnen und eine gerechtere Verteilung des Militärdienstes einsetzt, fürchtet jedoch deren mögliche Zusammenarbeit mit linken Parteien. «Wenn es eine Mitte oder eine ausgeglichene Koalition von links, Mitte und rechts gäbe, ohne die Fundamentalisten beider Seiten, müsste ich mich nicht immer noch fragen, wen ich am besten wählen soll.»
Perelman macht aus seiner politischen Haltung keinen Hehl. Er wünscht sich einen Regierungswechsel und kritisiert die Zusammenarbeit der gegenwärtigen Regierung mit religiös-messianischen Kräften. «Politische Entscheidungen sollten auf pragmatischen Überlegungen beruhen und nicht auf religiösen Ansichten», sagt er. Die Regierung trage seiner Meinung nach die Verantwortung für den Zustand, in dem sich das Land befinde. Für die Zukunft wünsche er sich «weniger Krieg, eine Trennung von Religion und Staat, weniger Populismus, mehr Bildung und mehr gegenseitigen Respekt».
Richter hofft ebenfalls auf einen Regierungswechsel und vor allem auf ein Ende des Krieges. Im Kibbuz Beit Rimon, wo sie seit 1985 lebt und der rund 200 Familien zählt, seien in den vergangenen drei Jahren immer wieder Bewohner und Bewohnerinnen zum Militärdienst eingezogen worden, darunter auch Familienmütter. Noch immer seien es rund 30 Personen, zusätzlich zu den regulär Dienstleistenden. «Das ist viel», sagt Richter. Sie habe Netanyahu bereits seit Ende der 1980er-Jahre misstraut.
Auch Gali hofft auf einen Neuanfang. Sie wünsche sich, dass korrupte Politiker und Politikerinnen durch «gute, professionelle und fähige Menschen» ersetzt werden, denen das Wohl der gesamten Bevölkerung am Herzen liege.
Die religiöse Frage
Eine der zentralen gesellschaftlichen Konfliktlinien verläuft zwischen religiösen und säkularen Israelis. Besonders die Frage, inwieweit sich ultraorthodoxe Juden am Militärdienst und am Erwerbsleben beteiligen sollen, beschäftigt viele Wähler und Wählerinnen.
Für Guggenheim wird sie sogar den Ausschlag für seine Wahlentscheidung geben. «Wir müssen als Israelis zusammenarbeiten und einen Weg finden, die Charedim in die Gesellschaft einzubinden – in die Armee, die Wirtschaft und unsere gemeinsame nationale Geschichte.» Seine Stimme werde jene Partei erhalten, die dafür einen überzeugenden Ansatz vorweisen könne.
Auch Rasz sieht in der ungleichen Verteilung gesellschaftlicher Pflichten ein grundlegendes Problem. Sie kritisiert, dass viele Ultraorthodoxe vom Militärdienst ausgenommen seien und gleichzeitig staatliche Unterstützung erhielten. Darüber hinaus wünsche sie sich eine stärkere Trennung zwischen Religion und Staat, insbesondere bei Eheschliessungen und Scheidungen. «Ich würde mir wünschen, dass wir echte Religionsfreiheit hätten», sagt sie. Gleichzeitig dürfe die nationale Sicherheit nicht vernachlässigt werden. Ein Angriff wie jener vom 7. Oktober müsse künftig unter allen Umständen verhindert werden.
Einen anderen Ansatz vertritt Gabriel Strenger, klinischer Psychologe und Autor aus Jerusalem. In einem Beitrag mit dem Titel «Warum ich diesmal erwäge, eine ultraorthodoxe Partei zu wählen» beschäftigt er sich mit der Partei Hazibur Hacharedi unter der Führung von Motti Leitner. Diese setzt sich für die Integration der Ultraorthodoxen in den Militärdienst und die Arbeitswelt ein.
Strenger plädiert dafür, den Wandel innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinschaft zu fördern, statt ihn ausschliesslich durch Sanktionen zu erzwingen. «Statt äusseren Druck auszuüben, sollten wir diejenigen unterstützen, die den Wandel innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinschaft vorantreiben wollen», schreibt er. Seine Hoffnung richtet sich auf eine neue Generation religiöser Führungspersönlichkeiten, die Verantwortung für den gesamten Staat übernehmen.
Die Schweiz als Vorbild?
Wer beide Länder kennt, betrachtet die israelische Demokratie häufig auch durch eine schweizerische Brille. Gali, die kürzlich erstmals an einer Schweizer Abstimmung teilgenommen hat, empfindet die politische Kultur in ihrer neuen Heimat als deutlich weniger polarisiert. «In der Schweiz hat man nicht das Gefühl, dass der politische Gegner automatisch ein Feind ist.» In Israel würden viele Menschen entlang gesellschaftlicher Lager wählen. In der Schweiz hingegen gehe es stärker um die konkrete Sachfrage als darum, wer eine Vorlage eingebracht habe.
Guggenheim sieht insbesondere im schweizerischen Föderalismus ein Vorbild. «Mehr lokale Rechte und Freiheiten und weniger konzentrierte Macht sind ein wirkungsvolles Instrument», sagt er. Als klassisch Liberaler vertrete er in allen drei Ländern ähnliche politische Grundsätze, wobei er in Israel lokale Fragen stärker berücksichtige.
Auch Rasz würde sich mehr direktdemokratische Elemente wünschen. «In Israel wäre es politisch sehr interessant, wenn wir nicht nur eine Partei oder indirekt eine Koalition wählen, sondern auch über grössere Gesetzesänderungen abstimmen könnten.» Sie kritisiert die starke Fragmentierung der israelischen Parteienlandschaft und die Abhängigkeit von Koalitionen. Es brauche klarere Kontrollmechanismen, damit nicht zu viel Macht bei einzelnen politischen Akteuren konzentriert werde. Auch eine stärkere Gewaltenteilung und eine ausgewogene Justiz seien wichtig.
Die Schweizer Demokratie sei zwar langsamer, dafür aber repräsentativer, findet Rasz. Allerdings räumt sie ein, dass Israel aufgrund seiner besonderen Sicherheitslage andere Voraussetzungen habe. Gerade in Kriegs- und Sicherheitsfragen müsse eine Regierung schnell handeln können. Dennoch könne Israel in Bereichen wie Umweltbewusstsein, Verwaltungsorganisation und politische Mitbestimmung viel von der Schweiz lernen.
Wer darf mitbestimmen?
Doch nicht alle teilen die Überzeugung, dass Menschen, die im Ausland leben, über die Politik ihrer Heimat mitentscheiden sollten. Anna Rabin, die in Israel lebt, besitzt auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Obwohl sie regelmässig Abstimmungsunterlagen aus der Schweiz erhält, nimmt sie nicht an Schweizer Abstimmungen teil. «Ich finde es nicht vertretbar, dass ich für die Schweizer in der Schweiz Entscheidungen treffe, unter denen ich selbst nicht leben muss.»
Noch deutlicher fällt ihre Kritik an Israelis aus, die eigens für die Wahlen aus dem Ausland anreisen. «Mich ärgert dieser Wahltourismus, wenn Leute aus der Schweiz nur für die Wahl nach Israel kommen, ihr Kreuzchen machen und wieder zurückfliegen.» Wer nicht tagtäglich mit der israelischen Realität und ihren Konsequenzen leben müsse, solle ihrer Ansicht nach auch nicht darüber entscheiden, wie das Land regiert werde. «Wenn ihnen Israel so wichtig ist, dann sollen sie nach Israel zurückkehren und hier mit allen Konsequenzen leben.»
Rabin argumentiert konsequent: Auch sie selbst wolle keinen politischen Einfluss auf die Schweiz ausüben, solange sie dort nicht lebe. In Israel hingegen sei ihr die Wahlteilnahme wichtig. «So kann ich im Kleinen Einfluss darauf nehmen, was in dem Land geschieht, in dem ich lebe.»
Gali sieht das anders. «Meine ganze Familie lebt noch immer in Israel, und sie liegt mir sehr am Herzen. Ich habe das Land verlassen, aber ich bin immer noch Israelin – innerlich und auch in den Augen der Welt.» Was Israel tue, habe weiterhin Auswirkungen auf ihr Leben, unabhängig davon, wo sie wohne. Trotzdem ist sie nicht überzeugt, dass alle im Ausland lebenden Israelis automatisch von ihrem Wohnort aus wählen können sollten. Wer seine Stimme wirklich einbringen wolle, werde einen Weg finden, meint sie.
Perelman, Richter und Lodi hingegen sprechen sich ausdrücklich dafür aus, auch aus dem Ausland wählen zu können. Richter verweist dabei auf ihre eigene Erfahrung: Je nach Thema beteilige sie sich selbst auch an Schweizer Wahlen und Abstimmungen.
Die Hoffnung auf Zusammenhalt
So unterschiedlich die politischen Überzeugungen und persönlichen Lebensumstände der Befragten sind, in einem Punkt überschneiden sich viele ihrer Wünsche: Israel soll nach Jahren der Unsicherheit und gesellschaftlichen Spaltung wieder zu mehr Stabilität und Zusammenhalt finden.
Rasz hofft auf ein Land, in dem Sicherheit, Religionsfreiheit und gesellschaftliche Gleichberechtigung miteinander vereinbar sind. «Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft mehr vereint wären, nicht nur in Kriegszeiten.» Die Menschen sollten über Unterschiede zwischen Religiösen und Säkularen, Einwgewanderten und im Land Geborenen sowie den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen hinwegsehen können.
Lodi formuliert ihren Wunsch zurückhaltender: «Ich wünsche mir, dass unser Volk nach allem, was wir durchgemacht haben, endlich zur Ruhe kommen und wieder durchatmen kann.» Auch Richter sehnt sich nach mehr Ruhe. Es müsse vielleicht nicht ganz so ruhig werden wie in der Schweiz, «aber ruhiger als jetzt».
Guggenheim fasst seine Hoffnungen in vier Begriffe zusammen: «Frieden, Sicherheit, Wohlstand, Freiheit – in dieser Reihenfolge.» Für Gali geht es bei diesen Wahlen um die Möglichkeit, ihrem Heimatland eine andere Richtung zu geben. «Ich hoffe wirklich, dass sich die Dinge ändern und Israel wieder ein grossartiges Land wird.»
Ob sie ihre Stimme in Israel abgeben oder dafür Tausende Kilometer zurücklegen: Für die Befragten ist der Urnengang weit mehr als eine politische Entscheidung. Er ist Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit einem Land, dessen Zukunft ihnen nicht gleichgültig ist.