ROSCH HASCHANA 5787 11. Sep 2026

Die innere Thora

Illustration von Arthur Szyk zu den Hohen Feiertagen aus dem Jahre 1948.

Die «Jamim Noraim», die Tage der Ehrfurcht, stellen uns vor die Herausforderung, authentisch zu sein und dem menschlichen Potenzial gerecht zu werden.

Als wir im Kindergarten und in der Primarschule waren, waren wir noch unschuldig. Wir waren noch wir selbst, ohne dass unserer Persönlichkeit fremde Elemente hinzugefügt wurden. Wir waren noch frei von jeglicher Künstlichkeit, die uns von ausserhalb unseres eigenen Wesens aufgezwungen wurde. Doch als wir älter wurden, nahmen wir «die Tatsachen des Lebens» in uns auf. Und unsere neue Realität des Lebens in der Welt zwang uns eine Rüstung auf, in der wir gefangen waren. Im Laufe der Jahre wurde unsere Rüstung immer dicker, ohne dass die meisten von uns sich dessen überhaupt bewusst waren.

Die Rüstung des Lebens
Der grosse niederländische Schriftsteller Willem Bilderdijk (1756–1831) verglich diesen Zustand einmal mit einem Opernsänger, dem ein winziges Toilettenhäuschen als Übungsraum zugewiesen wird. Der beengte Raum ist erstickend. Die meisten Menschen lernen leider, in diesem winzigen Raum recht glücklich zu leben, während sie ihre Rüstung tragen.

Nur grosse Seelen werden sich dieser misslichen Lage bewusst und werfen – oft unter enormen Anstrengungen – die Rüstung ab und wagen sich nach draussen. Sie geraten mit der Gesellschaft aneinander und werden missverstanden, aber sie sind auch die Menschen, die die Gesellschaft voranbringen. Sie sind Gefangene, die durch die Gitterstäbe ihrer persönlichen Zelle geblickt haben, den Garten ihres Lebens gesehen, die Gitterstäbe verbogen und hinausgegangen sind.

Rosch Haschana führt uns zurück in unsere Kindheit, bevor unsere Rüstung geschmiedet wurde. Wir werden aufgefordert, nicht «reif» zu sein, sondern wieder unschuldig zu werden: uns unzufrieden zu fühlen mit dem, was aus uns geworden ist, und die Kluft zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir einst als mögliches Leben empfanden, wieder zu schliessen. Doch wie sollen wir das tun?

Die Thora in uns
Es ist kein Zufall, dass Mosche Rabbeinu uns in der Parascha vor Rosch Haschana, Nitzavim, sagt: «Nicht nur mit euch schliesse ich diesen geschworenen Bund (die Thora), sondern auch mit denen, die heute hier bei uns vor dem Ewigen, unserem Gott, stehen, und mit denen, die heute nicht hier bei uns sind» (5. B. M. 29:13–14). Mit anderen Worten: Mosche verpflichtet alle Generationen, ob jetzt oder in der Zukunft, alle Gebote der Thora zu befolgen.

Auf den ersten Blick ergibt das keinen Sinn. Warum sollten zukünftige Generationen bis heute verpflichtet sein, die Gebote zu befolgen? Warum können wir nicht argumentieren, dass der Bund mit unseren Vorfahren für uns nicht gilt, da wir nicht dabei waren? Wir haben nie unsere Zustimmung gegeben. Wir sind nicht gebunden! Darauf gibt die Thora eine bemerkenswerte Antwort: «Diese Mizwa, die ich euch heute gebiete, ist nicht zu schwer für euch, noch ist sie ausserhalb eurer Reichweite (…) weder im Himmel noch jenseits des Ozeans (…) Nein, die Sache ist ganz nah bei euch, bereits in eurem Mund und in eurem Herzen, damit ihr sie tut» (5. B. M. 30:11–14).

Im Bild der Thora geschaffen
Das bedeutet, dass die Thora nicht irgendwo anders ist, nicht in einer himmlischen Realität. Das Gegenteil ist der Fall! Wir sind nach dem Bild der Thora geschaffen. Die Thora ist in unserem Bewusstsein und in unserer DNA! Sie ist es, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind.

Und solltest du fragen: Warum sollte ich verpflichtet sein, diese Gebote zu halten? Die Antwort lautet: Sie leben in dir. Sie sind du! Es ist das Natürlichste für dich, dies zu tun. Deshalb fühlst du dich von Natur aus gut dabei, wenn du die Gebote befolgst. Du bist nach Hause gekommen, hast die ganze Rüstung der Künstlichkeit abgelegt, die dir während deiner Kindheit aufgezwungen wurde. Du bist nun wirklich dir selbst treu. Das ist die höchste Stufe der Authentizität.

Die Unzulänglichkeit der Worte
Aber wenn das der Fall ist, warum musste Gott dann die Thora am Berg Sinai offenbaren? Denn wenn sie bereits in uns war, wozu dann überhaupt die Gebote? Die Antwort lautet: Wir sind uns nicht immer bewusst, wer wir sind. Der Zweck der Thora besteht darin, uns bewusst zu machen, was bereits in uns lebt. Sie fordert uns auf, die Rüstung abzulegen.

Die Stimme der Thora in unserem Innersten muss aktiviert werden, damit wir zu unserem wahren Selbst zurückkehren können, so wie wir es in unserer Kindheit waren.

An Rosch Haschana kehren wir nach Hause zurück. Wir erkennen, dass all unsere Übertretungen der Gebote der Thora das Ergebnis unserer Unechtheit waren; unserer Gefangenschaft in der Rüstung, die uns durch die Wechselfälle des Lebens aufgezwungen wurde.

Der Klang jenseits der Sprache
Und dies erklärt auch der Schofar, der an Rosch Haschana geblasen wird. Denn viele Worte der Thora – und somit in uns selbst – können auf der bewussten Ebene nicht verstanden werden. Sie stehen für eine höhere Welt jenseits der Reichweite von Worten.

Und was tun Kinder, wenn sie noch nicht gelernt haben, Worte zu benutzen? Sie lachen oder weinen oder erfinden ihre eigenen Laute. Manchmal pfeifen sie. Manchmal blasen sie in etwas anderes, um den Klang lauter zu machen. Das ist der Zweck des Schofars. Wenn wir verkünden, dass Gott König war, König ist und für immer König sein wird, betreten wir einen Bereich, in dem unsere Worte unsere intellektuellen Fähigkeiten übersteigen. Wir wissen nicht wirklich, was wir sagen. Das ist «heilige Unzulänglichkeit» – und gerade deshalb von tiefer Bedeutung.

Es gibt sozusagen eine Weisheit «da draussen», die auf einer Wellenlänge übertragen wird, die ausserhalb des Empfangsbereichs unseres sprachlichen Empfängers liegt. Wir schalten das Radio ein, hören aber nur seltsame Geräusche und Rauschen. Die Übertragung ist real, aber wir können die Frequenz nicht einstellen. Rosch Haschana zwingt uns, dies einzugestehen.

Lobpreis und Sprachlosigkeit
Unsere Gebete beinhalten daher eine aussergewöhnliche Spannung. Wir preisen Gott mit Worten, nennen Ihn König, und werden uns dann bewusst, dass jedes Wort unzureichend ist. Die Sprache versagt.

Und wenn Worte nicht mehr ausreichen, greifen wir auf reinen Klang zurück. Wir stossen einen urwüchsigen Schrei aus, der versucht, alle himmlischen Ebenen zu durchdringen und irgendwie den Einen zu erreichen, der völlig unbekannt ist. Was geschieht, wenn wir mit unserer Unzulänglichkeit konfrontiert werden? Wir könnten depressiv werden.

Stattdessen überrascht uns das Judentum. Es fordert uns auf, uns wie Könige und Königinnen zu kleiden, festliche Mahlzeiten zu geniessen, optimistische Lieder zu singen und Rosch Haschana zu einem heiligen Fest zu machen. Warum? Weil wir wissen, dass die Thora, bei all ihren Anforderungen, unser natürlicher Platz in der Welt ist. Sie ist königlich. Und wir sind es auch.

Ein Bund für alle Generationen
Daher hatte Mosche Recht, als er sagte: «Nicht nur mit euch schliesse ich diesen geschworenen Bund (die Thora).» Die Thora ist nicht das Erbe einer einzigen Generation, sondern aller Generationen. Einschliesslich unserer. l

Rabbiner Nathan Lopes Cardozo ist Gründer und Dekan der David Cardozo Academy und des Bet Midrasch von Avraham Avinu in Jerusalem.
 

Nathan Lopes Cardozo