Mit einem einzigen Satz soll ein jüdischer Händler aus Lengnau den Zürcher Rat, die reformierte Geistlichkeit und das Schwert des Henkers gegen sich aufgebracht haben – an den Justizmord an Samuel Eiron vom 24. April 1634 wird bis heute nicht erinnert.
Mitten im Dreissigjährigen Krieg verurteilt die Stadt Zürich am 24. April 1634 den Juden Samuel Eiron zum Tod und weist alle jüdischen Menschen aus dem Zürcher Staatsgebiet aus. Die Sicht der Obrigkeit auf die Ereignisse ist in einem kirchlichen Bericht sowie in den städtischen Ratsprotokollen und Richtbüchern festgehalten. Samuel Eiron selbst wird in den überlieferten Texten nur ansatzweise fassbar.
Auch nach der 1436 durch den Kleinen Rat verfügten Ausweisung aus der Stadt Zürich leben zum Beispiel in Winterthur oder Andelfingen bis ins 16. Jahrhundert einzelne jüdische Personen und Familien auf zürcherischem Gebiet. Im 17. Jahrhundert existiert in der Republik Zürich, soweit bekannt, keine permanente jüdische Bevölkerung mehr. Doch jüdische Menschen in benachbarten Gegenden pflegen nach wie vor enge Beziehungen zur Limmatstadt, so etwa in der Grafschaft Baden um die 20 Familien, hauptsächlich in Lengnau sowie in Klingnau und Mellingen.
Posen, Frankfurt, Lengnau, Zürich
Samuel Eiron, laut zeitgenössischen Quellen «gebürtig von Pousen in Poolen» und «wohnhafft zu Lengnau in der Gravschafft Baden», hat zunächst in Frankfurt am Main gelebt. Von dort zieht er – vielleicht 1631 nach dem Einmarsch schwedischer Truppen – in die Schweiz. Im März 1634 mietet er «gastwÿs» ein Zimmer im Zürcher Wirtshaus zum Schwert. Der Wortlaut des kirchlichen Berichts lässt vermuten, dass er in Zürich Verkaufsgeschäfte tätigt und dass er nicht der einzige jüdische Mensch ist, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Stadt aufhält: «In denen Zÿten, da die Krieg in tütschen Landen vil Lüten benöhtiget zu wÿchen und sich ze verfüegen, wohin ein jeder können, hand sich in dem Zürichergebiet angfangen ÿnsliken [einschleichen] auch die in den vernachbarten Steten gesässnen Juden. Under denselben wurdend etlich so heimblich [heimisch], dass sÿ gar hinÿn in die Statt in zimlicher Anzal ungeschücht [schamlos] liefernd, etwan acht, nün, zachen uff einmahl und mehr.»
Eirons Verbrechen
Eiron soll in Gegenwart der «Wirtsmagd» im Schwert den Satz «Ein Jud hatt ewren Christum gmachet» gesprochen haben. Wer gegen ihn Anzeige erstattet, ist nicht bekannt: Neben der Magd gibt es vier weitere Zeugen, nämlich den «Wirtsbrůder» und je einen Metzger aus Bremgarten, Baden und Schwyz. Eiron wird im Wellenberg-Turm eingekerkert, wo man ihn «mit und ohne Pÿn und Marter» befragt. Worin diese «Pÿn und Marter» bestehen und wer das Verhör führt, erwähnen die Akten nicht. Da der Textilkaufmann Kaspar Gossweiler und der Eisenhändler Hans Heinrich Heidegger im ersten Halbjahr 1634 als vom Rat ernannte Nachgänger amtieren, sind es wohl diese beiden Herren, die ihren jüdischen Geschäftsrivalen mit Fragen bedrängen und Scharfrichter Hans Jakob Volmar anweisen, seine Folterinstrumente einzusetzen.
Gutachten
Todesurteile beschliesst in Zürich der 50-köpfige Kleine Rat in seiner Funktion als Malefizgericht. Die Mitglieder des Rats haben laut kirchlichem Bericht Eirons «Abstraaffung halben unglÿcher Bedenken gefasst: Der eine ihn am Läben, der andre allein am Lÿb straaffen wöllen». Deshalb geben sie am 9. April «Herrn Pfarrer Breitinger und etlich übrigen Herren am Stifft» den Auftrag, ein «Gutachten» zu erstellen. Schon am folgenden Tag treffen sich vier Ratsdelegierte mit dem Zürcher Kirchenvorsteher Johann Jakob Breitinger und mehreren Professoren des am Chorherrenstift ansässigen Collegium Carolinum, um «von ihnen zu vernemmen, wie mit disem Gefangnen zu procedieren sÿn möchte». Die Antwort der Gelehrten ist simpel: Eiron sei ein Gotteslästerer und Gott höchstpersönlich habe im 24. Kapitel des dritten Buches Moses für solche Fälle die Todesstrafe angeordnet.
Heideggers Nachdenklichkeit
Am 18. April findet ein zweites Treffen in der Chorherrenstube statt. Als Sprecher der Ratsdelegation vertritt Hans Conrad Heidegger eine nachdenkliche Sicht der Dinge: Die erwähnte Bibelstelle habe nicht alle überzeugen können, denn der Angeklagte habe ja «sÿnem Gott, welchen er für sÿnen Gott erkenne, nit gefluchet, sonder allein schmächlich gredt vom Herren Christo, welchen er nit erkenne». Auch sei es etwas «schwär, einen Menschen hinrichten ze lassen, da in Gfahren stande auch sÿn Seel». Und nicht zuletzt sei «dieser Jud zu sÿner Ungedult veranlaasset worden durch einen unsren Burgern». Dieser – ein ungenannt bleibender Mann – habe ihn «unden im Wirtshus, wegen er keine Würffel ghebt [gehabt], misshandlet. In disen Zorn habe er folgends getrunken und also in die lesterlichen Wort usgebrochen». Zum Schluss seiner Rede teilt Heidegger den Kirchenoberen mit, «es achtind hirmit» die Ratsherren, «disen Man vilichten am Läben zu verschonen».
Wessen Gebiet, dessen Religion
In ihrer Antwort loben Antistes Breitinger und seine Pfarrer und Professoren den hohen Stellenwert, den die Ratsherren dem «Läben des Menschen» beimessen. Zum Verhalten des anonymen Mitbürgers, welches Eiron zum Alkoholkonsum und zu seiner Äusserung veranlasst hat, schweigen sie. Stattdessen führen sie eine ganze Reihe von Zitaten aus dem Alten Testament ins Feld: Gotteslästerung müsse auch dann als todeswürdiges Verbrechen gelten, wenn der Lästerer kein Einheimischer sei und einer anderen Religion angehöre. Zudem habe Eiron sehr wohl gewusst, dass er sich im Gebiet einer christlichen Obrigkeit aufhalte und dass Christus hierzulande als Messias und Heiland gelte.
Zum Schluss ihrer Ausführungen geben sich die Kirchenführer ein Stück weit tolerant: Wenn die Ratsherren in ihrer «Conscienzen ein solches nit empfindend, sonder uss Erbarmen und Mitleiden disen Man am Läben schonen wöllend, lassend wir auch dasselbig geschächen». Schon im nächsten Satz aber warnen sie vor zu grosser Milde – «jedermenniglich» müsse spüren, dass der Obrigkeit «die Ehr unsres Herren und Heilands lieb» sei – und gehen gleich noch einen Schritt weiter, indem sie «unterthänig und demütig» bitten, diesen Fall zum Anlass zu nehmen, «den Juden, zumahl [ausnahmslos] allen, ewere Statt und Land zu verbieten mit höchstem Ernst, als welche nirgend zu nützend, dann nur die uns vertruwten Underthanen zu verärgern und zu befürderen zu allem Bösen». Die Ratsdelegierten willigen ein, dass zwei Pfarrherren Samuel Eiron im Wellenberg besuchen, um durch geistliche Unterweisung das Heil «sÿner Seelen» zu befördern und herauszufinden, ob «an ihme sich erzeigte die Gnad des Herren, welchem er glästeret».
Urteil
Am 23. April, «spaat, erst nach den sibnen», sprechen Leutpriester Hans Rudolf Leemann und Chorherr Hans Heinrich Wonlich ein letztes Mal mit Eiron: «Aber er verharret in sÿner Vorsehung und will des Berichts nüt». Am nächsten Morgen folgen 39 Mitglieder des Kleinen Rats der Empfehlung der Kirchenspitze und sprechen sich für die Hinrichtung aus. Laut Kirchenbericht stimmen «drei oder vier» Ratsherren dagegen, was bei 50 Stimmberechtigten bedeutet, dass es sieben oder acht Enthaltungen oder Abwesenheiten gegeben haben muss. Als Samuel Eiron das Urteil von Leemann und Wonlich mitgeteilt wird, erklärt er sich zuerst bereit, «ein Christ zu werden», will aber, als er hört, der Richtspruch sei endgültig, als «ein Jud sterben». Das in den Richtbüchern des Rats festgehaltene Verdikt unterschlägt die Würfel-Geschichte und behauptet, die «grosse und schwere Gotteslesterung sei ohne alles Schüchen [Scham] und Anlaass» erfolgt.
Hinrichtung
Zur am selben Tag vollzogenen Hinrichtung ist im kirchlichen Bericht zu lesen: «Als er uff dem Wellenberg ins Schiff gangen, wolt er ungedultig werden und fieng an, mit Lesterworten uszubrächen: Gott habe nie keinen Sohn gehabt, wir Christen habind einen falschen Glauben und sigind verdammte Lüt etc. Nachdem ihm aber gedräwt [gedroht] worden, werde er lästeren, so werde es bÿ der gnedigen Urtheil nit verblÿben, sonder mit anderer Marter gegen ihme verfahren, ist er darüber still worden.» Auf dem Weg «von der Strälgass» über den Rennweg zur Stadt hinaus «secondiert» ihn «biss an sin End» der Katechetik-Professor und spätere Antistes Johann Jakob Ulrich. An der Hauptgrube angekommen, holt Scharfrichter Hans Jakob Volmar mit dem Schwert aus und trennt seinen Kopf vom Körper. Eirons Leiche wird, hält der Bericht fest, nicht auf dem Friedhof «zu St. Jacob, sonder uff der Waldstatt [Hinrichtungsplatz] verscharret».
Ausweisung
Am selben 24. April 1634 beschliesst der Kleine Rat, «dem gotloss Judengsind» bei Androhung «höchster Straff und Ungnad» den Aufenthalt in der zürcherischen Republik zu verbieten, was in der Stadt gleichentags durch einen «rÿtenden Trommpeter durch alle Gassen offentlichen verkündt» wird. In den nächsten Tagen erhalten alle Zürcher Land- und Obervögte ein Schreiben, das mit dem Satz beginnt, man habe «jetzt ein Zÿt lang mit grossem Misfallen vernommen und gspüren müssen, welcher Gestalt der unnütze und gotlose Schwarm der Juden mit allerley entwehrten [entwendeten] Sachen und dabÿ getribenem unchristlichen Wůcher, Bschÿssen und Betrügen viler ehrlichen Lüthen und anderen Gotlosigkeiten inn unser Statt und uff der Landschafft sich so wÿt ÿngelassen, das sÿ an underschidlichen Orten ihre gewüssen Underschlöuff gehapt.»
Wie weiter?
Das Ende jüdischer Präsenz in Zürich fällt mit dem Beginn der letzten Repressionswelle gegen die täuferische Minderheit zusammen. Diese kulminiert anfangs Dezember 1639 im genozidalen Beschluss der Obrigkeit, «aller Widertoüfferen Hushaltungen in iren Grichten und Gebieten uffzůheben». Der antisemitische Justizmord an Samuel Eiron war bisher kaum ein Thema in Zürich. Öffentliches Erinnern tut not. Einerseits wäre eine Entschuldigung der Kirche und der Behörden als direkte Rechtsnachfolger der Verantwortlichen denkbar. Anderseits könnte ein öffentlicher Erinnerungsort geschaffen werden: Zum Beispiel in Form einer Erweiterung der Infotafel am Haus zum Schwert am Weinplatz mit Infos zum Würfelfrevel und zum Justizmord an Samuel Eiron – oder mit einer Gedenkinstallation beim Hinrichtungsplatz an der Badenerstrasse 131/133, wo Eirons Körper nicht nur enthauptet, sondern auch «verscharret» wurde.