Matti Caspi gilt als Israels grösster Musiker und ging doch vergessen – nun hat er seinen Kampf gegen den Krebs verloren.
Caspis musikalische Werke gehören zum Kernrepertoire Israels. Matti Caspi gehörte zu den Musikern, die in den 1970er Jahren den Soundtrack des Landes neu prägten. Als Komponist, Liedtexter und Arrangeur schuf er rund 1000 Lieder. In Zusammenarbeit mit Ehud Manor (1941–2005) schuf Caspi ikonische Lieder wie «Brit Olam» («Ewiger Bund»), «Ekh Ze Shekokhav» («Wie kann es sein, dass ein Stern da ist?»), «Hine Hine» («Hier, hier»), «Lo Yadati Shetelkhi Mimeni», («Ich wusste nicht, dass du mich verlassen würdest») und «Shir Hayonah» («Das Lied der Taube»). Aus Caspis Feder stammt auch die Komposition «Emor Shalom» («Sag hallo»), Israels Beitrag zum Eurovision Song Contest 1976 in den Niederlanden. Matti Caspi liess es sich nicht nehmen und dirigierte selbst das Orchester des Wettbewerbs. Sein Lied belegte den fünften Platz.
Caspis Musik verband eingängige Melodien mit komplexer Harmonik, seine musikalische Bandbreite reichte von Pop mit Jazz, wodurch er ein breites Publikum erreichte. Viele Lieder der beliebten israelischen Sängerin Riki Gal stammen aus seiner Feder, für einige ihrer Alben arrangierte und produzierte er nahezu alle Lieder. Bekannt war er auch für seine Kollaborationen mit Künstlern wie Leonard Cohen, Chava Alberstein, Netanela, Nurit Galron, Danny Robas, Gali Atari, Arik Sinai, Meir Banai, Erez Halevi, Shoshana Damari und vielen anderen.
Der Beginn einer Passion
Mit Arik Einstein, Shlomo Gronich, Yehudit Ravitz und Shalom Hanoch, gehört Caspi zu jener Generation von Musikern und Musikerinnen, die man rückblickend als das klassische musikalische Fundament Israels bezeichnen kann: tief verwurzelt in der Heimat und verbunden mit den Menschen, dabei stets offen für musikalische Einflüsse anderer Kulturen. Zu Matti Caspis musikalischem Repertoire gehören auch Kinderlieder. Jedes israelische Kind wächst mit seinen Liedern auf, ob zu Hause oder im Kindergarten. Matti Caspi wurde 1949 im Kibbuz Chanita in Nordisrael nahe der israelischen Grenze zum Libanon geboren. Bereits als Kind lernte er zunächst Blockflöte, ab seinem zehnten Lebensjahr Klavier spielen. Eine Begegnung mit Shmuel Gogol, einem in Polen geborenen israelischen Musiker, weckte in ihm die Leidenschaft für ein weiteres Musikinstrument, die Mundharmonika. Gogol, ein Auschwitz-Überlebender, hatte seine erste Mundharmonika von Janusz Korczak – dem bekannten polnisch-jüdischen Arzt, der während des Holocaust ein Waisenhaus für jüdische Kinder leitete – geschenkt bekommen. In Israel gründete Shmuel Gogol die Mundharmonika-Band Ramat Gan und trat in einem nahegelegenen Pflegeheim in der Nähe von Caspis Kibbuz auf, wo es zur ersten Begegnung mit dem jungen Caspi kam. Es war der berühmte Mundharmonikaspieler Gogol, der Caspi versprochen hatte, ihm seine Mundharmonika zu schenken, wenn er Klavier spielen lernt, woraufhin Caspis Eltern den Kibbuz zu Klavierunterricht für ihren Sohn drängten, mit Erfolg. Matti Caspi studierte Klavier am nahegelegenen Konservatorium in Nahariya bei dem aus Rumänien stammenden Pianisten Raphael Dragan. Seine ersten Auftritte vor Publikum waren im Pflegeheim. Shmuel Gogol hielt sein Versprechen und schenkte Caspi seine Mundharmonika, die Caspi in sein Instrumentenrepertoire aufnahm und für die er eigens Werke komponierte. Als Teenager schrieb Matti Caspi sein erstes Musikarrangement.
Vom Militär zur Musik
Wie viele der bekanntesten israelischen Musiker diente Caspi in der Militärkapelle. Während seines Wehrdienstes beim Südkommando gründete er mit seinen Freunden Gadi Oron und Yaakov Noy seine erste Band. Das Trio namens «Die drei Dicken» landete mit «Ani Met» («Ich sterbe») seinen ersten grossen Hit. Seine professionelle Karriere als Musiker nahm wenige Tage nach seiner Entlassung aus der Armee Fahrt auf, als er einen Anruf von Arik Einstein – einem Pionier der israelischen Rockmusik – erhielt. Bei einem gemeinsamen Musikabend in Einsteins Privathaus zeigte sich, dass Caspi auch ein talentierter Sänger ist.
Im Jom-Kippur-Krieg 1973 begleitete Matti Caspi den kanadischen Sänger Leonard Cohen auf der Gitarre auf der Sinai-Halbinsel. Während C-130 Hercules-Transportflugzeuge mit IDF-Soldaten landeten, um Kurs auf den Suezkanal zu nehmen, sang Cohen, begleitet von Caspi, sein Lied «Like a Bird on a Wire» («Wie ein Vogel auf dem Draht»), für sie und wiederholte sein Lied für jede ankommende Einheit. Am Ende des Tages schlossen sich Leonard Cohen und Matti Caspi einem der Lastwagen an, um verwundete Soldaten zu Hubschraubern zu bringen.
Liebe zum Publikum
Caspi nahm zeitlebens keine Aufträge zu Liedkompositionen an, vielmehr gab er seine Liedschöpfungen an andere Künstler und Künstlerinnen weiter, wenn er in ihnen die geeigneteren Interpreten und Interpretinnen sah. Caspi war eng mit seinem Publikum verbunden, er liebte Live-Auftritte, um den Menschen nah sein zu können. Als bei ihm im Mai 2025 Krebsmetastasen diagnostiziert wurden, informierte er seine Fans über die sozialen Medien, dass er seine anstehenden Konzerte absagen müsse, um sich auf seine Gesundheit zu konzentrieren. Zudem startete er eine Crowdfunding- und Medienkampagne, um Geld für alternative Behandlungsformen zu sammeln, da diese nicht von der staatlichen Krankenversicherung abgedeckt waren.
Caspi heiratete kurz nach seinem Wehrdienst Galia Superstein, die Ehe wurde jedoch binnen eines Jahres geschieden. 1972 lernte er die Schauspielerin Patty Doreen Lubetzky kennen. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Brit und Bar. Nach der Trennung von Lubetzky lernte Caspi 1990 Raquel Wenger kennen. Die beiden wanderten nach Kanada aus, heirateten 1994 in Kalifornien und bekamen zwei weitere Kinder: Suyan und Sean.
1997 kehrte Caspi nach Israel zurück und wurde vom israelischen Publikum herzlich empfangen. Er produzierte weiterhin Alben und trat landesweit auf. Sein Privatleben blieb weiterhin turbulent: 2002 entschied ein Tel Aviver Gericht, dass er zum Zeitpunkt seiner Heirat mit Raquel 1994 noch rechtmässig mit Doreen verheiratet war, und verurteilte ihn wegen Bigamie. Das Gericht verhängte eine sechsmonatige Bewährungs- und Geldstrafe. Caspi ging in Berufung, blieb aber erfolglos. 2004 wurde das ursprüngliche Urteil bestätigt. 2014 fuhr er während der Operation «Katze Magen» («Schutzkante») im Gazastreifen in den Süden und spielte für die Kibbuz-Gemeinden sein Repertoire alter Hits und erfüllte Publikumswünsche für die in den Schutzräumen eingeschlossenen Einheimischen.
Im Juli 2021, inmitten der strikten staatlichen Beschränkungen während der Coronavirus-Pandemie, kritisierte Caspi Premierminister Binyamin Netanyahu für dessen seiner Meinung nach «faschistische» Massnahmen und sagte eine Reihe von Konzerten aufgrund der Zulassungsbeschränkungen für Grossveranstaltungen ab. Gemeinsam mit Shalom Hanoch widmete Caspi im Dezember 2023 ein neues Album dem Tontechniker Guy Illouz, der am 7. Oktober 2023 bei einem Terroranschlag der Hamas als Geisel genommen und in Gefangenschaft getötet wurde.
Ein einmaliges Talent
Caspi liebte seinen Geburtsort Chanita in Westgaliläa, mit dem er zeitlebens verbunden blieb. Chanita war während des arabischen Aufstands 1938 als exponierteste und wichtigste «Turm-und-Palisaden-Siedlung» im Herzen der arabisch kontrollierten Region von Nordgaliläa errichtet worden. Seine Gründung dokumentierte den zionistischen Anspruch, jenseits der von der Peel-Kommission im Juli 1937 vorgeschlagenen und von der Jewish Agency akzeptierten Grenzen zu siedeln. Weitere prominente Bewohner Chanitas waren Yigal Allon und Moshe Dayan. Das musikalische Multitalent tourte und trat bis Juni 2025 auf, bis seine Krebserkrankung zu einer Lähmung seiner linken Hand führte und ihm das Gitarre- und Klavierspielen fortan unmöglich machte.
Präsident Herzog pries in seiner Rede den Ausnahmemusiker mit folgenden Worten: «Viel zu früh hat uns Matti Caspi, einer der grössten israelischen Komponisten unserer Generation, verlassen und wacht nun von oben über uns. Uns bleiben seine Meisterwerke, die Melodien, die den wundervollen Texten gerecht wurden und ihnen ewiges Leben einhauchten, die Kompositionen, die die israelische Musik über Jahrzehnte prägten, die Arrangements, in denen seine einzigartige Handschrift so deutlich erkennbar war.»
Matti Caspis Tod ist ein grosser nationaler Verlust, seine Lieder bleiben.