Als Fred Stein 1967 starb, würdigte ihn der New Yorker aufbau als einen trotz seiner beruflichen Erfolge unendlich bescheidenen Mann – nun erscheint eine Biografie dieses deutsch-jüdischen Fotografen.
Wohl zu jedem Buchstaben des Alphabets findet sich eine Person der Kultur- und Politikgeschichte des 20. Jahrhunderts, die von dem Fotografen Fred Stein porträtiert wurde. Willy Brandt, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Stefan Heym, André Kertész, Golo, Heinrich, Klaus und Thomas Mann, Erwin Piscator, Anna Seghers, Gabriele Tergit, Ernst Toller, Herbert Wehner, Peter Weiss oder Arnold Zweig, um nur einige zu nennen – alle sassen vor seiner Kamera. Seine Porträts des Physikers Albert Einstein und der Philosophin Hannah Arendt nutzte die Deutsche Post 2005 und 2006 als Motive für Briefmarken. Obwohl Fred Stein auf diese Weise in aller Munde war, in den letzten Jahren durch Ausstellungen und prächtige Fotobände gewürdigt wurde, bleibt seine Bekanntheit wohl auf den Kreis von Fotoenthusiasten beschränkt.
Zentrale Themen im Leben von Stein
Daniel Siemens, Professor für europäische Geschichte an der Universität in Newcastle, möchte mit seiner Biografie das Wissen um den deutsch-jüdischen Fotografen Fred Stein erweitern. Dem Biografen geht es um die nach seiner Ansicht zentralen Themen im Leben Fred Steins: «die Bedeutung von Freundschaft, die Erfahrung von Flucht und Exil sowie die Hoffnungen auf und Enttäuschungen über einen demokratischen Sozialismus». Zu Recht charakterisiert Siemens Fred Stein und seine Frau Lilo als «politische Exilanten», deren Entscheidung zu emigrieren, nicht nur «ein politischer, sondern auch ein moralischer Akt» gewesen sei.
Es war nur eine kleine Meldung in den «Dresdner Nachrichten» vom 2. Juli 1933, die von «Entlassungen aus dem Justizdienste» berichtete. Unter Berufung auf das «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» wurde auch der am 3. Juli 1909 geborene Rabbinersohn Alfred «Fred» Stein entlassen. Stein hatte sich parteipolitisch zuerst in der SPD, ab 1931 in der Sozialistischen Arbeiterpartei engagiert. Als Jude und Sozialist doppelt gefährdet, floh er gemeinsam mit seiner Frau im Oktober 1933 nach Paris. Das gemeinsame Hochzeitsgeschenk, eine Leica-Kleinbildkamera, ermöglichte die entscheidende Wende in Steins Berufsleben, er selbst brachte es auf die Kurzformel: «Dresden vertrieb mich, so wurde ich Fotograf.»
Die Wohnung im Montmartre wurde zum «Studio Stein», das Badezimmer zur Dunkelkammer. Es wurde nicht nur von den Steins genutzt, zu ihren Untermietern zählte die aus Stuttgart stammende, ebenfalls nach Paris geflohene Gerta Pohorylle. An ihrer Seite war ihr Freund André Friedmann, beide fröhlich und ausgelassen fotografiert von Fred Stein im Café du Dome, dem Treffpunkt vieler Emigranten. Beide sollten später unter ihren Künstlernamen Gerda Taro und Robert Capa durch ihre Fotoreportagen aus dem Spanischen Bürgerkrieg weltweite Beachtung fanden. Zu den Besuchern der Steins zählte auch der im skandinavischen Exil lebende Willy Brandt, der sich sehr genau erinnerte: «Ich begegnete Fred Stein, als wir beide Flüchtlinge waren … Für seine Zeit war er sehr avantgardistisch, ein brillanter Fotograf … Er war ein echter Visionär.»
«Feindlicher Ausländer»
Siemens folgt den fotojournalistischen Anfängen seines Protagonisten, beschreibt die Arbeitsteilung der Eheleute – «Fred machte die Akquise und die allermeisten Aufnahmen, während die Lilo die Filme entwickelte und Abzüge retuschierte.» Siemens verschweigt die materiellen Nöte des Paares nicht und beleuchtet zugleich ihr sozialistisches wie publizistisches Engagement. Dass dem Historiker Siemens dabei das Faible Steins für den Alltag und das Leben der Einwohner Paris ein wenig aus dem Blick gerät, könnte beklagt werden. Stein, der als Autodidakt das fotografische Handwerk erlernte, durchstreifte mit der Leica Paris. Dank eines sensiblen Gespürs für Ungewöhnliches und Flüchtiges nahm er bestechende Alltagsszenen der Stadt und ihrer Bewohner auf, ohne je voyeuristisch zu sein.
Paris blieb für das Ehepaar Stein nur eine Zwischenstation auf ihrem Emigrationsweg. Nach Kriegsbeginn wurde die Familie – 1938 kam die Tochter Marion zur Welt – als «feindliche Ausländer» interniert. Auf abenteuerlichen Wegen flohen sie nach Marseille. Dank der Hilfe von Varian Fry und dem Emergency Rescue Committee gelang ihnen im Juni 1941die Emigration in die USA, nach New York, wo 1943 der Sohn Peter geboren wurde.
Auch die amerikanische Metropole erschloss sich Stein mit der Kamera. Seine mit der Leica oder der Rolleiflex aufgenommenen Fotos erfassen die Strassenschluchten Manhattans, die Wolkenkratzer ebenso wie die spielenden Kinder in Haarlem, den Schuhputzer, die Frauen in Little Italy. Aufnahmen, die seinen Ruf als Pionier der Strassenfotografie rechtfertigten. Steins starke Identifikation mit der neuen Heimat fand ihren gedruckten Niederschlag in dem 1947 erstmals erschienenen Fotobuch «Fifth Avenue» sowie Jahreskalendern zu New York für 1948 und 1949. Dass er auch in den USA, dessen Staatsbürger er 1952 wurde, mehr als 1000 markante Porträts schuf, von Martin Buber, Marc Chagall, Salvador Dalí, Marlene Dietrich, Robert Frank, Georgia O’Keeffe, Frank Llyold Wright und vielen anderen sei hier nur angemerkt.
Deutschland blieb für Fred Stein, wie sein Biograf Siemens schreibt, «ein Fixpunkt seines Denkens und Fühlens», nicht nur aus der Ferne. 1961 hielt sich Stein für drei Monate in Deutschland auf, um etwa 100 Prominente aus Kultur, Wirtschaft und Politik zu fotografieren, noch im gleichen Jahr abgedruckt in dem gemeinsam mit dem Kunstkritiker Will Grohmann herausgegebenen dreisprachigen Buch «Deutsche Porträts». Eine Veröffentlichung, die bei aller fotografischen Qualität wegen des Personaltableaus auf ein geteiltes Echo stiess. Siemens verweist in seiner von Sympathie getragenen Biografie auch auf ein anderes Herzensprojekt Steins, eine Anthologie literarischer Texte mit dem Arbeitstitel «Das war nicht unser Deutschland. Deutsche Dichter und Denker gegen das Dritte Reich. Ein Lesebuch für die Kommenden». Ein Buch, dass trotz grosser Anstrengungen Steins leider ungedruckt blieb.
Auf die Frage des Biografen, «wie man Erfolg misst und was Erfolg überhaupt ist», verweist Siemens selber auf Steins «Integrität und gedankliche Unabhängigkeit». Für Siemens war Fred Stein ein Mann, der mit seiner Fotokamera versucht hat, die «Unbehaustheit des modernen Menschen zumindest für Augenblicke» zu überwinden. Eine lesenswerte, zuweilen essayistisch geschriebene Biografie über einen beeindruckenden Fotografen! l
Daniel Siemens: Der Fotograf Fred Stein. Ein deutsch-jüdisches Leben 1909–1967, Ch. Links Verlag, Berlin 2026.