Die Kunstwelt feiert 150 Jahre Paula Modersohn-Becker und rückt die wachsende Rezeption der Malerin im 20. und 21. Jahrhundert in den Fokus.
Das kurze Leben und die grosse Kunst von Paula Modersohn-Becker (1876–1907) kreisten um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, die Befreiung von Ballast und den Aufbruch ins Unbekannte. Zu Lebzeiten verkaufte sie kaum eines ihrer Bilder, dafür setzte nach ihrem frühen Tod der phänomenale Erfolg mit umso grösserer Wucht ein. Paula Modersohn-Becker, berühmt für ihre Landschaftsszenen und Porträts, ist die weltweit erste Künstlerin, der ein eigenes Museum gewidmet wurde, und das bereits 1927, vor gut 100 Jahren. Seitdem hat die ihr entgegengebrachte Wertschätzung, kulturell wie monetär, kontinuierlich zugelegt und sich stark internationalisiert. Und 2025 erzielte die Versteigerung eines ihrer Werke rund 1,3 Millionen Euro. Das ist zwar nichts im Vergleich zu einem Gustav Klimt, dessen «Bildnis Elisabeth Lederer» im November 2025 bei einer Sotheby’s-Auktion in New York über 236 Millionen Dollar einbrachte, aber Weltrekord für eine deutsche Malerin. Man erkennt in ihr heute die massgebende Künstlerin mit Instinkt für die Entwicklung der Kunstströmung ihrer Zeit. Tief verwurzelt im Bürgertum des 19. Jahrhunderts, blickte sie weit voraus, wagte sogar Selbstporträts in völliger Nacktheit – die ersten, die in der Kunstgeschichte bekannt sind. Ein weiterer Schwerpunkt ihres Oeuvres sind Mutter-Kind-Szenen. Die breite Rezeption ihres Schaffens hob erst nach dem Zweiten Weltkrieg an, in der Schweiz aber war die Deutsche da längst präsent. 1939 wurde (mit Mitteln aus einem Sonderkredit der Basler Regierung) ihr «Selbstbildnis als Halbakt mit Bernsteinkette» (1906) für das Kunstmuseum Basel erworben. Mittlerweile richten Häuser wie das Musée d’ Art Moderne in Paris und die Royal Academy in London Sonderausstellungen aus, 2025 das Museo Comunale d’ Arte Moderna Ascona, New York und Chicago 2024. Dabei immer im Fokus: die unbeugsame Einzelgängerin und kompromisslose Pionierin am Beginn der Moderne. Und ihr höchst individueller Malstil.
Impressionismus und Expressionismus
Paula Modersohn-Beckers Stil ist ein einzigartiger Mix. Koloristisch zeugt er von der Tonigkeit der Erde wie von der lichtdurchfluteten Farbigkeit Paul Gauguins und Paul Cézannes, er ist geprägt von sachlich-kantiger Flächigkeit wie von Merkmalen altägyptischer Mumienmasken, ist im Norden ihrer Heimat verankert und vom Pariser Esprit des Fin de Siècle angehaucht. In Paris war sie glücklicher, in den Louvre zog es sie, um aus dem Bilderstrudel etwas Eigenes zu generieren. So verwob sie Elemente des französischen Impressionismus mit denen des heraufdämmernden deutschen Expressionismus, der sich ab 1905 in Gestalt der «Brücke»-Künstlergruppe in Dresden etablierte und mit Farbexplosionen und Flächenreduktion provozierte. Auch Modersohn-Becker erfasste und übersetzte die Dinge, ob Landschaft oder Figur, in einfache Formen. Indem sie zudem Raumtiefe grösstmöglich einebnete, wirken manche Modelle beinahe denkmalhaft. Sie verwandelte ihre Motive quasi in beseelte Stillleben, sie strahlen Wärme aus, sind aber nie gefühlig oder gefällig. Gemalt meist in Öltempera auf Pappe oder Karton, präsentiert sie ihre Figuren ungeschönt. Kinder schauen den Betrachter nicht oder mit glanzlosen Augen an, ernst, in sich gekehrt. Die Alten, die «Armenhäuslerin» aus dem Spätwerk (1907), zeigt sie müde, würdevoll, abgekämpft von der harten Arbeit auf dem Land. Keine Sozialromantik, nirgends, keine aktivistische Message. Modersohn-Becker beobachtete und beschrieb. Ihre Malerei irritierte und polarisierte von Anfang an. Gustav Pauli von der Kunsthalle Bremen hatte früh das innovative Potenzial der Worpsweder Malschülerin erkannt und im Dezember 1899 eine Kabinettausstellung ermöglicht. Sie wurde von der Presse verrissen. Paula Becker packte ihre Sachen. Die 23-Jährige machte sich zum ersten Mal auf in die Kunstmetropole Paris. Per Zug, in der Silvesternacht 1899, ihrer Zukunft entgegen.
Zwischen Worpswede und Paris
Geboren 1976 in Dresden, war Paula Modersohn-Becker ab 1888 in Bremen aufgewachsen und hatte dort ersten Mal- und Zeichenunterricht erhalten. Nach Kunstimpulsen in London und Berlin, wo sie an Privatschulen Kurse besuchte, kam sie 1897 erstmals in die Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen, war beeindruckt von der Bildkunst Otto Modersohns, wurde 1898 Malschülerin bei Fritz Mackensen und widmete sich der Landschaftsmalerei. In der Gruppe, zu deren Kreis sich zeitweilig auch Rainer Maria Rilke gesellte, stiess sie auf Akzeptanz und kreativen Austausch. Besonders nah stand sie der Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff, der späteren Ehefrau Rilkes. Und, allen voran, ihrem Künstlerkollegen Modersohn, den sie 1901 heiratete und der ein kleines Mädchen, Elsbeth, mit in die Ehe brachte, den sie aber 1906 kurz nach ihrem 30. Geburtstag verliess, um als Künstlerin in Paris zu leben. In jenem Sommer 1906 entstand das später von Basel angekaufte Bernsteinketten-Bild. Als Otto sie in Paris besuchte, fand das Ehepaar wieder zusammen. Paula kehrte mit ihrem Mann nach Worpswede zurück. Am 2. November 1907 bekam sie ihre Tochter, Mathilde, am 20. November verstarb die Wöchnerin an einer Embolie. Paula Modersohn-Becker wurde nur 31 Jahre alt. Es ist eine besondere Tragik ihres Schicksals und Rezeptionsfolie ihrer Biografie, dass sie, die so viele Mutter-Kind-Bilder schuf, im Kindbett verstarb. Diese Tragödie entfesselte auch besonderes Engagement derer, die die Künstlerin verehrten. Der Kaffee-Hag-Kaufmann Ludwig Roselius kaufte viele ihrer Werke, seine Sammlung war der Grundstock für die Gründung des späteren Paula-Modersohn-Becker-Museums 1927 im Herzen Bremens. Posthum fand sie Anerkennung, ihr Witwer Otto spielte dabei eine entscheidende Rolle. Mit Aufkommen des Nationalsozialismus änderte sich die Sichtweise auf die Künstlerin. Huldigte sie mittels reduzierter, eckiger Formensprache, den dumpf-stumpfen Augen der Kinder, dem «Entarteten»? 1937 wurden 70 ihrer Werke aus Museumsbeständen entfernt. Dann machte man den «Worpswedern» vermeintliche Deutschtümelei und die Verherrlichung provinziellen Bauernlebens in widerspenstiger Natur zum Vorwurf, Paula auch ihre Auseinandersetzung mit Mütterlichkeit. Sogar die Tatsache, dass das ihr gewidmete Museums-gesamtkunstwerk im Nachgang als Musterbau nationalsozialistischer Kunstauffassung gepriesen wurde, schien gegen sie zu sprechen. Und immer wieder geisterte später die Frage herum, ob Paula Modersohn-Becker, hätte sie länger gelebt, Leitstern jener Weltanschauung hätte werden können. Tempi passati. Über 70 Jahre nach Paula Modersohn-Beckers Tod, 1978, rief ihre Tochter Mathilde «Tille» Modersohn (1907–1998) die Paula-Modersohn-Becker-Stiftung ins Leben und übereignete ihr ihren Teil des Nachlasses ihrer Mutter. Davon ist nun viel zu sehen, 2026 ist das Jahr der Paula Modersohn-Becker. Pünktlich zum 150. Geburtstag am 8. Februar öffneten sich die Türen für grosse Ausstellungen. Die Albertina in Dresden stellt Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch (bis 31. Mai) in einen Dialog. In Worpswede gehen die zentralen Museen der Frage nach, wie sich zeitgenössische Malerinnen wie Sybille Springer und Inès Longevial vom «Impuls Paula» (bis 1. November) inspirieren lassen. Das Otto-Modersohn-Museum in Fischerhude fokussiert (bis 24. Mai) eine Fülle ihrer frühen Landschaftsstudien, die, obgleich zahlreicher als die Kinderbilder, Aktgemälde, Porträts und Stillleben, in Retrospektiven oft eher marginal vertreten sind. Die Fischerhuder Schau verdeutlicht auch, wie intensiv der Austausch des Künstlerpaars über ihre Bildsprache, über «das Ding an sich in Stimmung», war.
Internationale Rezeption
In der Bremer Kunsthalle ist bis ins nächste Jahr hinein (bis 21. Februar) die grosse Schau «150 Jahre Paula Modersohn-Becker» zu sehen. «Becoming Paula» (bis 13. September) im Paula Modersohn-Becker-Museum zeichnet nach, wie aus der jungen Frau, in Bremen, London, Berlin, Worpswede und Paris künstlerisch sozialisiert, eine der erfolgreichsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts werden konnte. Der Titel verweist auch auf die Internationalität der Ideen und Impulse, die die Avantgardistin beeinflussten, und auf die Kulturschaffenden in aller Welt, die ihr Werk als Input und ihre Persona als Identifikationsfigur begriffen und begreifen. Darunter, um nur einige zu nennen, die Britin Chantal Joffe, und, als einer der ersten Künstler, Fritz Winter. Mit seinen Abstraktionen sorgte er bei Documenta-Ausstellungen in den 1950er-Jahren für Furore, studiert hatte er am Bauhaus in Dessau, wo Wassily Kandinsky zu seinen Lehrern zählte. 2001 schuf die Video- und Installationskünstlerin Marikke Heinz-Hoek ein grossformatiges Diptychon in Blau, das «Paula, sich nach Paris sehnend» zeigt. Die US-amerikanische Konzeptkünstlerin Jenny Holzer gestaltete 2005 die Lithografie-Hommage «For Paula Modersohn-Becker», ein digitales Leuchtschriftband in Kobaltblau. Der Text darauf erzählt von einem Neugeborenen und den Ängsten der Mutter vor Tod und Leid, greift somit ein Leitmotiv Modersohn-Beckers auf. Georg Baselitz verband seine Bildwelt mit der Modersohn-Beckers, als er (als Teil seiner Serie «Devotion») 2018 ein ihrem «Selbstbildnis mit Kamelienzweig» nachempfundenes Grossformat malte. Die Cartoon-Künstlerin Lauren R. Weinstein liess sich zu einem Paula-Comic inspirieren, der 2018 im «New Yorker» erschien. Überhaupt, New Yorks Kunstszene erkannte früh Modersohn-Beckers Bedeutung. Schon vor über 50 Jahren wurde die Arbeit der ausdrucksstarken Malerin dem Publikum in Helen Sergers legendärer Galerie «La Boetie» vorgestellt. Jüdischen Emigranten aus Deutschland war sie oft ohnehin ein Begriff. Seit 2017 besitzen das New Yorker Museum of Modern Art und die von Ronald Lauder gegründete Neue Galerie gemeinsam ein Selbstbildnis mit Blumen von Modersohn-Becker aus dem Jahr 1907, das seitdem wechselweise in beiden Häusern gezeigt wird. Unter dem Titel «Ich bin Ich/I am Me» realisierte die Neue Galerie im Sommer 2024 zudem die erste grosse Paula-Modersohn-Becker-Retrospektive in den USA. Die «New York Times» schwärmte: «brazingly modern»! Kurz: «Paula» ist längst ein globaler Kunst-Star, eine Projektionsfläche für Kulturschaffende, in Kunst, Literatur, Musik und Popkultur. Aus dem einst belächelten «Moormädchen» ist ein bewundertes «Role Model» geworden. Den Reigen der Geburtstagsehren abrunden wird im Spätsommer 2026 der Kinofilm «Wer weiss schon, was ein Leben ist?», ein Dokudrama nach einem Drehbuch von Anja Salomonowitz, gedreht letzten Sommer in Worpswede, Bremen und Paris. Man wüsste gern, welche Wege Modersohn-Becker im Leben noch beschritten hätte. Kaum mehr als ein Schaffensjahrzehnt war ihr vergönnt, in dem sie eine unverkennbare Bildsprache zu entwickeln vermochte. Sie hinterliess ein auch quantitativ erstaunliches Werk, rund 750 Gemälde und 1000 Zeichnungen. Und blieb dennoch eine Unvollendete. Sie liebte ihr Atelier in der Scheune bei Bauer Brünjes, ihre selbstgewählte Zurückgezogenheit, «ihr Geheimnis, das immer irgendwie um sie war», wie ihre Schwester Herma sagte. Es war ihr langjähriger Briefpartner Rilke, der ihr 1908 sein «Requiem für eine Freundin» widmen würde, an den sie in schwerer Zeit gegen Ende ihres Lebens ein erstes Gemälde verkauft hatte. Den Grossteil des Bildkonvoluts, das Paula Modersohn-Becker ihrem kurzen Dasein abrang, hatte nie jemand zu sehen bekommen, nicht einmal ihr Mann, der Maler Otto Modersohn. l
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