In Purimtalk vermisst Titchas Wilo Geopolitik neu, Jared plant das nächste «Altneuland» im Eis, Roger sendet «True News» vom Monte Verità, und selbst die Bührle-Sammlung findet im ewigen Frost ihr Glück.
tachles: Grüezi Herr Wilo und «welcome back». Es hat aber lange gedauert, bis Sie sich zur Verfügung gestellt haben. Weshalb?
Titchas Wilo: Ich habe mich gefragt, ob es angesichts der furchtbaren Nachrichten von überall angezeigt ist, Purim zu frönen.
Humor ist doch aber, wenn man trotzdem lacht!
Da haben Sie allerdings Recht.
Dann ist ja alles in Ordnung.
Sie provozieren mich. Gar nichts ist in Ordnung, das wissen Sie besser als ich.
Effektiv verkennen wir die schwierige Weltlage nicht. Aber es gibt doch auch Lichtblicke, nicht?
Es kommt auf die Brille an, durch die Sie schauen.
Ein Beispiel, wenn Sie mögen? Denken Sie dabei bitte daran, dass sich unsere Zeitschrift vornehmlich an ein jüdisches Publikum richtet, das nicht zuletzt am Geschehen in Israel interessiert ist.
Eigentlich gerne, da aber der grösste Teil Ihrer Leserschaft aus der grössten schweizerischen jüdischen Gemeinde stammen dürfte, bin ich zurückhaltend.
Weshalb?
Wenn ich richtig orientiert bin, darf man sich dort gemäss Order von ganz oben nicht mehr kritisch zu Israel äussern. Auch Herr Wigdorovits habe das gesagt.
Ach so. Versuchen Sie es trotzdem.
Wissen Sie, es kommt gar nicht mehr so darauf an, seitdem die neuesten Pläne von Trump durchgesickert sind.
Und die wären?
Ich bitte Sie, diese Informationen vorerst vertraulich zu behandeln. Es geht um Jared und Grönland!
Wie meinen?
Kushner soll mithilfe von Witkoffipedia herausgefunden haben, dass Grönland eine Bevölkerungsdichte von 0,02 Personen pro km² aufweist. Es hat also noch Platz. Die Idee wäre, die jüdischen Siedler des Westjordanlands und Ostjerusalems dorthin zu transferieren. Jared und sein Schwiegerpapa könnten sich vorstellen, dass damit die Spannungen zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung Israels etwas abnehmen.
Macht da die Trump-Familie nicht die Rechnung ohne den Wirt? Ohne Zion gibt es doch keine Siedler!
Das wäre ja auch wieder nicht so schlimm, oder?
Schon. Aber sagen Sie, wer wäre denn bereit, einem solchen Neustaat vorzustehen? Es gibt doch eine Menge Arbeit, die 700 000 Siedler in die Gemeinschaft von rund 60 000 Grönländern zu integrieren?
Wer spricht denn da von integrieren? Angedacht ist, die paar Eingeborenen in einem schmalen Streifen unter dem beziehungsreichen Namen «Plaza» anzusiedeln. Die Neuankömmlinge aber würden sich über die rund 2 Millionen km² restlicher Fläche verteilen, wo ein Grossherzogdumm eingerichtet werden soll. Also alles O. K., nicht?
Das tönt wirklich überzeugend. Nur, wer soll dieses eigentliche Altneuland, das Ihnen offenbar so am Herzl liegt, präsidieren? Das Amt wird doch wohl sehr arbeitsintensiv sein, und das Land liegt reichlich fernab.
Es gibt offenbar schon einige Bewerbungen. Ziemlich zuoberst soll eine Dame figurieren, welche nebst anderem bisher schon schweizweit die Freunde der Hebräischen Universität in Zürich und das Jüdische Museum in Basel führt. Nach dem Motto «jamais deux sans trois» könnte sie sich anscheinend vorstellen, noch etwas Zusätzliches zu schultern.
Kol hakavod! Und die Reiserei? Jede Woche Basel, Zürich, Grönland und zurück?
Nicht ganz einfach, aber wo eine Wille, da ist ein Weg.
Sie meinen sicher Susanne Wille von der SRG. Inwiefern hat sie mit diesem Projekt zu tun?
Es geht um die Einrichtung einer optimalen Kommunikation zwischen dem neuen Siedlerstaat und dem Rest der Welt. Da gibt es zwei Pläne, A und B. Plan A rechnet mit der Annahme der Halbierungsinitiative in der Schweiz. Da würde auf einmal viel Personal mit Radio- und Fernsehen-Fachwissen sowie entsprechendes Material zum neuen Gebrauch frei. Und im Falle der Verwerfung der Initiative würde unser Roger angefragt, ob er helfen wolle. Vorsondierungen bei ihm seien positiv ausgefallen; er soll nach Vorstellung des Projekts spontan «Find i guet!» ausgerufen haben. Anscheinend hätte er vor, Grönland vom Monte Verità aus zu beschallen.
«Verità» wäre ein Hinweis auf das Programm, oder?
Genau. Schawi will Grönland nur mit True News beliefern, wobei er diesbezüglich noch das Gespräch mit der Trumpschen Truppe suchen müsste, für die ja alles ausser Fake News ein Gräuel ist.
Sitzt unser Roger da nicht am kürzeren Hebelarm?
Er doch nicht. Er hat noch einen zweiten Pfeil im Köcher, den er «unsere kurzweilige Wahrheit» (abg. UKW) nennt. Mit der kriegt er alles hin.
Aber was ist, wenn Elon Murks seine Satelliten abstellt?
Da besteht kein Risiko. Der konzentriert sich jetzt bekanntlich auf die Robotik; schon heute ist offenbar selbst ihm unklar, ob er eigentlich er ist oder sein Roboter. Auch wisse er derzeit nicht mehr genau, wie aus seinem Tesla auszusteigen.
Wir fragen weiter: Wie steht es mit der Security?
Das sei, erläutern die Projektleiter, mit Sicherheit kein Problem. Es haben sich, wie verlautet, schon sehr viele Angehörige der israelischen charedischen Gemeinschaft freiwillig zum Sicherheitsdienst gemeldet, um so definitiv der Einberufung im Stammland zu entgehen. Punkto Ausrüstung sei zudem der Schtreimel bei den grönländischen Temperaturen geradezu ideal.
Und wer soll diese stramme Truppe befehligen?
Gerüchteweise soll sich Istanarr Ben Gvehr am ehesten dafür disqualifizieren; seine Wahl dürfte also gesichert sein.
Das tönt einleuchtend. Aber wer soll das alles berappen?
Das ist anscheinend kein Problem. Bezahl-El Schnoddrig sitzt an der Quelle und kann etwas abzweigen. Witwe Adelson wird wie üblich für die Differenz aufkommen.
Und was ist mit der Klimaveränderung dort oben?
Das ist ein heikles Thema. Trump will nicht, dass man darüber spricht; und neulich hat er ja sogar die Treibhausgase auf den Index gesetzt.
O. K., aber unser Gespräch ist ja vertraulicher Art.
Stimmt. Also: Mit der demographischen Neuausrichtung Grönlands samt den importierten Problemen dürfte das Eis tatsächlich noch schneller schmelzen als bisher. Aber auch da ist offenbar vorgesorgt. Es sollen Tausende Schwimmflügeli über Grönland abgeworfen werden, sodass für alle Eventualitäten vorgesorgt ist.
Wer organisiert denn diesen gigantischen Abwurf?
Die zuständige Staatsanwaltschaft gibt offenbar für diese singuläre Aktion den Epstein’schen Privatjet frei; so soll ein keimfreier Flügelitransport garantiert werden.
Interessant. Übrigens: Wie steht es mit der Flagge für diese Neuerfindung?
Da wäre die Israelitische Gemeinde Basel prädestiniert. Die IGB ist spezialisiert auf das Heraushängen von Fahnen; intellektuellerseits soll dies seine Exzellenz (S. E.) sogar als Hauptaufgabe der IGB ansehen.
Gibt es irgendeinen Hinweis auf die grönländischen Zuständigkeiten für Fragen der Kaschrut usw.?
Ja, auch da sind die Pläne schon erstaunlich konkret. Das Jerusalemer Oberrabinat soll über das Religiöse wachen, in erster Linie zwecks Errichtung eines Eruvs, wobei dieser analog zur Zürcher Errungenschaft nur links des Akuliarusiarsuup Kuua River gelten soll.
Einleuchtend. Sind, nebenbei gefragt, zur Einweihung des neuen Grönland irgendwelche Feierlichkeiten geplant?
Das Ganze soll low-key behandelt werden. Aber wie Sie wohl schon wissen, dürfte Ihr Herr Chefredakteur dann bereits vor Ort sein; jedenfalls soll am Eingang sein Logbuch aufliegen, in das man sich eintragen kann.
Aber rechnen Sie mit einer raschen Verwirklichung dieser Pläne?
Eigentlich schon, denn sowohl Ivankas Papi wie unser Roger haben, so vital sie wirken, ein gewisses Alter, werden also auf eine rasche Realisierung drängen. Andererseits hat da auch die israelische Bürokratie ein Wörtchen mitzureden, und deren Mühlen kommen bekanntlich jeweils erst so Mitte Woche in Schwung, und dann ist schon wieder fast Schabbes.
Sie sind ein Ketzer!
Man tut, was man kann.
Eigentlich wollten wir uns mit Ihnen vor allem über die hiesigen Verhältnisse unterhalten. Wie steht es bei uns?
Mies, wenn auch besser als anderswo. Vor allem die SIG-Spitze rotiert alle vier Jahre reibungslos. Sie ist ja aus zwei Ralphs zusammengesetzt, sodass man gar nicht merkt, ob gerade der eine oder der andere das Präsidium innehat. Eigentlich ein Vorbild für die israelischen Kollegen; aber dort klappte das Rotationsprinzip bekanntlich nur, solange Benjamin, der Ewige, am Ruder war.
Bitte nicht abschweifen; wir sind jetzt in der Schweiz.
O. K. Früher musste man sich als Schweizer Jude ja vor allem um rechts kümmern; jetzt kommt links dazu. Die SP lässt sich von ihren Jungen in eine für uns bedenkliche Position drängen. Zurzeit muss man feststellen: Juden und Sozis, oiwai (kurz: JUSO)!
Könnte da die Zürcher Stadtpräsidentin in ihrer Linken nicht zum Rechten sehen?
Leider nicht. Sie hat keine Zeit, ist sie doch seit Tagen mit einem Kübel schwarzer Farbe unterwegs und überstreicht alles, was nicht 100 Prozent woke ist. Offenbar will sie auch Purim an den Kragen; sie scheint die ersten drei Buchstaben des Esther-Onkels zu beanstanden. Eine gemeindeübergreifende Equipe rund um die Eruv-Initiative versucht seitdem, Frau Mauch davon zu überzeugen, dass der Onkel Mor- und nicht Mohrdechai heisst.
Mit Erfolg?
Eher nicht. Die scheidende Präsidentin will unter dem Slogan «Black Is Beautiful» in Erinnerung bleiben; da müsse dann halt auch in Zweifelsfällen die schwarze Farbe her. Und dann kommt noch der Neidfaktor hinzu.
Wie ist das zu verstehen?
Sie ist dem inzwischen gelandeten ICZ-Präsidenten mekane. Sie habe es schlecht ertragen, dass er in einem Zwischenjahr ein rauschendes Fest hat steigen lassen, wo sie doch im vergangenen Jahr 65 Jahre alt geworden ist, ohne etwas Vergleichbares organisiert zu haben. Auch die Einbringung einer neuen Thorarolle sei ihr sauer aufgestossen; das sei eine Rolle, die sie noch nie gespielt habe.
Wenn schon Mauch, dann auch Bührle-Sammlung. Was sagen Sie dazu?
Ich weiss: Ihr Steckenpferd. Es gibt offenbar Bestrebungen zur Entspannung der Situation. Nach der Statutenbereinigung können die Bilder ja jetzt auswandern.
Sie wissen natürlich bereits, wohin?
Zumindest tendenziell.
Und, konkreter?
Nach Grönland.
Herr Wilo, sind Sie nicht etwas gar von Grönland besessen?
Schon, aber da bin ich ja in sogenannter bester Gesellschaft.
Die Bührle-Sammlung kommt also weg; was geschieht dann aber mit dem Kunsthaus?
Dort würden, so hört man, an den Leerstellen die Provenienzforschungsresultatsblätter aufgehängt. Zudem würde ein Alibi-Porträt von Raphi dem Grossen ausgestellt. Schliesslich sollen zwecks weiterer Steigerung der Ambiance die Räume mit Klängen von «Cheibe Balagan» berieselt werden, was die ganze Situation ja gut zusammenfasst.
Herr Wilo, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Immer gerne.