Basel, November 2026. Es war eine klare Ansage von Oberrabbiner Ephraim Mirvis in der Basler Synagoge: «Die Jüdinnen und Juden leben nicht in den 1930er Jahren.» Heute hätten jüdische Gemeinschaften starke Partner in Politik, Behörden und Gesellschaft. Sie fänden Gehör, wenn es um den Kampf gegen Ausgrenzung, Antisemitismus oder die Dämonisierung Israels gehe. Es braucht einen britischen Oberrabbiner, um an das Selbstbewusstsein jüdischer Gemeinschaften zu appellieren, im Blick auf eine Gegenwart, deren Herausforderungen sich nicht wegdiskutieren lassen. Sein Besuch im Rahmen des Wochenendes Schabbat Bejachad war ein grosser Erfolg. Seine Auftritte beim Kabbalat Schabbat, beim Schiur in der Schomre Thora und beim Dwar Thora zur Parascha Wajera erinnerten daran, dass ein Perspektivenwechsel oft mehr Klarheit bringt als jeglicher Fatalismus, der nur lähmt. Naivität wird Mirvis niemandem vorwerfen. Gerade die britischen Oberrabbiner geniessen seit Jahrzehnten grossen Respekt, ob Immanuel Jakobovits oder später Jonathan Sacks.
Einen Tag später führte Bob Dylan bei seinem Zürcher Auftritt im Hallenstadion vor, dass der weite Blick mehr über die Gegenwart erzählt als jeder Kommentar zum Tag. Die Zürcher Setlist zu deuten, mag Kaffeesatzlesen sein. Zumal sich die Kritik bis heute an Dylans Rätsel abarbeitet, im Missverständnis, Kunst müsse liefern und antworten, statt einfach Kunst zu sein. Dylan sagt nichts an, erklärt nichts und hat sich nie zum Sprachrohr machen lassen. Seine Setlist bleibt fast jeden Abend gleich, nur in der Mitte wechselt ein Lied über Rom. In Zürich, zwei Tage vor den Midterms, war es «Crossing the Rubicon», der Schritt, nach dem es kein Zurück gibt. Um diesen Song herum erzählt der Abend vom Zerfall, vom ruhigen Fluss über die Flut von «High Water» bis zu «Not Dark Yet». Höhepunkt ist «Tangled Up in Blue», neu als leise Klavierballade mit brüchiger Stimme und neuen Strophen. Am Ende steht kein Appell, sondern «Every Grain of Sand».
Wolf Biermann machte am Dienstagabend beim Konzert zu seinem 90. Geburtstag in der ausverkauften Elbphilharmonie klar, dass ein Dritter Weltkrieg für ihn greifbar ist, ob in diesen Monaten oder in 20 Jahren, aber noch verhindert werden kann. Mit seiner neu erschienenen Moritat über die Liebesbeziehungen zwischen Stalin und Hitler oder Trump und Putin zeigte er, wie der Kampf für die Freiheit gelingen kann: indem er Politik als Missbrauch entlarvt und so zur Wende führt. Diese Wende kann dann ihrerseits wieder von Unfreiheit herausgefordert werden. Mit Heines Freiheitskämpfen, Humor und Esprit traf Biermann den Ton besser als Fran Lebowitz, die am selben Abend, während die Amerikaner wählten, als Kontrastprogramm mit Jan Böhmermann im Hamburger Schauspielhaus auftrat. Mit Lakonie und Lokalpatriotismus sinnierte sie am Beispiel New Yorks über Gott und die Welt, ganz im Stil des alten Capote. Zu Trump blieb sie gelassen, nach dem Prinzip: Er wird vorübergehen, sie wird bleiben. Zugleich machte sie deutlich, dass sie sich nicht im nostalgischen Gestern verliert. Sie steht an der Seite der aktuellen Jugendproteste, die in Europa und den USA ein neues Zeitalter in Bildung und Politik einfordern. Wie befreiend es sein kann, Stimmen zuzuhören, die unbeugsam nach aussen dringen, ohne Rücksicht auf die Reaktionen, zeigte sich vor allem in einem: Die Veranstaltungen waren ausverkauft, die Debatten wurden befruchtet und mit ihnen die Freiheit. Denn diese verteidigen alle, versehen mit den Warnungen, dass die Freiheit viele Seiten und nur im Einklang mit Vernunft eine Gesellschaft zum Frieden tragen kann.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
06. Nov 2026
Jüdische Stimmen gegen Dystopie
Yves Kugelmann