das jüdische logbuch 11. Sep 2026

Die neue jüdische Zeitrechnung

Berlin, September 2026. Nein. Es ist nicht alles gut – auch wenn alles gut sein wird. Da mögen auch die lauen Sommerabende Berlins am Ufer der Spree mitten im Wahlherbst nicht besänftigen. An der Schwelle zum neuen jüdischen Jahr wird die Summe der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, digitalen Realitäten zu einer Evidenz, die im Kern nur eines zum Ziel haben kann: Stärkung von demokratischen Strukturen. Das heisst ganz konkret zeitgemässe Partizipation, Veränderungen von Strukturen, politischen Agendas und Etablierung von transparenten Abläufen und kompetenzgetriebener politischer und zivilgesellschaftlicher Arbeit. Denn – Demokratie beginnt nicht mit grossen Worten, medialer Präsenz oder öffentlichen Auftritten, sondern mit dem täglichen Klein-Klein im Überall. Die jüdische Gemeinschaft ist weltweit schlecht aufgestellt, wenn es um glaubwürdige Interessensvertretung geht, auch angesichts grosser Themen wie Populismus, gesellschaftliche Veränderungen etwa durch Klimawandel, geopolitischer Wandel oder Wirtschaftskrisen. Während die grossen internationalen jüdischen Organisationen ihre übergeordneten Ziele längst aus den Augen verloren haben, wandelt sich das Umfeld massiv: Extremismus, Antisemitismus und vollständig veränderte Gesetzmässigkeiten überholen und überrollen die alten Tanker. Im Jüdischen Weltkongress tobt ein Kampf um die Nachfolge von Ronald S. Lauder und ein Dauerkonflikt mit dem Europäischen Jüdischen Kongress. Dessen aus Russland stammender Präsident, der Oligarch Mosche Kantor, marginalisiert den Verband und ist nicht offen für Partnerschaften etwa mit dem European Council of Jewish Communities. Die europäischen Verbände wiederum kommen immer mehr unter Druck des American Jewish Committee und anderer amerikanischer Verbände, die sich wiederum in den USA mit viel Geld und Aufwand untereinander den Rang ablaufen. Die Jewish Agency for Israel, American Jewish Joint Distribution Committee und Anti-Defamation League ringen um Israelpositionen innerhalb der so genannten Diasporagemeinschaft, B’nai B’rith International ist gerade am Untergehen und die Claims Conference unterstützt zunehmend Social-Media-Aktivitäten, als ob man Alkoholismus mit Alkohol bekämpfen könnte. Die European Jewish Association nutzt in Brüssel die fehlende Präsenz des Europäischen Kongresses. Und so fort. Von gemeinsamen Projekten, Strategien und über persönliche Interessen hinausgehender Politik ist wenig zu sehen.

In der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild. Seit Jahren liefern sich der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die CICAD einen Kampf um die Deutungshoheit in der Romandie, die jüdische Gemeinde Bern steht momentan ohne Vorstand da, während die Israelitische Gemeinde Basel mit unbewilligten Klimageräteeinbauten Schlagzeilen in der Presse macht, um dann wiederum ein mediales Hickhack SIG vs. GSI (Gesellschaft Schweiz-Israel) um einen Post auszutragen, während die sich atomisierenden Interventionen gegen die unbewilligte Basler Kundgebung «Tod dem Zionismus» vor allem dazu geführt haben, dass sie in den Weltschlagzeilen ist. In Zürich will die Israelitische Cultusgemeinde Zürich 2 Millionen sparen, während die Debatten um die Finanzierung jüdischer Schulen, wie die Noam, virulenter werden. Hinzu kommen endlose Streitigkeiten unter Funktionären, Interessenskonflikte und Fehlbesetzungen bei Interessensvertretungen, die im Einzelnen zwar gute journalistische Geschichten hergeben, beim Blick darauf aber schon ein endloses, ermüdendes Déjà-vu hergeben würden – ganz abgesehen von laufenden und anstehenden Skandalen. In den kommenden Monaten wird es einige personelle Änderungen auch in jüdischen Organisationen und Gemeinden geben, die sich nicht mehr aufhalten lassen, spätestens, wenn sie öffentlich werden. Viel wichtiger aber ist, dass jüdische Organisationen, die inzwischen viel mehr öffentliche Gelder erhalten, auch zeitgemässe Kontrollinstanzen, Ombudsstellen, Amtszeitbeschränkungen, Aufsichtsgremien und eine saubere Corporate Governance erhalten. Das neue jüdische Jahr startet mit einer Flut von Konflikten, begleitet von den grossen Fragen rund um die Beziehung zwischen Juden in- und ausserhalb Israels, der Spaltung zwischen traditionellen und neuen jüdischen Gemeinschaften sowie der Radikalisierung des Zionismus. Das neue jüdische Jahr kann also nicht 5787 lauten, sondern muss mit einer neuen Zählung beginnen. Denn so sollte es nicht weitergehen.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann