Abu Dhabi 28. Apr 2026

Welche Folgen hat der Austritt der Emirate aus der Opec?

Der saudische Aussenminister Faisal bin Farhan al Saud empfängt am Dienstag den stellvertretenden Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Abdullah bin Zayed Al Nahyan.  

Seit Jahrzehnten werden die weltweiten Ölmärkte massgeblich von der Opec und der Opec+ geprägt. Jetzt kehren die Emirate beiden Bündnissen den Rücken. Ist es der Anfang vom Ende des Ölkartells?

Überlegungen über einen möglichen Austritt aus dem Ölkartell Opec soll es in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) schon seit Jahren gegeben haben. Trotzdem kommt die Ankündigung aus Abu Dhabi überraschend: Mit Wirkung zum 1. Mai - also kommenden Freitag - tritt das Land aus der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und dem weiteren Bündnis Opec+ aus. Warum kommt es jetzt zu dem Schritt und mit welchen Folgen? Die wichtigsten Fragen:
Die Opec wurde 1960 in Bagdad von Saudi-Arabien, dem Iran, dem Irak, Kuwait und Venezuela gegründet. Ziel war es, die heimischen Ölquellen selbst zu kontrollieren anstatt sie den privaten, oft westlich dominierten Ölkonzernen zu überlassen. Dazu gehörten auch Förderabsprachen, um den Ölpreis zu beeinflussen und sich stabile Gewinne zu sichern. Die Zahl der Mitglieder schwankte, aktuell sind es aber zwölf Staaten - nach dem Austritt der Emirate noch elf.Vor zehn Jahren begann die Opec, Absprachen auch mit anderen Ländern zu treffen. Unter der Führung Saudi-Arabiens und Russlands verfügt diese breitere Gruppe namens Opec+ über noch grössere Förderkapazitäten und damit auch über grösseren Einfluss am Markt. Die Emirate ziehen sich nun auch aus der Opec+ zurück.
"Es ist nicht vollkommen überraschend", sagt Commerzbank-Analystin Thu Lan Nguyen. Bereits vor dem Krieg habe es innerhalb der Opec einen Disput über Fördermengen gegeben. Die Emirate hätten mehr produzieren wollen und können als die für sie vorgesehene Quote. Nun blicken die VAE aus Nguyens Sicht über das Ende des Iran-Kriegs hinaus, um nach Ende des Konflikts ihre Produktionskapazitäten besser auszuschöpfen und die kriegsbedingten Ausfälle zu kompensieren.
Das Baker Institute der Rice-Universität im texanischen Houston schätzte 2023, dass ein Austritt der Emirate kurzfristig zu Gewinnen führen könnte. Die emiratische Ölproduktion würde "entfesselt" und könnte jedes Jahr zusätzliche Einnahmen in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar bringen, hiess es seinerzeit. Zugleich drohten aber "zerbrochene Beziehungen" mit Saudi-Arabien und ein Preiskampf an den Ölmärkten.
In ihrer Mitteilung zum Austritt sprechen die Emirate von einem Blick auf "nationale Interessen und dem Ziel des Landes, aktiv zu den dringenden Bedürfnissen des Marktes beizutragen." Auch die Störungen in der Strasse von Hormus, ausgelöst durch den Iran-Krieg, werden genannt. Sultan Al Dschaber, Chef des staatlichen emiratischen Ölkonzerns, spricht von einer "souveränen Entscheidung im Einklang mit der langfristigen Energie-Strategie und der wahren Kapazität bei der Produktion".
Kurz nach Bekanntwerden der Ankündigung gaben die Ölpreise zunächst einen kleinen Teil ihrer Tagesgewinne ab. Der Rückgang währte allerdings nicht lang: Die weiterhin festgefahrenen Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA und die fehlende Aussicht auf eine zeitnahe Besserung des Ölangebotes überwogen dann, weswegen die Ölpreise am Ende doch zulegten.
Die Austritts-Ankündigung werde "keine unmittelbaren Auswirkungen auf den globalen Energiemarkt haben", kommentierte David Oxley, Ökonom bei Capital Economics. Der Schritt deute jedoch darauf hin, dass das weltweite Angebot höher ausfallen wird, als es sonst der Fall wäre, sobald die Strasse von Hormus wieder geöffnet werde, meinte er.
Commerzbank-Expertin Nguyen äusserte sich ähnlich über eine mittel- bis längerfristige Angebotserweiterung, die weltweit zu einer Normalisierung der kriegsbedingt gestiegenen Ölpreise führen könnte. "Das entspannt mittel- bis längerfristig den Ausblick am Ölmarkt", sagte sie. Die Analystin wies darauf hin, dass die Vereinigten Arabischen Emirate auch schon vor dem Krieg über grosse ungenutzte Förderkapazitäten verfügt hatte.
Das Königreich hat durch seine enormen Kapazitäten bei der Produktion und seine massiven Ölreserven - Saudi-Arabien besitzt etwa 17 Prozent der weltweit nachgewiesenen Reserven - eine beherrschende Stellung innerhalb der Opec. Durch das weitere Bündnis Opec+, dem auch Russland angehört, hat Saudi-Arabien seinen Einfluss noch ausgebaut. Mit dem Austritt aus der Opec und der Opec+ kehren die Emirate dem gesamten Kartell den Rücken und sagen sich auch vom Führungsanspruch Saudi-Arabiens los.
Abu Dhabi und Riad waren lang enge Verbündete am Golf, treten aber zunehmend als Rivalen auf und tragen diesen Konflikt auch immer offener aus. Im Jemen und im Sudan unterstützen sie verschiedene Seiten und verfolgen auch mit Blick auf Israelunterschiedliche Strategien. Wirtschaftlich wetteifern beide Monarchien um Investitionen, Handel und Tourismus. Saudi-Arabien muss nun versuchen, die Opec zusammenzuhalten. Einige sagen bereits den Anfang vom Ende des Kartells voraus. Das israelische Nachrichtenportal "ynet" schreibt, die Emirate hätten die Opec "zerbrochen".
Für die USA als grösster Ölproduzent der Welt ist die Ankündigung ein Balanceakt. So verliert zwar das mächtige Opec-Kartell, das jahrzehntelang die Preise kontrollierte, an Kraft. Wenn nun tatsächlich mehr Öl auf den Markt gelangt, dürften auch für die US-Bürger die Benzinpreise sinken. Das dürfte US-Präsident Donald Trump wenige Monate vor den wichtigen Kongresswahlen massiv in die Karten spielen.
Ob die Strasse von Hormus bis Anfang November tatsächlich dauerhaft für den Schiffsverkehr geöffnet wird, ist ungewiss. Zugleich muss die US-Regierung aufpassen, dass die Preise nicht zu stark sinken: Liegen sie unter einem bestimmten Wert, wird sich die Ölförderung in den USA nicht mehr lohnen.
 

Redaktion