Kantor Gideon Yechiel Zelermyer singt die Nationalhymne im Stadion der Montreal Canadiens und macht damit nicht nur die jüdische Gemeinschaft stolz.
Wenn Kantor Gideon Yechiel Zelermyer im Stadium Centre Bell bei den Heimspielen der legendären Montreal Canadiens die ersten Töne anstimmt, entsteht ein Moment, der weit über das Sportevent hinausreicht. Es entsteht ein Spannungsfeld aus Ritual, Öffentlichkeit und Identität – getragen von einer Stimme, die gleichermassen in der Synagoge wie im Stadion verankert ist. Zelermyer ist kein klassischer Sänger im Entertainment-Sinne, sondern ein Kantor. Und gerade deshalb entfaltet seine Präsenz als einer der regelmässigen Interpreten der Nationalhymne im Centre Bell in Montreal, der «Kathedrale des Eishockeys», eine aussergewöhnliche Wirkung.
Sein musikalischer Ursprung liegt in der liturgischen Tradition. Bei der Congregation Shaar Hashomayim prägt er seit Jahren einen Stil, der bewusst Brücken schlägt: zwischen traditionellen Gebetsmodi und einem modernen harmonischen Verständnis. Choral-, Schabbat- und Festgottesdienste werden so nicht nur gepflegt, sondern neu interpretiert als spirituelle Erfahrung mit künstlerischer Tiefe. Ausgebildet am Tel Aviv Cantorial Institute bei Naftali Herstik, ergänzt durch ein Studium an der George Washington University, verbindet Zelermyer akademische Präzision mit gelebter Tradition.
Lied mit Leonard Cohen
Doch seine Wirkung reicht weit über die Synagoge hinaus. International trat er als Solist auf, tourte mit dem Shaar Hashomayim Synagogue Choir durch Nordamerika und Grossbritannien und veröffentlichte eine mehrfach ausgezeichnete Aufnahmeserie. Seine Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Kent Nagano und Boris Brott sowie Orchestern wie dem Montreal Symphony Orchestra und dem Orchestre classique de Montréal unterstreicht seine künstlerische Bandbreite. Ein besonderer Meilenstein: seine Mitwirkung als Solist auf Leonard Cohens Grammy-prämiertem Song «You Want It Darker» – ein Werk, das selbst tief in jüdischer Spiritualität verwurzelt ist.
Auf Cohens letztem Album vor seinem Tod ist Zelermyer als Solist zu hören – gemeinsam mit dem Chor der Shaar Hashomayim. Diese Aufnahme ist mehr als ein musikalisches Projekt, sie ist eine Verdichtung jüdischer Liturgie, moderner Dichtung und existenzieller Reflexion. Cohens Werk greift zentrale Elemente der Synagogenmusik auf – das Kaddisch, die Melismen, die dramatische Spannung zwischen Klage und Hingabe – und überführt sie in einen global verständlichen künstlerischen Ausdruck. Zelermyers Stimme fungiert dabei nicht als Begleitung, sondern als spirituelles Fundament des Stücks.
Die Verbindung zwischen Cohen und Shaar Hashomayim ist historisch gewachsen. Die Familie Cohen ist seit Generationen Teil dieser Gemeinde, und die liturgische Klangwelt, die Zelermyer heute prägt, bildete gewissermassen den akustischen Hintergrund für Cohens spätes Werk. Dass gerade ein Kantor an der Aufnahme mitwirkte, ist kein Zufall: Es verleiht dem Song jene Authentizität, die ihn weit über die Popkultur erhebt. «Hineni, hineni» («Hier bin ich») wird in dieser Interpretation nicht zur Metapher, sondern zur existenziellen Aussage. Zelermyer transportiert diese Dimension mit einer Klarheit, die man weder inszenieren noch imitieren kann.
Die Bühne des Profisports
Parallel dazu hat sich Zelermyer eine zweite, ungewöhnliche Bühne erschlossen: den Profisport. Im Centre Bell, Heimat der Montreal Canadiens, gehört er seit den 1990er-Jahren zu den regelmässigen Sängern der Nationalhymne. «Diese Ehre ist nicht mit Worten zu beschreiben. Die Canadiens sind in Kanada und speziell in der Provinz Québec die wichtigste Institution», so Zelermyer. Seinen ersten grossen Auftritt im Centre Bell hatte Zelermyer 2011 vor einem Spiel gegen die Philadelphia Flyers. Kurz bevor er aufs Eis gehen sollte, wartete er im Korridor neben der Garderobe. Plötzlich trat die Eishockeylegende Guy Lafleur auf ihn zu und fragte, ob er derjenige sei, der heute singe. Dann fiel ein Name aus der jüdischen Gemeinschaft. Ein gemeinsamer Kontakt. Lafleur erklärte, er habe ursprünglich gar nicht vorgehabt, zum Spiel zu kommen – sei aber auf Empfehlung extra erschienen, um ihn singen zu hören.
Für Zelermyer war das ein Moment maximaler positiver Anspannung: «Wenn ich vorher nicht nervös gewesen wäre, dann sicher ab dem Zeitpunkt. Die Gewissheit, dass eine Ikone wie Lafleur mich so ansprach, veränderte alles. Ich war komplett durch den Wind», beschreibt er. Hinzu kam ein zweiter Faktor: die eigene Gemeinschaft. Familie, Freunde und gefühlt die gesamte jüdische Gemeinschaft Montreals waren an diesem Abend im Stadion. «Es fühlte sich an, als wären alle da», sagt er. Und die Botschaft war klar: Sie waren stolz darauf, jemanden mit Kippa auf dem Eis stehen zu sehen und die kanadische Hymne zu singen.
Mit Kippa im Stadion
Dieses Bild hat sich seither eingebrannt. Zelermyer singt regelmässig mit Kippa. Nicht als Provokation, sondern aus Selbstverständnis. Denn dieses Detail hat seit 2023 eine neue politische Dimension erhalten. Zelermyer beschreibt sein seither verstärktes Bewusstsein für seine Rolle. Er stehe mit einer noch klareren inneren Haltung auf dem Eis, singe die Hymne seines Landes – und tue dies bewusst sichtbar als religiöser Mensch. Dabei betont er, dass er keine Botschaft «inszenieren» wolle. Und doch sei allein seine Präsenz eine Aussage. Gerade im Kontext eines Sportereignisses, in dem unterschiedliche politische, sprachliche und gesellschaftliche Lager für einen Moment zusammenkommen.
Trotz der politischen und gesellschaftlichen Spannungen der letzten Jahre berichtet Zelermyer von einer durchgehend positiven Erfahrung im Centre Bell. Er erfahre keinen Antisemitismus, sondern Respekt, Offenheit und Unterstützung. Persönlichkeiten wie der legendäre Sportkommentator Michel Lacroix oder Besitzer Geoff Molson stehen exemplarisch für eine Organisation, die diese Haltung mitträgt. Lacroix suchte nach den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 aktiv den Kontakt, um sein Mitgefühl auszudrücken. Auch Molson setzte ein Zeichen, als er ein Mitglied der jüdischen Gemeinschaft persönlich ehrte und mit einem signierten Originaltrikot der Montreal Canadiens überraschte, weil dieser bei einem sicherheitsrelevanten Vorfall Zivilcourage gezeigt hatte.
Auch die Zustimmung der Öffentlichkeit sei gross, der Respekt spürbar. Die jüdische Gemeinschaft Montreals sieht in ihm eine Art kulturellen Botschafter. Zelermyer ist damit mehr als ein Sänger. Er ist ein kultureller Vermittler. Jemand, der Liturgie in den öffentlichen Raum trägt, ohne sie zu verlieren. Jemand, der zeigt, dass Identität nicht im Widerspruch zur Gesellschaft stehen muss, sondern sie bereichern kann.
Zelermyer ist aber auch über Montreal hinaus eine bekannte Persönlichkeit: Ebenso trat er im legendären Fenway Park für die Boston Red Sox sowie bei einem Auswärtsspiel Montreals bei den Los Angeles Kings auf. Ironischerweise begann Zelermyers Beziehung zu den Canadiens nicht als Liebesgeschichte. Aufgewachsen in den USA, war er leidenschaftlicher Fan der Hartford Whalers – und entwickelte eine klare Abneigung gegen Montreal, nachdem die Canadiens 1986 den Playoff-Traum seiner Mannschaft zerstört hatten. Dies änderte sich erst nach seiner Ankunft in Montreal im Jahr 2001. Er heiratete eine Frau aus Montreal und ein Freund überzeugte ihn, ein Spiel zu besuchen. Was folgte, war eine klassische Montreal-Erfahrung: In den Rängen traf er auf Mitglieder seiner Synagoge, auf bekannte Gesichter aus dem religiösen Leben. Aus einem neutralen Beobachter wurde ein Fan. Seit 2006 besitzt er Dauerkarten.
Technisches Können und absolute Präzision
Das Singen im Stadion ist eine Disziplin für sich. Anders als im Konzertsaal entstehen durch die Grösse des Raums erhebliche Schallverzögerungen. Der Sänger hört sein eigenes Signal zeitversetzt über Lautsprecher – ein Effekt, der Orientierung und Timing massiv erschwert. Professionelle Hymnen-Sänger müssen deshalb vollständig auf ihr inneres Timing vertrauen. Sie orientieren sich nicht am Echo, sondern an einem mentalen Puls. Jede Unsicherheit führt unmittelbar zu rhythmischen Verschiebungen. Zelermyer beherrscht diese Herausforderung mit einer Präzision, die direkt aus seiner kantoralen Praxis stammt. Dazu kommt die psychologische Dimension: «Ein Hymnenauftritt ist ein Hochrisikomoment. Tausende Zuschauer, nationale Symbolik, keine zweite Chance. Die Spannung vor dem ersten Ton ist enorm.»
Joël Wüthrich ist Medien- und PR-Unternehmer. Seit 1992 ist er beruflich im Eishockeybusiness tätig, intimer Kenner der NHL und speziell der Canadiens de Montréal.