Warum immer mehr junge Israelis den Bund fürs Leben schliessen – gerade in Krisenzeiten.
Während in Europa immer mehr Paare das Zusammenleben ohne Trauschein wählen, erlebt Israel einen bemerkenswerten Trend: Selbst säkulare, liberale Zwanzigjährige heiraten – und oft durchs Rabbinat.
Liel Friedland ist 25 Jahre alt, studiert Visuelle Kommunikation an der Bezalel-Akademie in Jerusalem und wird bald heiraten. Früher als gedacht. «Ich war mir sicher, dass ich den üblichen Weg gehen würde: ein paar Jahre in Tel Aviv arbeiten, mich irgendwann niederlassen», sagt sie. Doch die Realität sieht anders aus. «Jetzt, wo nichts sicher ist, befinde ich mich in einer glücklichen Beziehung. Da wir es beide wollen, wollen wir den Bund der Ehe schliessen. Es ist eine Art Sicherheit in einer Zeit, in der es nirgendwo Sicherheit gibt.» Damit ist Friedland nicht allein. Immer mehr junge Israelis entscheiden sich für die Ehe – als Anker in einer Zeit voller Unsicherheit. Der Krieg, der 7. Oktober, die wirtschaftliche Lage, die Bedrohung durch künstliche Intelligenz auf dem Arbeitsmarkt: All das treibt eine Generation, die anderswo vielleicht eine nicht-eheliche Partnerschaft bevorzugen würde, in die Arme einer sehr traditionellen Institution.
Wendepunkt
Mishel Levitan, 26, Kreativdirektorin bei McCann Digital, wird im September heiraten. «Wir alle haben gesehen, wie zerbrechlich das Leben sein kann», sagt sie. «Meine Familie stammt aus Ofakim, mein Partner hat vier Freunde bei Nova verloren. Die Situation hat uns noch näher zusammengebracht. Ich sagte: Ich möchte mit ihm eine Familie gründen.» Nach dem 7. Oktober wurden IDF-Stützpunkte zu Hochzeitsorten, während der jüngsten Konfliktrunde mit dem Iran sogar Luftschutzbunker.
Imri Ziv, 27, bringt es auf den Punkt: «Man hat das Gefühl, dass um uns herum alles auseinanderfällt – und wir werden konservativer. Das Einzige, was man vielleicht planen kann, ist eine Kernfamilie, die kleinste Gemeinschaft um einen herum. Der Zusammenbruch der Gesellschaft lässt einen die traditionelle Institution der Ehe schätzen.»
Israel als Sonderfall
Soziologin Shira Offer von der Bar-Ilan-Universität erklärt, warum Israel in dieser Hinsicht eine globale Ausnahme ist: «In Israel ist die Ehe im Gegensatz zu vielen anderen westlichen Ländern nach wie vor eine sehr zentrale Institution. Es gibt zwar Phasen des Zusammenlebens ohne Trauschein, aber letztendlich besteht die klare gesellschaftliche Erwartung, dass dies zur Ehe führt – selbst bei Säkularen und Liberalen.»
Die Zahlen bestätigen das: Laut dem israelischen Zentralamt für Statistik sind 94 Prozent der Paare verheiratet. Zum Vergleich: In Frankreich lebt gut ein Drittel der Paare ohne Trauschein zusammen, in Skandinavien ist das nicht-eheliche Zusammenleben längst zur Norm geworden, und über die Hälfte aller Kinder wird dort ausserhalb der Ehe geboren. Das durchschnittliche Heiratsalter liegt in Schweden bei 37 Jahren für Männer, in Israel bei 28.
Mit Rabbinat
Bemerkenswert ist nicht nur, dass geheiratet wird, sondern wie: Die absolute Mehrheit der säkularen Israelis heiratet durch das Rabbinat. Tamar Sharabi, 28, Kunsttherapiestudentin aus Tel Aviv, ist ein gutes Beispiel dafür. «Ich komme überhaupt nicht aus einem religiösen Umfeld. Wir haben keinen Schabbat, keine Kaschrut. Und trotzdem war klar, dass es eine normale Hochzeit sein würde – durchs Rabbinat. Ich kann es nicht ganz erklären; es fühlt sich einfach normal an.» Familienrechtlerin Ruth Halperin-Kaddari warnt jedoch vor dieser Selbstverständlichkeit. Eine Ehe nach dem «Gesetz Moses und Israels» berge für Frauen erhebliche Risiken: Möchte eine Frau sich scheiden lassen, ist sie auf den guten Willen ihres Mannes angewiesen, der ihr den religiösen Scheidebrief, den sogenannten «Get», verweigern kann. «Sie könnte sich in einer Situation wiederfinden, in der sie im Grunde für ihren Get bezahlen muss», so Halperin-Kaddari. Alternativen existieren: Paare könnten eine Feier abhalten, ohne sich offiziell registrieren zu lassen. Doch dieser Appell verhallte bislang weitgehend ungehört.
Feiern trotz allem
Trotz – oder gerade wegen – der schwierigen Zeiten wird bei israelischen Hochzeiten gefeiert. Forscherin Halperin-Kaddari sieht darin einen kollektiven Bewältigungsmechanismus: «Die Institutionalisierung einer Beziehung ist eine öffentliche Erklärung: Wir schaffen hier Kontinuität. Sie sind aufgestanden, um uns zu vernichten – aber wir sichern unser Fortbestehen.»
Barkan Hoffman, 28, heiratete ausgerechnet an dem Tag, an dem die letzten Geiseln freigelassen wurden. «Es war wirklich ein doppelter Anlass zum Feiern. Diese Zeit weckt den Wunsch zu feiern – einen Grund, Menschen zusammenzubringen, zusammen zu sein.» Eine Generation, die mit Krieg und Unsicherheit aufgewachsen ist, antwortet darauf auf ihre ganz eigene Art: mit einem Ja.