das jüdische logbuch 18. Sep 2026

Die entrückte Mitte

Jerusalem, September 2026. Können Demokratien nur politische Mitte oder auch Extreme? Über der Stadt liegt noch die Ruhe von Rosch Haschana am Tag danach zum Fasttag Zom Gedalja. Eine Woche nach der Publikation der Resultate der PISA-Studie machen sich Pädagogen in einem Museum in Jerusalem Gedanken über die Resultate und die Implikationen. Israel hat in der Erhebung so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor: In Mathematik fiel der Score von 458 auf 433 Punkte, in Lesekompetenz von 474 auf 436, in den Naturwissenschaften von 465 auf 442 – in allen drei Bereichen deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. International fällt Israel damit auf Rang 43 von 44 OECD-Ländern in Mathematik zurück, nach Platz 38 im Jahr 2022 – der zweitstärkste Absturz aller Teilnehmerländer nach Lettland (vgl. S. 10). Am Tisch sitzen Menschen aus allen Spektren von Israels Gesellschaft: säkulare, religiöse, eingewanderte und so fort. Über Politik wird nicht gesprochen, doch alles, was gesagt wird, ist hochpolitisch. Die Israeli ringen um mehr als die PISA-Studie. Sie suchen nach einer Art Formulierung für ein Israel, das nach Pandemie, 7. Oktober, Gaza- und Irankriegen ausgelaugt, müde und desillusioniert wird. Die permanente gesellschaftliche Kampfzone in Israel zeigt sich in Jerusalem nochmals anders. Hier treffen die verschiedenen Teile der Gesellschaft täglich aufeinander. Anders als in Tel Aviv oder Haifa. «Die Mitte hat sich radikalisiert. Sie ist nicht verschwunden» sagt die rund 70-jährige Kunstvermittlerin aus Haifa. Jeder Satz ist politisch, nie parteipolitisch, bis die Frage kommt: Woran liegt denn der Zerfall von Israels Gesellschaft? «Das System Bibi hat uns zerstört. Uns alle.» Er hätte die Lüge, die Propaganda, die Manipulation und Kleptokratie in Israel zum Primat und mehrheitsfähig gemacht. Das Schweigen am Tisch wird nicht zum Widerspruch, sondern zur Zustimmung, wie sich dann im Gespräch herausstellen wird. Sechs Wochen vor der Wahl in Israel geht es nicht um Themen, sondern Bibi. Seit die Tageszeitung «Haaretz» in einer Recherche aufzeigte, dass Binyamin Netanyahu vor der Hamas-Invasion am 7. Oktober gewarnt war, ist der Wahlkampf noch schmutziger geworden. «Israels Gesellschaft degeneriert zusehends» sagt eine junge Lehrerin. «Wir erfahren das täglich in den Schulen.» Eine andere wirft ein: «In Europa ist es doch auch nicht besser.» In Deutschland, Frankreich, Spanien oder Italien seien die Extremisten an der Macht. «Ihr habt doch auch keine politische Mitte.» Dann sagt eine: «Juden wollen gehen. Aus Israel, aus Europa, aus den USA. Wir sind im Vakuum.» Können Demokratien nur politische Mitte? Können extremistische Parteien Demokratie ohne Verletzung der Verfassungen? Oder ist die Demokratie der Weichspüler für extremistische Parteien zum Systemwechsel? Sind Inflation, Aufrüstung, wirtschaftlicher Abschwung Brandbeschleuniger gegen die Mitte-Demokratie? In Jerusalem bleibt die Sorge nicht das letzte Wort, sondern der Antrieb für Wandel und Projekte. Zumindest an diesem Tisch. Doch was ist Mitte? Die geometrische Mitte ist kein eigenständiger Ort, sondern eine Funktion ihrer Ränder: Der Mittelpunkt eines Kreises ist definiert als der Punkt, der von jedem Punkt des Randes gleich weit entfernt ist. Doch was heisst das für eine Gesellschaft, eine Parteiendemokratie? Verschiebt sich der Rand – radikalisieren sich die Extreme –, verschiebt sich rein geometrisch auch das, was «gleich weit von allen Rändern entfernt» bedeutet. Die Mitte bleibt per Definition Mitte, sie wandert mit. Das heisst, die enwurzelte, entkoppelte und de-historisierte Mitte kann extrem werden. Sie verliert sich und wird eine Neue im Irgendwo. In Gesellschaften ohne kulturelle Anbindung und ohne historisches Gedächtnis. Einst war Jerusalem die Mitte alter Landkarten – und jüdischer sowie-so. Die Transformation der Dinge bleibt offen und ein disbalanciertes Wagnis, wenn die Mitte entfällt.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann