Selbst schwer vom Erdbeben betroffen, macht die jüdische Gemeinschaft in Venezuela mobil für Hilfen.
Schon kurz nach den zwei schweren Erdbeben im Norden Venezuelas und der Hauptstadt Caracas mit inzwischen Hunderten Toten und Tausenden Vermissten machten sich jüdische Familien aus zerstörten Nachbarschaften auf den Weg zum jüdischen Gemeindezentrum Hebraica in Caracas. Dort verbrachten über 400 Menschen die erste Nacht auf Liegestühlen und in Autos, die auf dem Fussballplatz des Zentrums geparkt waren.
Roberto Mishkin erklärt als Präsident des Gemeindeverbandes Union Israelita de Caracas, die Gemeinde sei seit Jahren mit Notständen wie massiven Stromausfälle vertraut und Mitglieder wüssten, wohin sie bei extremen Problemen gehen könnten: zum Hebraica. Nachbeben würden die Region immer noch erschüttern: «Viele Menschen wollen nicht zurückkehren, weil sie in den oberen Stockwerken wohnen. Sie haben Angst.»
Das weitläufige Gelände des 1958 in wirtschaftlich deutlich besseren Zeiten erbauten Gemeindezentrum – damals war die jüdische Bevölkerung Venezuelas etwa 30'000 Mitglieder stark – dient nun als Notunterkunft mit Matratzen, medizinischer Versorgung, gemeinsamen Mahlzeiten und Vorbereitungen für den Schabbat. Zwei Mitglieder der Gemeinde wurden für tot erklärt, mehrere weitere werden noch vermisst. Hunderte sind vertrieben – ihre Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt.
Elias Farache, ex-Präsident der sephardischen Gemeinde in Venezuela und ehemaliger Vorsitzender der Zionistischen Föderation Venezuelas ergänzt: «Die Menschen sehr besorgt, sehr verzweifelt, und viele wissen nicht, ob sie in ihre Häuser zurückkehren können.» Hebraica sei ihr Treffpunkt, deshalb fühlen sich die Menschen hier sehr wohl. Laut Mishkin befinden sich die Juden Venezuelas seit Jahren in einer verzweifelten Lage.
Vor dem Erdbeben erhielten über 300 jüdische Familien Lebensmittel und Medikamente von lokalen Organisationen wie Keren Ezra, die von internationalen Partnern, darunter dem American Jewish Joint Distribution Committee (Joint), unterstützt wird. Normalerweise verteilt Keren Ezra Grundnahrungsmittel wie rohes Hühnchen, Reis und andere Lebensmittel. Da viele Familien nun keine Küche mehr haben, verteilt die nun Hilfsorganisation Dosen-Thunfisch, Reis, Cracker, Kekse, Kaffee und andere Hilfsgüter an Menschen, die in der Notunterkunft Hebraica Zuflucht suchen. Hunderte Vertriebene sind auf die Vorräte der Organisation angewiesen.
Keren Ezra erwirbt stets Vorräte für Notfälle auf lange Sicht. Aber allmählich gehen den Helfern die Mittel aus. Allerdings sind israelische und internationale jüdische Organisationen nun mit Hilfs- und Rettungsteams in Venezuela aktiv. Da Israel weder eine Botschaft noch ein Konsulat in dem Land unterhält (der ehemalige Präsident Hugo Chávez brach 2009 die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab), koordinieren jüdische Gemeinden mit den venezolanischen Behörden, um die Arbeit dieser Helfer zu erleichtern.
Derzeit versuchen Gemeindevorstände verzweifelt, ein Gefühl von Normalität aufrechtzuerhalten. Sie schaffen Matratzen an, damit die Evakuierten nicht mehr in ihren Autos oder auf Strandstühlen schlafen müssen. Ein Rabbiner will den Schabbat im Gemeindezentrum verbringen, während Freiwillige Cholent für die Vertriebenen zubereiten. Baldigst soll eine Gemeinschaftsküche für Menschen eröffnet werden, die sich keine Mahlzeiten leisten können. Doch die Bewältigung der unmittelbaren Folgen ist erst der Anfang. Hunderte Vertriebene werden eine Unterkunft benötigen.
Die Gemeinschaft ist in den letzten zwei Jahrzehnten von ihrem Höchststand von 30.000 Mitgliedern stark geschrumpft – Teil einer umfassenderen Abwanderungswelle, bei der sieben Millionen Menschen das Land aufgrund politischer, wirtschaftlicher und sozialer Herausforderungen, einschliesslich zunehmenden Antisemitismus, verlassen haben.
«Früher waren wir eine Gemeinschaft von Gebern. Wir haben Geld in die ganze Welt geschickt», sp Mishkin: «Nach 25 Jahren in einem Land mit schwierigen Verhältnissen ist unsere Gemeinschaft nun überaltert und wirtschaftlich nicht mehr wohlhabend. Die meisten Menschen, deren Häuser schwer beschädigt sind, werden sich die Reparaturen nicht leisten können.» Ohne Gebäudeversicherung bleiben vielen Familien kaum Alternativen. Viele haben zudem ihre Geschäfte verloren (Link).