ISRAEL 21. Mai 2026

Schreiberin als Sensation

René und Susanne Braginsky bei der Eröffnung der Ausstellung in Jerusalem.

Das Israel-Museum in Jerusalem feiert mit «The Girl Who Wrote» die wiederentdeckte Stimme jüdischer Schreiberinnen – rechtzeitig zu Schawuot.

Eine jüdische Frau schreibt die Geschichte einer jüdischen Frau – und verändert den Blick darauf. Nun steht sie im Mittelpunkt einer Ausstellung in Jerusalem über Frauen. Die Esther-Rolle der Stellina bat Menachem, entstanden 1564 in Venedig, gilt als die früheste bekannte illuminierte Esther-Rolle. Geschrieben wurde sie von einer Frau. Sie ist das Herzstück der Ausstellung «The Girl Who Wrote», die bis September im Israel-Museum zu sehen ist.

Zur Eröffnung versammelten sich am Montagabend in Jerusalem Persönlichkeiten aus Diplomatie, Kultur und Philanthropie, um ein Stück jüdisch-italienischer Geschichte zu würdigen. Geplant war diese schon zu Purim und musste wegen des Iran-Kriegs verschoben werden. Nun eröffnet sie zu Schawuot, dem zweiten jüdischen Festtag, an dem mit der Geschichte von Ruth und Naomi Frauen im Zentrum für Loyalität, Weitergabe und jüdische Kontinuität stehen. Während Schawuot die Übergabe der Thora feiert, betonen viele Traditionen und moderne Auslegungen gerade die Rolle von Frauen als Trägerinnen von Erinnerung, Lernen und Zukunft.

460 Jahre warten
Die Esther-Rolle von Stellina bat Menachem aus Venedig ist Teil der Braginsky Collection. Sie stammt aus einer Zeit, in der das Schreiben jüdischer Texte Männern vorbehalten war. Der Sammler René Braginsky hat die Rolle vor vielen Jahren gekauft und mochte schon damals das Kolophon, mit dem Selbstverweis der Schreiberin und freute sich bei der Eröffnung: «Mit dieser Ausstellung wird nochmals ins Bewusstsein gerufen, was solche einzigartigen Schriften für den Blick auf die Geschichte bedeuten.» Die Schweizer Sammlung gilt als eine der bedeutendsten illuminierten hebräischen Manuskriptsammlungen der Welt und beleuchtet neben einer beeindruckenden Haggada-Sammlung mit Esther-Rollen und Hochzeitsverträgen seit Jahren die Rolle der Frau in der jüdischen Tradition.

Erstmals vereint
Die Ausstellung versammelt erstmals öffentlich die einzigen drei bekannten Esther-Rollen und Segensblätter, die von Frauen geschrieben und signiert wurden – allesamt aus Italien. Neben Stellinas Rolle aus Venedig (1564) ist Luna Ambrons prachtvoll illustrierte Rolle aus Rom (1767) aus der Sammlung des Israel-Museums zu sehen sowie ein Segensblatt von Camilla aus Rom (1770), auch aus der Braginsky Collection. Kuratorin Anna Nizza-Caplan, verantwortlich für die Sammlung hebräischer Manuskripte am Museum, zur kuratorischen Vision: «Dies ist auch eine Geschichte junger Frauen – ihrer Stimmen, ihrer Talente, ihrer Familien und ihrer Kultur.»

Venedig war über viele Jahre Zentrum der Entstehung jüdischer Handschriften und Drucke. Die Lagunenstadt ist das pulsierende Zentrum des mediterranen Handels, Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident, zwischen christlicher und jüdischer Gelehrsamkeit, zwischen byzantinischer Pracht und humanistischem Aufbruch. In diesem Venedig lebte und schrieb Stellina bat Menachem – und schuf ein Werk, das 460 Jahre überdauern sollte.

Zentrum Venedig
Das Jüdische Ghetto Venedigs, 1516 gegründet und damit das älteste der Welt, war zu Stellinas Zeit ein dichtes, lebendiges Universum. Auf engstem Raum – die Häuser wuchsen mangels Fläche in die Höhe, bis zu sieben Stockwerke – blühte eine ausserordentliche intellektuelle und künstlerische Kultur. Venedig war Sitz bedeutender hebräischer Druckereien, darunter die Offizin des Aldus Manutius und die Druckerei von Daniel Bomberg, der hier den ersten vollständigen Babylonischen Talmud druckte. Bücher, Schriften und Handschriften zirkulierten; gelehrte Rabbiner debattierten, Händler vermittelten zwischen Welten, und Frauen wie Stellina fanden in diesem Umfeld Zugang zu einer Bildung, die anderswo undenkbar gewesen wäre. Dass ausgerechnet in Venedig die älteste bekannte illuminierte Esther-Rolle von einer Frau geschrieben wurde, ist kein Zufall. Diese Gemeinde wusste um eine reiche kalligrafische und buchkünstlerische Tradition, in der Frauen bisweilen als Schreiberinnen, Auftraggeberinnen oder Stifterinnen auftraten. Stellina bat Menachem war Teil dieser lebendigen Überlieferungskette.

René Braginsky: «Für viele Sammler ist das Sammeln eine intellektuelle Philosophie. Für mich ist das Sammeln illuminierter und anderer bedeutender hebräischer Handschriften auch etwas zutiefst Persönliches. Es spiegelt eine Sehnsucht wider, sich mit der Kunst und Kultur der Vergangenheit zu verbinden – als Individuum wie als Teil einer Gemeinschaft.» Nach grossen Ausstellungen der Braginsky Collection in Amsterdam, Berlin, Zürich oder etwa New York steht diese nun auf einmal durch ein einziges Werk im Fokus einer kleinen und feinen kuratierten Themenschau, die den Beitrag jüdischer Frauen dorthin rückt, wo er hingehört: in die Mitte des kulturellen Bewusstseins.

«The Girl Who Wrote» ist bis September im Israel-Museum Jerusalem zu sehen.
www.imj.org.il

 

Yves Kugelmann