zürich 30. Apr 2026

Aufräumen hinter dem schwarzen Block

Jährlich eskaliert am 1. Mai die Gewalt und seit einigen Jahren auch die Kritik an Israel.

Zum 1. Mai wollen die Jungfreisinnigen Stadt Zürich mit einer eigenen Aktion auf ein wiederkehrendes Problem aufmerksam machen.

Die Demonstrationen rund um den 1. Mai stehen seit Jahren nicht nur für politische Forderungen, sondern auch für wiederkehrende Ausschreitungen. Sachbeschädigungen, brennende Barrikaden und Gewalt gegenüber Polizei und Unbeteiligten prägen das Bild. Vor diesem Hintergrund planen die Jungfreisinnigen der Stadt Zürich in diesem Jahr eine symbolische Aktion, die bewusst einen anderen Akzent setzen soll.

«Die Situation ist jedes Jahr ähnlich», sagt Elias Leo Pernet, Präsident der Jungfreisinnigen Stadt Zürich. «Bestimmte linksautonome Gruppen richten massive Schäden an, zünden Dinge an und zeigen ein enormes Gewaltpotenzial.» Für ihn ist klar: Die wiederkehrenden Ausschreitungen würden von der Stadt zu wenig konsequent angegangen. «Es stellt sich die Frage: Warum wird das Jahr für Jahr toleriert?»

Symbolische Gegenaktion
Die Jungfreisinnigen reagieren darauf mit einer bewusst kleinen, aber sichtbaren Aktion. Eine Gruppe von rund fünf bis sechs Mitgliedern will sich in sicherem Abstand hinter dem Demonstrationszug bewegen und symbolisch aufräumen, was andere beschädigen. Ausgerüstet mit Warnwesten, Helmen und Reinigungsmaterial soll ein Kontrast geschaffen werden: «Während die einen arbeiten, richten andere Schaden an», bringt es Pernet auf den Punkt.

Dabei gehe es nicht um Provokation oder direkte Konfrontation. «Wir suchen keine Auseinandersetzung mit dem schwarzen Block», betont Pernet. «Wir wollen vielmehr als Zivilgesellschaft ein Zeichen setzen, dass protestieren auch friedlich möglich ist und dass Gewalt nicht zur politischen Meinungsäusserung gehören darf.» Die kleine Gruppengrösse ist dabei bewusst gewählt, um weder die Polizei zu behindern noch selbst Teil einer Eskalation zu werden. Gleichzeitig soll die Aktion dokumentiert und später verbreitet werden.

Über den 1. Mai hinaus
Inhaltlich richtet sich die Kritik nicht gegen die 1.-Mai-Demonstrationen, sondern gegen gewalttätige Ausschreitungen im Allgemeinen. Pernet betont: «Wir stehen klar hinter dem Demonstrationsrecht – egal ob es um den 1. Mai oder um andere Themen geht», sagt Pernet. «Aber Gewalt und Sachbeschädigung sind ein absolutes No-Go.» Ähnliche Entwicklungen habe man auch bei anderen Protesten beobachtet, etwa im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. So kam es am 11. Oktober 2025 in Bern bei einer Pro-Palästina-Demonstration zu schweren Ausschreitungen mit Sachschäden in Millionenhöhe und verletzten Einsatzkräften.

In diesem Kontext verweist Pernet auch auf einen weiteren Aspekt, der immer wieder sichtbar werde: Antisemitische Parolen und Symbole tauchten an solchen Demonstrationen regelmässig auf und seien Teil eines problematischen Gesamtbildes. «Das geht oft Hand in Hand mit der Gewalt», sagt er. Auch wenn Antisemitismus nicht im Zentrum der Aktion steht, müsse er klar benannt und bekämpft werden.

Stadtpolitik in der Kritik
Die Kritik richtet sich auch konkret an die politische Verantwortung in Zürich. Insbesondere Stadträtin und Vorsteherin des Sicherheitsdepartements Karin Rykart steht aus Sicht der Jungfreisinnigen in der Pflicht. «Die Stadt müsste deutlich konsequenter vorgehen», sagt Pernet. «Es bräuchte ein grösseres Polizeiaufgebot und ein klareres Signal, dass solche Ausschreitungen nicht geduldet werden.» Die jährlichen Schäden bewegten sich im sechs- bis siebenstelligen Bereich, «das kann auf Dauer nicht akzeptiert werden».

Zugleich fordert Pernet eine klarere Haltung von anderen politischen Akteuren. Während bürgerliche Parteien wie die FDP und die SVP seit Jahren eine härtere Gangart gegenüber gewalttätigen Demonstrationen verlangen, sieht er insbesondere auf linker Seite Handlungsbedarf. «Wir erwarten, dass sich Parteien wie die SP oder die JUSO unmissverständlich von diesen Gewalttaten distanzieren», sagt er. Es reiche nicht, das Demonstrationsrecht zu verteidigen, ebenso wichtig sei eine klare Abgrenzung gegenüber Ausschreitungen und die Übernahme politischer Verantwortung für deren Verlauf.

Die Aktion der Jungfreisinnigen Stadt Zürich versteht sich als erster Schritt. «Wir wollen zeigen, dass Protest auch anders geht – friedlich und konstruktiv», sagt Pernet. Ob daraus mehr entsteht, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass sie eine Debatte anstossen soll: über die Grenzen von Protest, die Verantwortung von Politik und Gesellschaft und darüber, wie mit Gewalt im öffentlichen Raum umzugehen ist.

Emily Langloh