Kopenhagen, Juni 2026. Dänemarks Judentum bildet den geographischen Endpunkt einer jüdischen Migration von Portugal, über Amsterdam, Altona bis Kopenhagen und unterscheidet sich von vielen in Europa. Die jüdische Gemeinde Kopenhagens reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, als sich erste sephardische und später aschkenasische Familien in der dänischen Hauptstadt niederliessen. Im 19. Jahrhundert erhielten die Juden Dänemarks mit der Verfassung von 1849 volle Bürgerrechte, was eine zunehmende Integration in Handel, Kultur und öffentliches Leben ermöglichte. Die Synagoge in der Krystalgade, eingeweiht 1833, steht mitten in der Stadt. Es ist die Mischung aus aschkenasischem Ritus und sephardischen Einflüssen, die bis in die sephardische Synagoge nach New York reicht, die dann im 20. Jahrhundert für diese Weiterwanderung steht. An diesem Schabbatmorgen stimmt der Chasan nach Jischtabach die Liturgie mit Simon & Garfunkels «Scarborough Fair» an. Eine besinnliche Melodie der Stille, während von aussen die spielenden Kinder vor der jüdischen Schule zu hören sind. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gelang im Oktober 1943 die fast vollständige Rettung der dänischen Juden, als die dänische Bevölkerung in einer beispiellosen Solidaritätsaktion über 7000 Menschen heimlich nach Schweden in Sicherheit brachte. Nach dem Krieg kehrte ein Grossteil der Geretteten zurück, und die Gemeinde baute ihr religiöses und kulturelles Leben in Kopenhagen wieder auf. Im kleinen und feinen jüdischen Museum, das Daniel Libeskind gebaut hat, erzählt Rabbi Bent Melchior, Sohn des damaligen Oberrabbiners Marcus Melchior, wie er als junger Mann gemeinsam mit seiner Familie im Oktober 1943 vor der drohenden Deportation über den Öresund nach Schweden floh. Diese Flucht steht für das Schicksal der dänischen Juden und prägte Melchiors gesamtes späteres Wirken als Oberrabbiner Dänemarks, in dem er Zeit seines Lebens an die dänische Rettungsaktion erinnerte und sich für Toleranz und interreligiösen Dialog einsetzte. Judentum auf Augenhöhe. Nicht weniger, nicht mehr. Was das wohl in heutigen Zeiten bedeuten mag? In der Stadt findet das Festival «3 Days of Design» statt. Das bedeutendste Festival für Design Europas zieht Menschen aus aller Welt an und stellt dem Zweck von Möbeln einen übergeordneten Sinn entgegen, der sich nicht auf Ästhetik reduzieren lässt. Maimonides hat es nicht in den Norden, sondern in den Süden geschafft, hätte aber viel dazu zu sagen gehabt, wenn er in «Moreh nevuchim» schreibt: «Die Wahrheit zeigt sich manchmal und verbirgt sich wieder, gleichsam wie ein Blitz in einer dunklen Nacht.» Auf einmal wird ein Tisch nicht mehr nur ein Tisch, ein Stuhl nicht nur ein Stuhl, sondern ein Reflexionsmoment des Menschen im Angesicht der Dinge, in der Bewegung und Haltung. Der Blitz des Moments auf den Stufen der Erkenntnis. Hat all das einen Sinn? Für Platon war der sichtbare Gegenstand nur ein Abbild einer tieferen Idee; Design bewegt sich zwischen äusserem Schein und dem Versuch, eine innere Wahrheit sichtbar zu machen. Das Höhlengleichnis steht dafür im Kontext von Wahrheit und Schein. Für Aristoteles war Form nicht bloss eine Hülle, sondern Teil des Wesens einer Sache. Gute Gestaltung erschöpft sich nicht in der Oberfläche, sondern bringt Funktion, Bedeutung und Inhalt zum Ausdruck. Die Spannung zwischen Schein und Sein bleibt eine zentrale Frage des Designs – ob Form lediglich inszeniert oder das Wesen einer Sache erfahrbar macht. Eine Sache, die eben nicht Materialismus ist. Eine Gesellschaft, die diese Tradition regelrecht ins Zentrum ihrer Kultur stellt, lebt anders, und bei der Zeitungslektüre der Weltnachrichten lesen sich diese anders. Während die Welt sich gerade an der Exegese eines unverbindlichen «Memorandum of Understanding» zwischen den USA und Iran abarbeitet, ist rasch klar: Es kommt nicht mal ansatzweise an das von Trump einst aufgekündigte Abkommen der Obama-Regierung heran und hat den Nahen Osten für nichts in seine tiefste Krise seit Israels Staatsgründung gestürzt. Schein oder Sein? Diese Frage wird im Nahostkonflikt immer unbeantwortbarer in einer Situation, da kaum mehr jemand weiss, was wahr oder was Lüge ist. An der Art Basel stellt sich die Frage seit Dienstag nochmals neu. Was ist Kunst – oder eben nicht, wo gleitet sie in flaches, eindimensionales Design ohne Inhalt, also reine Form und Material ab. Der Art Unlimited fehlt dann rasch die Qualität und Tiefe, die sich in der klassischeren oder zeitgenössischen Kunst im Hauptgebäude findet. Robert Landaus Fine Art Gallery wird auch in diesem Jahr alles toppen und den Art-Besuchern lange in Erinnerung bleiben. So dicht, so intensiv, so kuratiert findet sich Kunst selten präsentiert, sie macht den existentiellen Moment der Dinge aus. Was hat all dies mit der Politik und den Entwicklungen der Gegenwart zu tun, die sich partout aus der Kette der Menschengeschichte und Kultur auskoppeln wollen mit ihrer libertär getränkten Radikalität, die alles entwesentlicht? Der Bürgenstock wird wohl in diesen Tagen symptomatisch für den Unsinn der Dinge stehen bleiben. Während die Bundesräte Guy Parmelin und Ignazio Cassis die wichtige Rolle der Schweiz mit ihren «Guten Diensten», die nichts anderes als Logistik sind, für die Nahostverhandlungen mantraartig platzieren, wird dieser Gipfel zur gleichen hochstilisierten Farce wie Werbung für schlechte Produkte. Das skandinavische Design steht diesem Hohlglanz, der oft mit der Lüge einhergeht, entgegen. «Wir brauchen keine neue Form, wenn sie nicht durch die Sache selbst begründet ist», sagte der Designer Poul Henningsen. Das gilt für ziemlich vieles in der Gegenwart mit dem Primat: Die Änderung der Dinge, der Politik, der Ideen ist dann sinnvoll, wenn sie im Menschen selbst begründet ist und nicht anderen Zwecken dient.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
19. Jun 2026
Vom Wesen der Dinge
Yves Kugelmann