Vor fünfzig Jahren begann die Weltkarriere der Violinistin Anne-Sophie Mutter, die am 23. August 1976 bei den Luzerner Musikfestwochen einen umjubelten Auftritt hinlegte. Wenige Tage später erhielt die damals 13-Jährige zu Hause einen Anruf, der ihr Leben veränderte: Der Sekretär Herbert von Karajans lud sie zum Vorspiel nach Berlin ein. Begonnen hatte Mutter als Fünfjährige mit Klavier, dann wechselte sie zur Geige. Unweit ihres Elternhauses lebte «Erna Honigberger, eine ältere Dame mit jüdischem Background, die vor den Nazis aus Berlin in den Schwarzwald geflohen war. Das war meine erste Lehrerin», erzählte Mutter der «Süddeutschen Zeitung». Nach nur sechs Monaten gewann sie den Wettbewerb «Jugend musiziert», 1977 trat sie erstmals mit Karajan und den Berliner Philharmonikern in Salzburg auf. Die Chemie im Unterricht habe auf Anhieb gestimmt. «Ich weiss noch, wie Frau Honigberger mir das erste Mal die Geige auf die Schulter gelegt hat.» Der aus Siebenbürgen stammende Ernst Honigberger, Maler, Kunsthistoriker und Publizist, hatte ab 1921 als Künstler in Berlin gewirkt, bevor er 1943 nach Wehr in Baden-Württemberg kam. Sein Berliner Atelier war ausgebombt, ein grosser Teil seines Lebenswerkes vernichtet worden. In Wehr gründete er 1945 mit seiner Frau, der Konzertgeigerin und Pädagogin Erna Kroder-Honigberger (1894–1974), eine Kunst- und Musikschule, aus der neben Mutter weitere bedeutende Geiger hervorgingen. Tochter Erda lebte bereits in Wehr. Ihr Ehemann Walter Vorwerk, Direktor der Deutschland-Niederlassung der Ciba, wollte das Werk aus der umkämpften Grossstadt in die Nähe des Basler Hauptsitzes verlegen. Erda, selbst Pianistin, übernahm später die Schule, in der der Weg einer der grössten Musikerinnen der Gegenwart begann.
Erna Honigberger
28. Aug 2026
Lehrerin
Katja Behling