Bremerhaven, Mai 2026. Der Kaffee in der «Letzten Kneipe von New York» schmeckt nach Nostalgie. Die Baracke erzählt viele Geschichten von Auswanderern. Bis zum Auswandererhaus im Hafen ist es ein Stück. Daneben erinnert eine Tafel an das «Gespensterschiff», das 1933 im Hafen lag. Auf diesem Schiff wurden Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung von der SA «geschlagen und gefoltert». Die Schlagzeilen rund um ein Raubkunstbild in der Fondation Beyeler haben es rasch in die deutschen Zeitungen geschafft. Die taz fragt «Stellt das Museum NS-Raubkunst aus?» und ein Woody-Allen-Text zur Frage aktueller antisemitischer Entwicklungen macht die Runde. Er wird als Fake entlarvt, doch ein paar typische Allen-Pointen zeigen ein wenig von Absurdistan. Das gilt auch für das Thema Raubkunst. Wenn Zeitungsrecherchen aufzeigen, dass Irans Mullahs Hotels besitzen, bewegt das die Gemüter, Gelder werden eingefroren oder im Hamburger Hafen Jachten von russischen Oligarchen festgesetzt. In Zürich hängt viel Raubkunst. Statt Sanktionen zahlt der Staat die Provenienzaufarbeitung der Bührle-Sammlung, die mit Blutgeld entstanden ist. Das Basler Cézanne-Aquarell hat Basel inzwischen wieder verlassen und man fragt sich, was geschehen wäre, wenn das Bild eines Kinderschänders oder Frauenmörders ausgestellt worden wäre: wie hätte die Öffentlichkeit reagiert. Hätte Zürich auch ein Museum für Harvey Weinsteins Sammlung gebaut, ihn hofiert und Kosten zur Aufarbeitung der Sammlung übernommen? Schlagzeilen verdrängen Schlagzeilen in einer Gesellschaft ohne Gedächtnis. Die Fussballweltmeisterschaft steht vor der Tür. Während die verheerenden Kriege in Nahost weitergehen, Menschen auf allen Seiten tagtäglich mit den Konsequenzen zu kämpfen und in Angst vor dem nächsten Angriff zu leben haben, erneut Tausende von Menschen im Südlibanon auf der Binnenflucht sind, mutiert der schwelende Iran-Krieg zum Showdown der Weltmeisterschaft. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» fragt schon mal gross «Iran bei Fussball-WM: Ein verlogener Deal» und die Israelitische Cultusgemeinde Zürich präsentiert für die bevorstehende Delegiertenversammlung des Gemeindebunds eine Resolution zu Israels neuem Todesstrafegesetz, während sich der Verband vorige Woche dazu durchgerungen hat, Israels Minister Itamar Ben Gvir öffentlich zu kritisieren – nachdem das andere jüdische Verbände teils seit Jahren tun. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG), der sonst zu Israel nichts sagen will, selbst dann nicht, wenn die rechtsextreme israelische Regierung jene Werte, wie Demokratie oder Minderheitenschutz mit Füssen tritt, die der SIG ausserhalb Israels anprangert, wenn sie verletzt werden. «Die letzte Kneipe vor New York» reiht sich inzwischen ebenso in die Reihe des Absurden. Ein amerikanischer Tourist am Tisch nebenan sinniert über Amerikas aktuelle politische Verfassung und schlägt vor, das Lokal in «Die erste Kneipe nach New York» umzubenennen, während eine deutsche jüdische Familie zutiefst beeindruckt vom Besuch im Auswandererhaus darüber diskutiert, wie man heute mit Themen wie Migration, Flucht, Krieg in Nahost umgehen soll. Die Eltern stammen noch aus Russland aus der Zeit der Kontingentflüchtlinge. Die eine Tochter wollte nach der Schule für einen Monat nach Israel mit ihrer Freundin, die Schwester argumentiert dagegen. Längst hängt die rot erleuchtete Abendsonne tief am Himmel über dem Flutwasser und nimmt die vielen Geschichten mit in die Nacht.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
29. Mai 2026
Der Hafen vor Absurdistan
Yves Kugelmann