USA – Kunst 17. Mär 2026

Gertrude Stein verstorben

Die bedeutende Galeristin und Vorsitzende der Boris Lurie Art Foundation wurde 98 Jahre alt.  

Wie die Boris Lurie Art Foundation (BLAF) mitteilt, ist Gertrude Stein bereits am 27. Februar verstorben. Die Gründungs-Präsidentin der dem Lebenswerk des gleichnamigen Künstlers (1924-2008) gewidmeten Stiftung war seit Anfang der 1960er Jahre in New York als Galeristin eine Instanz und treibende Kraft einer radikalen Moderne, gleichzeitig aber auch eine renommierte Expertin für Nachkriegskunst und in öffentlichen Ämtern im Kulturbereich tätig. Stein ist es mit BLAF gelungen, das sperrige Werk des Holocaust-Überlebenden Lurie – der in seiner aktiven Zeit angeblich keine oder nur ganz wenige Arbeiten verkaufen konnte – internationale Beachtung zu verschaffen.

Wir bringen hier Gedanken ihres Freundes Miles Ladin. Der Fotograf und Künstler hat 2019 im aufbau über Lurie und Stein geschrieben (Link).

Ende Februar starb meine Freundin und Mäzenin Gertrude Stein im Alter von 98 Jahren. Nein, nicht DIE Gertrude Stein. Jene berühmte Schriftstellerin und Förderin von Picasso oder Hemingway wäre – lebte sie noch – heute 152 Jahre alt. Meine Freundin Gertrude hingegen schritt bis Jahresbeginn ungebrochen rüstig und vielfältig engagiert auf die 100 zu. Sie war eine allseits respektierte Galeristin in New York City, hielt das Werk des Künstlers Boris Lurie hoch, war aber auch Unterstützerin wohltätiger Organisationen in Israel.

Gertrude war eine starke Frau. Sie wurde während des Zweiten Weltkriegs erwachsen, löste sich aus einer von Missbrauch geprägten Ehe und zog ihre beiden Söhne fortan als alleinerziehende Mutter gross. Sie wurde Galeristin und Kunsthändlerin und hat ihre schlicht «Gertrude Stein» genannte Galerie 1963 eröffnet. Als geschäftstüchtige Frau war sie sich der Macht dieses Namens innerhalb der Kunstwelt sicherlich voll bewusst! Gertrude profilierte sich mit ihrer Galerie als Pionierin und reihte sich damit in die sehr kleine Schar weiblicher Galeristinnen ein. Ihr geschultes Auge und ihr Geschäftssinn verhalfen ihr zu grossem Erfolg – insbesondere auf dem Sekundärmarkt für Kunst.

Ihr bleibendes Vermächtnis liegt jedoch in ihrer Rolle als Förderin des jüdischen Künstlers und Holocaust-Überlebenden Boris Lurie sowie der Künstler der «NO! art»-Bewegung, der auch Lurie angehörte. Sie hatte deren Werke während des fünf Jahrzehnte währenden Bestehens ihrer Galerie gezeigt und gründete 2008 die «Boris Lurie Art Foundation». In ihren Achtzigern – einem Alter, in dem die meisten Amerikaner von einem geruhsamen Ruhestand in Florida träumen – krempelte Gertrude noch einmal die Ärmel hoch: Als Stiftungsleiterin machte sie es sich zur Aufgabe, Luries Werk – eine Kunst, die untrennbar mit der Geschichte des Holocaust verbunden ist – einem möglichst breiteren Publikum zugänglich zu machen, und legte damit den Grundstein für die wachsende internationale Anerkennung seines Werks.

Bei Gertrudes Beisetzung bat der Rabbiner die Trauergemeinde, nicht allein den schmerzlichen Verlust zu verspüren. Wir sollten vielmehr bedenken, wie wir, die Lebenden, das Geschenk der uns noch verbleibenden Tage verwenden wollen. Ich musste unweigerlich daran denken, wie meine Freundin ihre letzten beiden Jahrzehnte verbracht hatte. Die grosse Dichterin Gertrude Stein hat einst gesagt: «Innerlich sind wir immer gleich alt» – Worte, die uns inspirieren und die meine Freundin durch ihre Taten auf eindrucksvolle Weise gelebt hat.

Andreas Mink