Das neue Londoner Theaterstück «Here There Are Blueberries» stellt das private Fotoalbum eines SS-Offiziers in Auschwitz in den Mittelpunkt
Ein Stück mit dem Titel «Here There Are Blueberries» («Hier gibt’s Blaubeeren») führt unweigerlich zur Frage: «Wo denn?» «In Auschwitz», lautet die Antwort. Das Dokudrama, von Moises Kaufmann und Amanda Gronich verfasst, zwei in Amerika wirkenden, renommierten Theatermachern, beruht auf einem von Karl Friedrich Höcker sorgfältig zusammengestellten Fotoalbum. Höcker, ein Nazi-Krimineller, der unter anderem als Adjutant des Lagerkommandanten diente, knipste über 150 Bilder von SS-Offizieren und weiblichen Nachrichtenangestellten. Seine Modelle lässt er in regelrechter Ferienstimmung erscheinen: lachend, auf Liegestühlen faulenzend. Die Männer trinken eine Runde am Stammtisch, der eine streichelt seinen Hund, die andere winkt kokett lächelnd in die Kamera. Diese, an moderne «Selfies» erinnernden Fotos, stammen aus dem Jahre 1944. Fast alle Fotos wurden im Konzentrationslager selbst aufgenommen, während im Hintergrund Gaskammern auf Hochtouren liefen, Sträflinge gefoltert und Leichen abgeführt wurden. Wachtürme und Stacheldraht sind jedoch nirgends auf den Schnappschüssen zu sehen. Höcker, stets bedacht, mit der Kameralinse einzig die «Blaubeeren» einzufangen, blendet die herrschende Brutalität aus.
Eine blühende Zukunft
Höcker, dem in den Kriegsprozessen nie eine Mordtat oder Mitschuld angelastet werden konnte, wurde lediglich wegen Beihilfe mit ein paar Jahren Gefängnis bestraft und beendete sein gemütliches Leben als pensionierter Bankangestellter. Mit seiner Bildersammlung hatte er das Ziel, so meint Gronich in einem Interview mit der «Financial Times», das deutsche Volk auf eine sorglose und blühende Zukunft hinzuweisen, auf ein gutes Leben in einem vom «Ungeziefer» gesäuberten Reich. Wie dieses «Ungeziefer» beseitigt wurde und von wem, sollte offensichtlich nicht im Fotoalbum verewigt werden. Somit zeigt das Fotoalbum dem Betrachter Wahrheit und Lüge zugleich, indem es lediglich einen höchst kuratierten Ausschnitt der Geschehnisse präsentiert.
Das Album fand seinen Weg ins Washington Holocaust Memorial Museum, dann auf eine Bühne in Kalifornien und während der diesjährigen Holocaust-Gedenktage in ein Londoner Theater. Gekonnt unterschneiden die stark vergrösserten Albenbilder das Narrativ der Szenen.
Es sollte uns hellhörig machen
Das Stück ist deswegen so wichtig, weil es – anders als die einschlägige Literatur – die Nazi-Mörder als ganz gewöhnliche, ganz normale Leute darstellt. Hannah Arendts Banalität des Bösen in Fotos widergespiegelt. «Sie füttern die Haustiere, sie sonnen sich, sie sind nicht die Monster, die wir hinter dem Massenmord annehmen», meint Kaufmann. Monstrosität könnte ja leicht die Unmenschlichkeit der Nazis erklären. Nein, sie sind ganz durchschnittliche Leute, und dies muss uns hellhörig machen. Wir müssen uns mit solcher Normalität heute umso mehr auseinandersetzen, so Kaufmann, da wir in Zeiten leben, in denen das «Anders-Sein» tagtäglich und überall zu einer Herausforderung wird: in der Schule, im Bus, beim Arzt, im Restaurant, bei der Passkontrolle und beim Arbeitsamt. Wo stehen wir? Denn auch wir sammeln Blaubeeren und führen unseren Hund spazieren, auch wir sind normal. Wir sind keine Monster – und wir leben ganz in der Nähe des anderen. Welche Handlung, welche Verantwortung obliegt uns? Diese Frage sei vor allem heute in Amerika zu stellen.
Noch bis am 28. Februar.
www.heretherareblueberries.com