Liege 09. Mär 2026

Anschlag auf die einzige Synagoge

Polizisten sichern die Umgebung nach dem Anschlag in Liège am Montag. 

Eine Explosion in der ostbelgischen Stadt Liège sorgte für erheblichen Sachschaden. Verletzt wurde niemand, die Botschaft ist unabhängig davon gravierend.   

Auf die Synagoge der belgischen Stadt Liège wurde in der Nacht zum Montag ein Anschlag verübt. Bei einer Explosion, die laut belgischen Medienberichten kurz vor vier Uhr stattfand, wurde niemand verletzt. Fenster und Front der Synagoge wurden zerstört, auch bei gegenüberliegenden Gebäuden zersprangen durch die Kraft der Explosion Fensterscheiben. Die Polizei hat die Gegend um die Synagoge abgesperrt. Spezialisten der Abteilung zur Terrorismus- Bekämpfung untersuchen seit dem Morgen den Tatort.

Die Synagoge, entworfen vom Architekten Joseph Rémont und 1899 eingeweiht, wird von der wallonischen Region, zu der Liège zählt, auf der Monumenten- Liste geführt. Die jüdische Gemeinde der an der Maas gelegenen Industrie- und Universitätsstadt umfasste vor dem Holocaust knapp 3000 Personen, von denen etwa ein Drittel ermordet wurden. Nach der Befreiung Belgiens nahm die Zahl der Gemeindemitglieder nach einer kurzen Blüteperiode in den 1960er Jahren weiter ab. Heute besteht sie aus etwa 500 Personen. 

Guy Wolf, Präsident des Jüdischen Kulturzentrums von Liège, berichtet am Tag nach dem Anschlag, die Gemeinde sei «sehr überrascht von der Explosion». Die Stimmung in der Umgebung sei nun sehr still. Die Gemeinde beschreibt Wolf gegenüber tachles als «sehr stark in der Stadt integriert», er lobt das gute Verhältnis zu den lokalen Autoritäten, mit dem Bürgermeister sei er befreundet. Die Strasse sei weiterhin vollständig gesperrt. Angst oder Panik habe man in der Gemeinde nicht.

Willy Demeyer (Parti Socialiste), der besagte Bürgermeister der mit knapp 200.000 Einwohnern fünftgrössten belgischen Stadt, sprach am Morgen von einem «antisemitischen Akt». Dem frankophonen öffentlich- rechtlichen Sender RTBF erklärte er, man dürfe nicht zulassen, dass ausländische Konflikte in die Stadt importiert würden. In einem Pressebericht der Staatsanwaltschaft heisst es, es gebe mögliche Anzeichen für Terrorismus. Die genauen Umstände des Anschlags würden nun eingehend untersucht. 
Yves Oschinsky, Präsident des Consistoire Central Israélite de Belgique (CCOJB), bezeichnete den Anschlag gegenüber der Nachrichtenagentur Belga als «extrem verstörende, schwerwiegende und besorgniserregende Tat». Sein Stellvertreter Eitan Bergman, der aus Liège stammt, nennt den Anschlag schockierend, gerade weil er sich in einer so kleinen und zudem alternden Gemeinschaft mit nur einer Synagoge ereignet habe. «Das ist das Traurigste. Normalerweise geschieht so etwas in Hauptstädten», so Bergman. Positiv dagegen sei, dass in den politischen Reaktionen gleich der antisemitische Charakter genannt worden sei.
Am Morgen nach der Explosion erklärte Premierminister Bart de Wever (Nieuw-Vlaamse Alliantie), Antisemitismus sei «ein Angriff auf unsere Werte und unsere Gesellschaft» und mpsse unmissverständlich bekämpft werden. «Wir sind solidarisch mit der jüdischen Gemeinschaft in Liège und im ganzen Land.» Innenminister Bernard Quintin (Mouvement Réformateur) sprach von einer «abscheulichen Tat, die direkt auf die belgische jüdische Gemeinschaft» ziele. Als Konsequenz würden nun die Sicherheitsmassnahmen bei vergleichbaren Einrichtungen erhöht. 
Der jüdische Abgeordnete Michael Freilich (N-VA) forderte in einem Social Media-Post «die einst versprochene Null-Toleranz-Linie gegen Judenhass» müsse endlich umgesetzt werden. Stattdessen habe Antisemitismus für die Staatsanwaltschaft keine Priorität, und «zig eingestellte Fälle» schaffe ein Klima von Straflosigkeit. 
Während der belgische Innenminister am Nachmittag am Tatort erwartet wurde, fällt der Anschlag von Liège in eine Zeit, in der es um die Sicherheit jüdischer Bürgerinnen und Bürger in Belgien besonders prekär bestellt ist. Insbesondere in der Hauptstadt Brüssel, wo die jüdische Bevölkerung wie in Antwerpen zwischen 15‘000 und 20‘000 beträgt, ist die Frage nach der Emigration ein Dauerthema, wie tachles in einer Reportage unlängst berichtete. 
CCOJB- Vizepräsident Bergman, inzwischen auch in der Hauptstadt wohnhaft, analysierte die Lage in diesem Kontext vor wenigen Wochen so: «Es gab seit dem Anschlag auf das Jüdische Museum 2014 keinen Vorfall mit Todesopfern. Zugleich ist Antisemitismus seit dem 7. Oktober zu einer Meinung geworden, die man einfach so äussert. Ich glaube nicht, dass die meisten Leute an sich Antisemiten sind, aber die Ignoranz ist sehr gross, und es herrscht ein Klima, in dem alles vermischt wird: Juden, Israel, Palästina, Babymörder. Ich habe das Gefühl, dass wir vorsichtig sein müssen. Man spurt den Hass.»
 

Redaktion