Im Gespräch mit Noëmi van Gelder, Präsidentin der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich und Präsidentin des Verbands Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen, über zu teures jüdisches Leben und soziale Unterstützung und Perspektiven.
tachles: Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind mit dem angespannten Umfeld, Inflation und Teuerung in den letzten Jahren generell herausfordernder geworden und konkret gelangen jüdische Familien oder ältere Menschen an ihre Grenzen für die Führung eines durchschnittlichen jüdischen Lebens. Spüren Sie im VSJF, dass die Nachfrage nach sozialen Leistungen zunimmt?
Noëmi van Gelder: Im VSJF sind die Zahlen beachtlich gestiegen, kontinuierlich. Der Sozialdienst betreut heute rund 230 Klientinnen und Klienten in der ganzen Schweiz, seit 2022 mit einem kontinuierlichen Anstieg, mitbedingt duch den Krieg in der Ukraine. Und zwar für alle Teile der Gemeinschaft: Religiös und nicht religiös, alte und junge Menschen. Was mir wirklich Sorgen macht: Dass heute eine Familie mit zwei Kindern kaum mehr durchkommt.
Wie kann sich eine normale jüdische Familie mit zwei Kindern und zwei arbeitenden Elternteilen heute noch ein jüdisches Leben leisten – mit Gemeindesteuern, Schulgeld und allem, was dazugehört?
Jüdisches Leben in der Schweiz ist teuer, und die Kosten steigen schneller als die Einkommen. Zu den ohnehin hohen Lebenskosten – Krankenkassenprämien, Mieten – kommen spezifisch jüdische Zusatzkosten hinzu: koschere Lebensmittel, Gemeindebeiträge, jüdische Schulbildung. Wir sehen, dass heute auch erwerbstätige Mittelstandsfamilien damit Mühe haben. Dabei stossen wir auf ein strukturelles Dilemma: In einer kleinen, eng vernetzten Gemeinschaft ist die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen, besonders hoch. Wer beruflich etabliert wirkt, Mitgliederbeiträge zahlt und an den Feiertagen in der Synagoge sitzt, meldet sich nicht einfach bei der Fürsorge. Deshalb müssen wir aktiv hinschauen – über das Rabbinat, über die Schulen, über Mitgliederanlässe – und gleichzeitig absolute Diskretion garantieren. Das nennen wir stille, aufsuchende Sozialarbeit. Sie ist aufwendig, aber der einzige Weg, verdeckte Armut zu erreichen.
Der Hauptteil der Familien ist nicht sozialbedürftig, kommt aber trotzdem an seine Grenzen, wenn mit Gemeindesteuern, jüdischen Schulen und Freizeitangeboten plus praktizierendem jüdischen Leben rasch mal 40% weg sind. Wie können da Gemeinden und Institutionen entlasten?
Ein Kind darf nicht zu kurz kommen, nur weil die Eltern es sich nicht leisten können. Wir kennen Stipendienfonds für die Schule, Subventionen für Hort und Mittagstisch, Beiträge an Machanot und Ferienaktivitäten, Feiertagszulagen, damit Familien in Würde ihren Jom Tov feiern können – koschere Lebensmittel sind teuer, wenn man darauf angewiesen ist. Auch bei den Mitgliederbeiträgen gibt es Unterstützung, ohne dass man dafür ein Sozialfall sein muss. Aber wir können das nicht nach dem Giesskannenprinzip verteilen. Wer es braucht, muss einen Antrag stellen. Entscheidend ist mir die Haltung dahinter. Entlastung muss früh ansetzen, bevor eine Familie in die Sozialhilfe abrutscht und sie muss diskret erfolgen, die Scham ist oft die höchste Hürde.
Es gibt Forderungen, das Modell der Einheitsgemeinde grundsätzlich zu überdenken – Stichwort modulare Mitgliedschaft, wie in England, wo man nur für das bezahlt, was man auch nutzt. Wie stehen Sie dazu?
Wir haben das angeschaut, aber die Schweiz hat hohe Fixkosten, die gedeckt werden müssen. Die Einheitsgemeinde funktioniert nach dem Solidaritätsprinzip, auch wenn wir spüren, dass dieses Prinzip gerade bei der jüngeren Generation abnimmt. Unser langfristiges Ziel ist, die Mitgliederbeiträge deutlich zu senken – etwa mit einem Basisbeitrag und stärker nutzungsabhängigen Zusatzkosten, wie das andere Gemeinden bereits kennen. Schwierig wird es zum Beispiel beim Kindergarten: Der ist bei uns gratis und kostet uns rund 1,8 Millionen Franken im Jahr, einer unserer grössten Kostenblöcke. Senken wir die Mitgliederbeiträge und verlangen dafür Kindergartenbeiträge, ist das politisch heikel. Aber langfristig muss ein Umdenken stattfinden. Wir stehen jetzt vier Monate vor der Gemeindeversammlung, mehr kann ich dazu noch nicht sagen.
Es stellt sich natürlich die Frage auf der Ebene Angebot und Nachfrage, was heute eine jüdische Gemeinde als Pflicht erfüllen muss. In der ICZ wollen Sie 2 Millionen sparen auf ein Budget von 12,5 Mio. Sie kennen die Situation anderer Gemeinden in Europa gut. Was gehört für Sie zwingend zu einer Gemeindeaufgabe, was nicht?
Halachisch gesehen sind das Rabbinat, die Kaschrut, der Friedhof, die Seelsorge und die Mikwe, dazu die Garantie eines Minjan. Alles darüber hinaus ist eine Frage der Prioritäten, und da hat in unserer Gemeinschaft jede und jeder eine andere Meinung. Das ist legitim, macht die Diskussion aber anspruchsvoll. Bildung gehört für mich klar zum Kern. Ohne jüdische Bildung gibt es keine jüdische Zukunft, das ist für mich nicht verhandelbar. Die Frage ist nicht, ob wir sie anbieten, sondern wie wir sie finanzieren. Allein der Kindergarten kostet uns rund 1,8 Millionen Franken im Jahr, und der Betreuungsaufwand ist gestiegen, auch weil wir staatlich anerkannt sind und entsprechende Vorgaben einhalten müssen. Über die konkreten Finanzierungsmodelle wird derzeit diskutiert, entschieden ist nichts. Klar ist einzig die Bedingung: Kein Kind darf aus finanziellen Gründen von jüdischer Bildung ausgeschlossen werden. Beim Eventangebot steht der Gedanke im Raum, stärker nutzungsabhängig zu finanzieren: Wer ein Angebot nutzt, soll es auch bezahlen – pay by use.
Heisst das, die Gemeinde soll sich wie ein KMU verstehen, das sich selbst trägt – oder braucht jüdisches Leben letztlich Geld von wohlhabenden Spendern?
Das Erste. Wir müssen selbsttragend sein, über unsere Mitgliederbeiträge. Spenden bleiben dabei ein tragender Pfeiler, Zedaka gehört zum Kern jüdischen Selbstverständnisses und wir sind dankbar für jede Zuwendung. Sie sind aber freiwillig, und niemand weiss, was die Zukunft bringt. Heute sind wir dankbar, dass der Staat die Sicherheitskosten übernimmt, aber wir wissen nicht, was morgen ist. Eine Gemeinde muss deshalb so aufgestellt sein, dass ihr Grundbetrieb am Ende des Tages über die Mitgliederbeiträge gedeckt ist. Alles was darüber hinaus möglich ist, ist ein Geschenk und darf keine Voraussetzung sein.
Das klingt nach einer Rechnung, die im Moment nicht aufgeht.
Sie geht auch nicht auf, wenn man Jahresrechnung und Mitgliederbeiträge nebeneinanderlegt. Deshalb steuern wir jetzt in diese Richtung: Wir können am Ende nicht mehr ausgeben, als wir haben. Das bedeutet einen Sparauftrag von 20 Prozent, den uns die Generalversammlung gegeben hat. Sparen tut weh, das muss jeder wissen, und es bedeutet Restrukturierung.
Beispiel ICZ-Synagoge an ihrem historischen Standort wird weniger stark genutzt, seit die grösseren Minjanim in Wollishofen, Brunau und kleinere Minjanim entstanden sind. Denken Sie an Verkauf, Umnutzung oder andere Lösungen?
Die Synagoge ist denkmalgeschützt, das schränkt unseren Handlungsspielraum stark ein. Wirklich belebt ist sie eigentlich nur an den hohen Feiertagen und an Bar- und Batmitzvahs, den Rest des Jahres wirkt sie, wie Sie sagen, eher künstlich belebt. Aber es gibt Mitglieder, die am Schabbat dort beten möchten, und das müssen wir als Gemeinde ermöglichen. Gleichzeitig verstehe ich, dass Mitglieder, die einen Minjan vor der eigenen Haustür haben, dorthin gehen statt in die grosse, weiter weg gelegene Synagoge.
Zürich profitiert von einem starken Wirtschaftsstandort, anders als etwa Basel, Bern oder St. Gallen. Bereiten Sie sich darauf vor, dass das nicht so bleibt, der Standort Zürich an Attraktivität verlieren könnte?
Wir denken das mit. Die ICZ besteht seit 164 Jahren, und offensichtlich hat der Standort Zürich für alle Gemeinden Platz – jede und jeder darf dorthin gehen, wo er sich abgeholt fühlt. Für uns heisst das aber, dass wir unsere Kosten in den Griff bekommen müssen, damit wir den Mitgliedern langfristig eine spürbare Beitragssenkung ermöglichen können.
Rund um die ICZ gibt es mehrere Chabad-Standorte, die von Ihrer Infrastruktur – Friedhof, Mikwe, Kaschrut-Aufsicht – mitprofitieren, ohne an den Kosten zu partizipieren, aber von Besuchenden über Spenden und anderes Geld erhalten, das ansonsten vielleicht in die Stammgemeinden fliessen würde. Liesse sich halachisch begründen, dass Chabad sich an den Kosten in einer Art Finanzausgleich zu beteiligen hat?
Friedhof, Mikwe, Kaschrut-Aufsicht sind eine «Grundversorgung», von der die gesamte jüdische Bevölkerung Zürichs profitiert. Wer als unser Mitglied lieber bei Chabad seine religiöse Heimat findet, bezahlt ja trotzdem seine Mitgliederbeiträge bei uns mit. Wer nicht Mitglied bei uns ist und unsere Mikwe nutzt, wird in aller Regel auch nicht plötzlich zu uns kommen. Auch beim koscheren Restaurant der Gemeinde ist es so, dass unsere eigenen Mitglieder es kaum benutzen – der grösste Teil der Gäste kommt von auswärts oder ist touristisch.
Im VSJF finden sich wiederum viele Fälle von Holocaust-Überlebenden, Armutsbetroffenen, Nicht-Gemeindemitgliedern, denen die städtischen oder Fürsorgen von jüdischen Gemeinden nicht abschliessend helfen können: Werden die Fälle, mit denen Sie es zu tun haben, komplexer?
Deutlich. Früher hatte eine Familie ein finanzielles Problem, man half einmalig. Heute ist es die Gleichzeitigkeit mehrerer Probleme, die es schwierig macht: eine alleinerziehende Mutter etwa, die geschieden ist, deren Unterhaltsansprüche ungeklärt sind, die psychisch belastet ist – und dazu kommen noch finanzielle und schulische Fragen. Da greifen finanzielle, rechtliche und psychosoziale Probleme ineinander, und man begleitet einen solchen Fall nicht einmalig, sondern über Monate oder Jahre. Dazu kommt eine Dimension, die in der regulären Sozialarbeit kaum vorkommt – das Trauma. Der VSJF betreut schweizweit über 70 Holocaustüberlebende. Im hohen Alter, wenn die Kräfte nachlassen, können Erinnerungen wieder aufbrechen. Ein Heimeintritt kann Deportationserinnerungen wecken, eine Behörde, die Dokumente verlangt, löst existenzielle Ängste aus. Als akkreditierte nationale Anlaufstelle der Claims Conference sorgen wir dafür, dass alle Ansprüche geltend gemacht werden, vom Home-Care-Programm bis zum neuen Food-Programm. Das erleben wir in allen Gemeinden und Hilfsorganisationen. International tauschen wir uns dazu aus, etwa auf Initiative des JDC mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland oder Esra in Wien – aber am Ende ist jedes Land für sich, und wichtig sind vor allem die konkreten Fallbeispiele, nicht die allgemeinen Prinzipien.
Braucht eine jüdische Gemeinschaft über Sicherheitssubventionen hinaus in Europa langfristig staatliche Subventionen oder muss das Ziel finanzielle Unabhängigkeit vom Staat sein?
Den Schutz von Minderheiten sehe ich als staatliche Kernaufgabe. Darüber hinaus erbringen wir eine gesamtgesellschaftliche Leistung, wir vermitteln Kultur und organisieren Anlässe, die nicht nur unseren eigenen Mitgliedern zugutekommen. Wo der Staat solche Leistungen anderswo mitträgt, sollen jüdische Institutionen gleich behandelt werden, das ist kein Privileg. Der Grundbetrieb einer Gemeinde aber muss über die Mitgliederbeiträge gedeckt sein.
Wenn Sie es in Zahlen fassen: Wie viel Prozent des Familieneinkommens darf jüdisches Leben Ihrer Ansicht nach kosten?
Ich mache das mal für den Standort Zürich. Rechnet man zwei Kinder in einer jüdischen Schule, koscheres Essen, Mitgliederbeiträge und alles andere zusammen, kommt man schnell auf bis zu 30 Prozent des Einkommens. Eine feste Zielgrösse kann ich nicht nennen, aber es sollte sicher nicht mehr sein – im Gegenteil, weniger wäre besser. Jüdische Schulen sind letztlich eine Privatschulform, das müssen wir uns bewusst machen.
Lösungen zur Frage der Finanzierbarkeit jüdischen Lebens für Familien oder etwa ältere Menschen benötigen Zeit. Was wünschen Sie sich in diesem Bereich?
Dass jede und jeder sein Leben in Würde leben kann. Würde heisst für mich konkret: Niemand soll aus finanziellen Gründen aufhören dazuzugehören. Denn Armut bedeutet bei uns nicht nur Mangel, sie bedeutet Rückzug, weil es einem unangenehm ist, sich gewisse Dinge nicht leisten zu können. Das setzt eine Kettenreaktion in Gang, an deren Ende Einsamkeit steht. Deshalb bauen wir gerade unser «Kescher»-Programm in der ICZ wieder auf, das während Corona pausiert hat: Freiwillige besuchen alleinstehende und ältere Menschen, dazu kommen Besuche im Krankenhaus. Und beim VSJF sind es die beiden Seniorenfoyers, das deutschsprachige wie das russischsprachige. Ich glaube, genau dieses Aufeinanderschauen, das frühe Hinsehen, ist die grosse Stärke unserer Gemeinschaft.