Iran 06. Mär 2026

Kommt die jüdische Nachtigall Irans zurück?

Nicht nur ihr Grossvater, sondern auch der Vater der Autorin, Farid Dardashti, war ein bekannter Sänger im Iran. Hier zu sehen als Teenager bei einem Fernsehauftritt.

Galeet Dardashtis Grossvater war einst als jüdischer Sänger ein Nationalschatz des Iran – seine Geschichte nährt ihre Hoffung auf die Zukunft des Landes.

Während ich mit Bangen und Hoffnung die Kriegsentwicklung in dem Land verfolge, in dem die Purimgeschichte spielt, denke ich immer wieder darüber nach, was für ein Land der Iran einst war und was für eines er sein könnte. Mein Grossvater Younes Dardashti, den ich Saba nannte, war ein gläubiger Jude, der in den 1950er und 1960er Jahren zu einem der beliebtesten Sänger des Iran wurde. Er war ein nationaler Radiostar und wurde unter dem Namen «Die Nachtigall des Iran» bekannt. Dies war zu einer Zeit, in der Säkularismus und die Modernisierung Juden Türen öffneten, die jahrhundertelang verschlossen gewesen waren. Auch mein jüdischer iranischer Vater wurde als Teenager ein Popstar im iranischen Fernsehen. Meine Schwester Danielle Dardashti und ich haben diese Familiengeschichten aufgearbeitet und gemeinsam eine Audio-Dokumentation mit dem Titel «Die Nachtigall des Iran» erstellt.

Die Kraft der Musik
Einer der Menschen, die wir bei unserer Recherche kennenlernten, ist ein Mann namens Habib Partow. Wir erfuhren, dass Habib, ein nun 70-jähriger muslimischer Iraner und ehemaliger iranischer Meister im Ringen, eine enge Freundschaft mit unserem Saba hatte. Bei einem Zoom-Anruf führte er uns zu seinem Kühlschrank. Dort, zwischen Familienfotos, befand sich ein Bild unseres Saba. Er hatte es dort seit Jahrzehnten aufbewahrt.

Habib erzählte uns, dass unser Saba einst seine Familie in ihrem Ferienhaus besucht hatte. Beim Mittagessen fragte Saba Habib: «Ich weiss, dass dein Vater persische Musik liebt. Was ist sein Lieblings-‹Dastgah›?», womit er die verschiedenen Tonleitern iranischer Musik meinte. Als Habib antwortete, begann unser Saba zu singen. Habib erzählte uns, dass dies seinen Vater so berührte, dass er weinte. Bei unserem Zoom-Anruf, fast 60 Jahre später, brach auch Habib in Tränen aus, als er uns diese Geschichte erzählte. Habib erzählte uns auch, dass er, der Neffe eines prominenten Ajatollahs, und unser Saba, ein gläubiger Jude, oft Seite an Seite beteten, wobei sie in unterschiedliche Richtungen blickten, einer nach Jerusalem, der andere nach Mekka. «Und das war für uns selbstverständlich», erzählte uns Habib. Für beide schien das ganz normal zu sein.

Eine Vergangenheit, die Mut macht
Jetzt, da ihre Heimat vom Krieg zerrissen wird, bin ich zutiefst besorgt über die unschuldigen Menschenleben, die in mehreren Ländern verloren gehen, über die Rechtmässigkeit dieses Krieges und das Fehlen eines Nachkriegsplans. Ich erzähle diese Geschichte jetzt, weil ich immer wieder zu einer Erkenntnis zurückkehre, die ich für wahr halte: Der Iran war vor nicht allzu langer Zeit ein ganz anderes Land.

Ghamar Molouk Vaziri, die erste berühmte Sängerin im Iran – und die erste Frau, die ohne Schleier sang –, entdeckte meinen Grossvater und verhalf ihm zu seiner Karriere als erster gefeierter jüdischer Sänger des Landes. Diese Geschichten über muslimisch-jüdische Freundschaft, über Frauen, die Barrieren durchbrechen, und über Minderheiten, die zu nationalem Ruhm gelangen, stammen aus der nicht allzu fernen Vergangenheit des Iran. Dieser Teil der Geschichte, kombiniert mit der aktuellen politischen Lage, gibt mir Hoffnung, dass sich die Dinge wieder ändern könnten. Und vielleicht können meine Schwestern und ich bald endlich mit unserem Vater in den Iran reisen, um das Land seiner Kindheit zu sehen.

Gleichzeitig haben wir im Iran und anderswo im Nahen Osten gesehen, dass das, was folgt, wenn ein Regime fällt, oft deutlich schlimmer ist. Ich bin nicht naiv, was die Zukunft anbelangt. Aber an Purim, einem Feiertag, an dem eine unerwartete Wendung der Ereignisse gegen alle Widrigkeiten gefeiert wird, versuche ich, optimistisch zu bleiben.

Die Vashtis des Iran
Als Kind verkleidete ich mich an Purim nicht als Esther, sondern als Vashti, die Königin, die sich gegen den persischen König auflehnt, was ihr teuer zu stehen kommt. Ich nannte mich «Vashti Dardashti» und erntete damit immer Gelächter. Später, als Erwachsene, die sich mit dem Iran beschäftigte, vertiefte sich für mich die Bedeutung von Vashti. Vashti verkörpert das Wesen von Purim: sich gegen Unterdrücker und Tyrannen zu wehren, egal was es kostet. Ich schrieb daraufhin ein Lied über Vashti. Der Refrain kam ganz von selbst: «Königin Vashti hat eine Revolution begonnen.»

Momentan bricht mein Herz für das iranische Volk, das sich mit ausserordentlichem Mut gegen das derzeitige Regime auflehnt und alles riskiert hat, in der Hoffnung auf Veränderung. Wir haben insbesondere viele mutige Frauen gesehen – viele Vashtis. Ich weiss nicht, was im Iran passieren wird. Ich weiss nicht, ob das Land, in dem meine persisch-jüdischen Vorfahren über 2500 Jahre lang gelebt haben, wieder zu einem Ort werden wird, in dem ein Jude als Nationalschatz gelten könnte. Aber viele Iraner erinnern sich noch daran, dass dies einmal der Fall war. Und ich hoffe, dass Vashtis diejenigen Nachfolgerinnen sind, die dies wiederherstellen werden.

Galeet Dardashti