AUSSTELLUNG 21. Mai 2026

Verlorene Klänge, gerettete Bilder

Flirrende Notenlinien und leuchtende Farben: Rudolf Wilhelm Heinischs Hindemith-Porträt setzt dem verfemten Komponisten ein Denkmal und erinnert an die kulturpolitischen Kämpfe seiner Zeit.

Das Museum Kunst der Verlorenen Generation in Salzburg widmet sich mit der Ausstellung «Der verlorene Klang» den Schicksalen und Werken von Künstlern, die zensiert, ausgegrenzt und vertrieben wurden.

In Salzburg beginnt der Festspielsommer. Neben weltbekannten Opern, Konzertmusiken und Stars stehen in dieser Saison viele ungewöhnlichere Stücke auf dem Programm. Auch die enge Beziehung zwischen Musik und bildender Kunst wird in diesem Jahr in Salzburg intensiv beleuchtet, und zwar im Museum Kunst der Verlorenen Generation, unweit des Festspielhauses in der Altstadt gelegen. Das Museum befindet sich in einem auf das 14. Jahrhundert zurückgehenden Gebäude, in welchem viele Berühmtheiten residierten, darunter Nannerl Mozart, die Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart.

Seit nunmehr fast zehn Jahren werden dort Werke von Künstlern der einst ins Abseits gedrängten «verlorenen Generation» präsentiert. Werke von Malern und Malerinnen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, aus der Kunstwelt ausgeschlossen, verfemt, zensiert, in die Emigration getrieben oder sogar um ihr Leben gebracht wurden. Sei es ihrer politischen Haltung, Religion oder künstlerischen Ausdrucksweise wegen. Ihre Bilder wurden beschlagnahmt und zerstört oder sie entstanden im Exil und im Verborgenen, um das in Deutschland verordnete ästhetische Ideal und dessen diktatorische Umsetzung heimlich zu unterlaufen.

Der Beginn einer Leidenschaft
Gründer des Privatmuseums ist der pensionierte Arzt Heinz Böhme. Böhme wurde 1932 in Leipzig als Sohn eines sächsischen Vaters und einer österreichischen Mutter geboren und hat in den vergangenen Jahrzehnten eine aussergewöhnliche Kollektion zusammengetragen, der er sich seit dem Ende seiner Medizinerkarriere umso intensiver widmet. «Als Sohn einer Wiener jüdischen Mutter, knapp der Deportation entgangen, erst versteckt in Österreich und später untergetaucht in Deutschland, habe ich den Holocaust überlebt, anders als viele meiner Familienmitglieder. Mit ihnen habe ich damals meine Geschichte verloren», so der Museumsgründer. Jahrelang arbeitete der ehemalige Internist in der DDR, bis er nach München zog und dort seine Karriere fortsetzte. Die Sammelleidenschaft des passionierten Kunstliebhabers begann, als ihm ein 1984 erschienener Katalog der Berliner Galerie Bredow zu einer Ausstellung des Künstlers Ludwig Jonas unter Schirmherrschaft des Israelitischen Botschafters in die Hände fiel und er so den damals unbekannten Maler für sich entdeckte. Der Fund veranlasste Böhme, nach und nach Werke des Künstlers zu sammeln. Ludwig Jonas, 1887 im heute polnischen Bromberg geboren, hatte ebenfalls Medizin studiert, sich aber nach ein paar Semestern für die Malerei entschieden und zum Künstler gewandelt. Das Schicksal dieses Beinahe-Kollegen, der über Frankreich 1935 nach Palästina emigrierte und 1942 in Jerusalem starb, führte Böhme zu seinem Lebensthema: Künstler wie Ludwig Jonas dem Vergessen zu entreissen.

Zeugnis politischen Grössenwahns
Die Sammlung von Heinz Böhme ist heute international bekannt und umfasst mehr als 700 Werke von über 80 Künstlern. Hauptsächlich Ölgemälde aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, geschaffen von jüdischen wie nicht jüdischen Künstlern, die den Stilpluralismus des frühen 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Viele von ihnen besuchten renommierte Kunstschulen, studierten bei Lehrern wie Henri Matisse, Lovis Corinth, Oskar Kokoschka und Paul Klee. Einen Schwerpunkt innerhalb der Sammlung bilden die vielen darin vertretenen Werke von Max-Beckmann-Schülern. Die Böhme-Kollektion würdigt das Schaffen einer lange marginalisierten Künstlerkohorte, die man heute als «Verschollene» oder «Verlorene Generation» bezeichnet, und rettet sie vor dem Entschwinden. Das im Jahr 2017 eröffnete Museum in Salzburg, wo Heinz Böhme seit vielen Jahren lebt, arbeitet ihre ausradierten Geschichten auf, erschliesst ihre Arbeiten, restauriert und präsentiert sie. Für den speziellen Fokus auf diese Epoche interessierte sich ausser Böhme lange kaum jemand in der deutschen Kunstwelt. Das hat sich mittlerweile deutlich geändert. Als aus privater Initiative entstandenes Museum von höchstem kunsthistorischem Anspruch und ihrer besonderen Ausrichtung nimmt Böhmes Institution im deutschsprachigen Raum bis heute eine Sonderstellung ein.

Dissonanzen der Zeit
Aktuell stellt das Salzburger Museum im Rahmen der von Verena Slezak kuratierten Sonderschau «Der verlorene Klang» Malerei und Musik in den Dialog: Die Welt der Klänge prägt als Motivik die Bildwelt, die Bilder spiegeln die Dissonanzen der Zeit. Ähnlich wie die bildende Kunst wurde Musik politisch instrumentalisiert und propagandistisch benutzt. Musiker und Komponisten wurden verfemt und etwa in der Kampagnen-Ausstellung «Entartete Musik» 1937 vorgeführt. Unerwünschte Bilder wurden aus öffentlichen Museen und Sammlungen entfernt, zerstört oder versteckt. Stile wie Jazz und Swing galten als verpönt, etliche Komponisten, Texter und Interpreten fielen in der Gunst, wurden mit Auftrittsverboten belegt und verschwanden in der Versenkung. Die Salzburger Werkschau greift diese Aspekte auf. Etwa mit einer 1928 entstandenen Lithographie von Fritz Heinsheimer, die die Jazzcombo Weintraub Syncopators zeigt, die in den 1920er- und 1930er-Jahren eine der erfolgreichsten Unterhaltungsformationen waren. Auch Alfred Nungesser setzt in seinem «Stillleben mit Musikinstrumenten» von 1935 die Dynamik des Jazz ins Bild.

Das 1923 von Erwin von Kreibig geschaffene Farblithographie-Plakat «Tanzabend Manda von Kreibig» bewirbt einen Auftritt seiner Schwester, der Ausdruckstänzerin Manda von Kreibig – bald würde auch wilde Tanzerei tabu sein. Marianne Brandt, die am Weimarer Bauhaus Kurse bei Josef Albers und László Moholy-Nagy belegte sowie Unterricht bei Wassily Kandinsky und Paul Klee hatte, ist mit ihrem «Kubistischen Stillleben mit Mandoline» in der Böhme-Sammlung vertreten. Auf dasselbe Instrument fokussiert auch «Mädchen mit Mandoline» von Franz Lerch, der mit seiner jüdischen Frau, einer Kinderbuchillustratorin, nach New York emigrierte, wo er 1977 starb. Erich Glette ist mit seinem «Klarinettenspieler» dabei, Hanns Hubertus Graf von Merveldt mit einem «Stillleben mit Gitarre» und Leo Maillet, der eigentlich Leopold Mayer hiess, mit der Kaltnadelradierung «Celliste». Ihr Saiteninstrument zur Seite gestellt hat die zentrale Figur auf dem Bild «Melancholie» von Will Küpper, das, 1946 entstanden, vom schwierigen oder unmöglichen Neubeginn erzählt.

Im Kreuzfeuer eines Kulturkampfes
Ein ausdrucksstarkes Exponat der Ausstellung «Der verlorene Klang» ist auch das 1952 entstandene «Porträt Paul Hindemith mit Bratsche», gemalt von dessen langjährigem Freund Rudolf Wilhelm Heinisch, der für einen expressiv-realistischen Stil bekannt ist. Das Ölgemälde setzt einem rebellischen Granden und Universalmusiker ein Denkmal und Hindemiths Name verbindet sich mit Themen, die die Kulturszene auch heute noch umtreiben. Als Komponist stand Hindemith zwischen Tradition und Moderne. Sein Wirken umspannt den auf Rilke-Verse komponierten Liederzyklus «Marienleben» (1923) genauso wie den maschinenbesessenen «Bruitismus» mit schroffen Rhythmen, Dissonanzen und Jazz-Anleihen. «Wild. Tonschönheit ist Nebensache!», setzte er als Anleitung über eine Bratschensonate. Wo immer seine Werke auftauchten, gab es Rufe nach Verboten. Als Hindemith 1927 eine Professur an der Berliner Hochschule annahm, geriet das Enfant terrible vollends ins Kreuzfeuer eines Kulturkampfes. Über sein Furtwängler und den Berliner Philharmonikern gewidmetes Konzert 1932 brach ein Tumult aus. Der Nationalsozialismus zwang «den atonalen Geräuschemacher» Hindemith in die Emigration. Deren erste Etappe war die Schweiz, wo er, etwa in Basel, grosse Aufführungen seiner Werke erlebte. 1953, kurz nach Entstehung des Porträts, liess sich Hindemith in Blonay oberhalb des Genfersees nieder. Dieses Haus wurde nach seinem Tod zum Sitz der Hindemith Fondation.

Heinischs Hindemith-Gemälde in der Ausstellung beeindruckt mit brillantem Gelb, in der Luft flirrenden Notenlinien und der konzentrierten Hingabe des Bratschisten an sein Spiel, als ob Malen mit Klängen und Komponieren mit Farben, Klangfarbe und Lautmalerei eins seien. Das Werk steht zudem für ein Faible des Sammlers: Porträts. «Als Mediziner hatte ich immer mit Menschen zu tun», so Heinz Böhme. «Gesichter und deren Deutung waren Teil meines beruflichen Lebens. Daher bin ich an Porträts besonders interessiert.»

Propaganda, Psychologie und Politik
Eine besondere Rarität in der Schau ist das Ölporträt «Musiker im Stalag XVIII C». Es zeigt einen ausgemergelten Geiger, gemalt von dem französischen Gefangenen Jean Paul Gazier im Kriegsgefangenenlager in St. Johann bei Salzburg. Es verweist auf einen weiteren Aspekt der Verbindung von Musik und Kunst, den die Ausstellung aufgreift: Musik im Lager und Musik als Instrument für Propaganda, Psychologie und Politik. Musikalisch versierte Gefangene mussten bekanntlich bei zeremoniellen Anlässen aufspielen und an Aufführungen teilnehmen. Musik half, die Massen bei Märschen zu ordnen, und wurde für die Gängelung und Demütigung der Insassen eingesetzt, wenn man sie Lieder singen liess, deren Texte der Realität im Lager widersprachen. Musik wurde auch manipulativ eingesetzt, um Häftlingen Momente der Entspannung zuteilwerden zu lassen, um Arbeitsmoral und Leistungsfähigkeit zu erhalten. Auch bot Musik den Inhaftierten eine der wenigen Möglichkeiten für Widerstand, indem demonstrativ zu laut oder subversiv zu leise gesungen wurde, Strophen umgetextet oder parodiert wurden. Auch den Befehlsempfängern in der Belegschaft, dem Wachpersonal, sollte Musik helfen, die Realität auszuhalten. Musik spielte auch eine Rolle bei der Selektion der Häftlinge.

Etliche Künstler der Böhme-Sammlung liessen im Lager ihr Leben, so starben etwa Samuel Granowsky, Frederico Kromka, Julo Levin, Mommie Schwarz und Else Berg, Ottilie Wollmann sowie Felka Platek in Auschwitz, Erich Brill 1942 bei Riga und Julie Wolfthorn 1944 in Theresienstadt. In ihrer Gesamtheit erzählen die Künstler der Sammlung jedoch nur in Teilen gemeinsame biografische Narrative. Leo Maillet beispielsweise, dem 1944 die Flucht in die Schweiz nach Montreux gelungen war, wurde 1950 Mitherausgeber der Kunstzeitschrift «matière» in Zürich. Er starb 1990 hochbetagt in Bellinzona. Hein Heckroth gelang eine grosse Karriere als Film-Designer, er gewann sogar einen Oscar. Die Böhme-Sammlung, welche seit 2020 eine gemeinnützige Stiftung ist, ist vor allem Ausdruck einer Haltung, die die Vergangenheit als Verantwortung für die Gegenwart begreift. Tribut und Hommage an die Kunst und die Künstler. Kaleidoskop der Erinnerung an die im Holocaust Umgekommenen, darunter die Familie des Sammlers. Verlorene auch sie.

Katja Behling