Bremerhaven, März 2026. Sind Hafenstädte die ehrlicheren Städte? Orte, die Zu- und Auswanderung nicht zum Konflikt, sondern zum Selbstverständnis machen? Wäre Europa nicht selbst das exemplarische Hafenmodell, wie andere Kulturen es längst verinnerlicht haben, die das vermeintlich Fremde nicht zum Ausgangspunkt der Verwerfungen nehmen? Der Krieg gegen die Ukraine verschwindet hinter Debatten um den Krieg gegen den Iran, der im Westen vor allem auf Ebene wirtschaftlicher Konsequenzen und seit dem Raketeneinschlag in der 4000 Kilometer entfernten Militärbasis Diego Garcia an der Frage elaboriert wird, ob Europas Sicherheitsarchitektur noch Bestand hat. Mit dieser Art Kurzsichtigkeit kalkulieren die Feinde der Freiheit schon seit Jahrzehnten, und Europa, aber auch die USA, tappen jeweils in die Falle.
Das Leid der Bevölkerungen in den Kriegsgebieten von Donbas, Kiew oder Bagdad, Beirut, Haifa, Tel Aviv, Teheran und so fort geht im Zynismus elitärer Diskussionen über den Krieg unter. Kriege, die vermeidbar gewesen wären, wenn nicht all jene versagt hätten, die die Diplomatie, die sogenannte regelbasierte Weltordnung, die westliche Vernunft gepriesen haben und selbst daran gescheitert sind und nun eine Lüge nach der anderen und viele Waffen produzieren. Die Lösung all dieser Konflikte liegt in der Zeit, bevor sie begonnen haben, und wird nach Kriegshandlungen weiter bestehen, solange die ernsthafte Diplomatie sich nicht auf den Weg macht.
Was kalter und heisser Krieg bedeutet, zeigt sich oft in Hafenstädten. Ein U-Boot hält an diesem Vorfrühlingstag Anker, und der klare Tag zeigt einen weiten Blick ins Flachland dieser nordöstlichen deutschen Stadt, die sich mit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte nach der Wende neu erfinden musste.
Das Wasser liegt noch tief, die Schwalben schauen am Kai zum offenen Meer. Sie halten Ausschau nach leichter Beute, bevor die Flut kommt. Das Klimahaus Bremerhaven verhandelt Klima als konkrete Zukunftsfrage für Gesellschaft und individuelles Handel. Daneben erzählt das Deutsche Auswandererhaus die Geschichte von Millionen Menschen, die über Bremerhaven nach Amerika und in andere Teile der Welt aufbrachen und zum Teil auch Kolonialgeschichte verantworteten. Der Meltingpoint Hafenstadt ist auch einer in Bremerhaven, geprägt von Migration, Handel und internationaler Durchmischung.
Stefan Zweig beschreibt in «Die Welt von Gestern» Hafenstädte als Orte des Aufbruchs und der Verdichtung von Welt, «wo die Welt enger zusammenrückt und doch zugleich auseinandergeht», Orte, die von Abschied, Hoffnung und Globalität geprägt sind.
Die jüdische Geschichte in Bremerhaven ist eng mit der Entwicklung der Hafenstadt verbunden. Seit dem 19. Jahrhundert lebten dort jüdische Kaufleute, Reeder und Handwerker, die den wirtschaftlichen Aufstieg des Seehandels mitprägten. Zugleich war Bremerhaven für viele osteuropäische Juden ein zentraler Auswanderungshafen auf dem Weg in die USA – ein Ort des Aufbruchs und der Hoffnung. Die jüdische Gemeinschaft wurde in der Zeit des Nationalsozialismus nahezu vollständig zerstört. Deportationen und Verfolgung löschten das jüdische Leben weitgehend aus, woran heute ein Denkmal und Stolpersteine erinnern. Schützen Grenzen oder sind sie Anlass von Vertreibung, Machtpolitik und Krieg? Wie hätte die grosse Grenze Schengen eine Lösung sein können und – würden keine Grenzen Konflikte vermeiden oder verschärfen? Darüber kann man debattieren – gerade im Nahen Osten. Europa steht vor der Chance, Europa umzusetzen und nicht nur davon zu reden. Der Impact auf den Weltfrieden könnte grösser sein, als viele Apologeten gerade negieren. Doch dafür braucht es offene Geister, pragmatische Perspektiven und Redlichkeit statt zeitgebundener Populismus. Transit Europa beginnt dort, wo die selbstverschuldete Unehrlichkeit endet. Ahoi.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
27. Mär 2026
Transit Europa am Hafenkai
Yves Kugelmann