das jüdische logbuch 01. Apr 2026

Warum ist diese Sedernacht anders?

Paris, März 2026. In der Auslage des Antiquariats in einer kleinen Gasse im 6. Arrondissement liegen die Bücher zu Pessach und eine Haggada. Bücher über die jüdische Idee der Freiheit, über Judentum nach dem 7. Oktober oder …Spannende Texte von Emmanuel Levinas («Difficile liberté»), André Neher («L’Exil de la parole»), Alain Finkielkraut («La mémoire vaine») und viele andere. Doch machen diese Texte heute noch Sinn? Existiert das Judentum noch, auf das sie referieren? Die vier Fragen des «Ma nischtana» zu Matza, Marror, Eintauchen und Anlehnen würden heute kaum mehr einem Kind in den Sinn kommen, sondern vermutlich jene, die aktuell in der jüdischen Debatte stehen: über Bedrohung in der Freiheit, Künstliche Intelligenz und Gott, Todesstrafe und Halacha und den jüdischen Staat. Pessach 2026 werden viele israelische Familien unter möglichem Sirenenalarm, vielleicht sogar in Schutzräumen verbringen, vielleicht beginnt in Libanon und Iran der grosse Bodenkrieg, während Europas Pessach-Hotels überflutet sind von Menschen, die nicht nach Israel reisen, nicht mit Familie und Freunden zusammen sein können. Zwischen Tragik und einer seit Jahren anhaltenden Pessach-Bigotterie stellt sich die Sinnfrage am Pessach jeweils neu. Da wird natürlich der KI-Seder in diesem Jahr auch nicht ausbleiben dürfen.

Am nächsten Tag wird die Knesset ein Todesstrafen-Gesetz beschliessen, und die Frage für den Halacha-Staat Israel bleibt unbeantwortet, ob das Gesetz dieser entspricht. Denn die Halacha formuliert zur Todesstrafe klare Bedingungen (Sanhedrin, Zeugen, Vorwarnung etc.), über die Rabbiner heute streiten, ob sie konform sind. Bereits der Talmud verhandelt im Traktat Makkot die Frage des Umgangs mit der Todesstrafe. Rabbi Akiva will eine sehr restriktive Anwendung («Wenn wir im Sanhedrin gewesen wären, wäre nie ein Mensch hingerichtet worden»), Rabbi Shimon ben Gamliel hält dagegen («Das würde mehr Morde zur Folge haben»). Dass die Debatte nach fast 2000 Jahren wieder ausbricht, ist der Zeit geschuldet. Dass der jüdische Staat aber keine neuen Antworten hat, ist allerdings auch dem eigenen Unvermögen geschuldet, einen Raum geschaffen zu haben, der für alle Bürgerinnen und Bürger Sicherheit schafft. Denn wenn die Feinde zum Massstab des eigenen Verhaltens werden, ist die Selbstaufgabe nicht weit. «Nächstes Jahr in Jerusalem» war nicht als Kampfansage, sondern als Sehnsucht für ein jüdisches Zentrum, dass in der Gegenwart keine Dritten Tempel, Vertreibung, Tötungen zur Grundlage machen sollte.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann