SCHWEIZ 16. Okt 2020

Gemeindejudentum und seine Grenzen

Das organisierte Gemeindejudentum der Schweiz steht vor Herausforderungen, denen es sich zu stellen gilt.

Weniger Mitglieder in jüdischen Gemeinden, unbekannte demographische Zahlen über Juden in der Schweiz – doch die Dachverbände und Gemeinden halten an alten Strukturen fest.

Alfred Donath kam im Jahre 2007 zum Schluss: «Ein guter Vorschlag muss auf den Tisch, damit wir den SIG auflösen und sozusagen neu gründen können» (vgl. tachles 22/07). Für den damaligen abtretenden Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) war klar, dass die jüdische Gemeinschaft sich vitaler entwickelt, als die bestehenden Strukturen sich wandeln lassen. Alle seine Reformbemühungen scheiterten an der unüberwindbaren Hürde des «Ständemehrs» der Kleingemeinden. Auch sein Nachfolger Herbert Winter konnte letztlich nur kleine, aber keine grundsätzlichen Reformen in den Statutenrevisionen aus den Jahren 2014 – Verkleinerung Centralcomité – und 2018 – Amtszeit Geschäftsleitung – voranbringen. Nimmt man Statistiken aus dem Jahre 1997, erhoben durch Ralph Weill (vgl. «Jüdische Rundschau» 1997), vertraten die beiden jüdischen Dachverbände SIG und Plattform der Liberalen Jüdischen Gemeinden der Schweiz (PLJS) nur rund 35 Prozent der schätzungsweise in der Schweiz lebenden 50 000 oder sogar mehr Juden. Weill zählte damals Juden der ersten und zweiten Generation aus interkonfessionellen Ehen dazu. Jüdische Organisationen und Verbände widmen jedoch 100 Prozent ihrer Aufmerksamkeit auf dieses Drittel. Das wiederum bedeutet, dass Strukturen und Infrastrukturen einen Grossteil der Schweizer Jüdinnen und Juden nicht erreichen können oder diese nicht erreicht werden wollen. Im politischen Diskurs und beim Auftreten gegenüber Behörden wird nur eine Minderheit vertreten. Was lange nicht wirklich zur Debatte stand, wird angesichts der ökonomischen und politischen Herausforderungen für die nächste Legislatur im SIG evident: weitermachen wie bisher oder fundamentale Reformen einleiten.

Dachverbände ohne genaue Zahlen
Der SIG gibt die Anzahl Jüdinnen und Juden in der Schweiz mit etwas unter 18 000 an. Die Zahl entspricht den Daten des Bundesamts für Statistik (BFS), das für die Jahre 2016 bis 2018 von 17 366 Jüdinnen und Juden ausgeht. Bei der Volkszählung im Jahr 2000 waren es noch 17 914. Über eine genaue Zahl der Jüdinnen und Juden, die in seinen Mitgliedergemeinden organisiert sind, verfügt der SIG nicht. Dieser zählt lediglich die «zahlenden» Mitglieder (vgl. tachles 39/20). Gegenüber tachles spricht Generalsekretär Jonathan Kreutner von etwa 15 000 bis 16 000 jüdischen Seelen, also allen Menschen inklusive Kinder, die in Gemeinden organisiert sind. Davon seien 75 bis 80 Prozent in den SIG-Gemeinden, so Kreutner. Die PLJS stellte seit ihrer Gründung als Dachverband 2010 einen Zuwachs von 500 Mitgliedern auf insgesamt 2500 fest, so Generalsekretärin Susi Saitowitz gegenüber tachles. Die genauen Zahlen seien schwer zu erfassen, da die einzelnen Gemeinden unterschiedlich zählen. Für manche gelten sowohl ledige Einzelpersonen als auch Ehepaare jeweils als ein Mitglied, bei anderen werden ganze Familien als einzelne Mitglieder aufgeführt.

Die Schätzungen des SIG entsprechen den Zahlen, die Ralph Weill 2004 in seinem Artikel «Strukturelle Veränderungen der Schweizer Judenheit», erschienen in «Jüdische Lebenswelt Schweiz – 100 Jahre Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund», erwähnt. Da die Gesamtzahl der Jüdinnen und Juden in der Schweiz über die letzten Jahre stabil blieb, wird oft der Trugschluss gezogen, dass das Judentum hier nicht kleiner werde. Übersehen wird hierbei, dass die relative Anzahl der Juden an der Schweizer Gesamtbevölkerung jährlich abnimmt. Der demografischen Entwicklung folgend, müsste es in der Schweiz heute knapp 60 000 Jüdinnen und Juden geben. Weill rechnete 2004 bei «gleichbleibendem Verhalten der Juden mit deutlich abnehmender jüdischer Einwohnerschaft». Die Gründe seien «Auswanderung, Mischehen und Abwendung von der jüdischen Gemeinschaft». Gemäss dem israelischen Statistikbüro sind seit 1990 etwas über 1500 Personen aus der Schweiz nach Israel ausgewandert, die entweder jüdisch oder jüdischer Abstammung sind. In anderen Worten: In den letzten 30 Jahren ist eine komplette, grosse Gemeinde ausgewandert. Auch gemischt-konfessionelle Ehen, die in den 1970er-Jahren zum ersten mal die innerjüdischen Ehen übertrafen, sind mit ein Grund, dass jüdische Gemeinden nicht wachsen können. Mittlerweile sind circa 60 Prozent der Eheschliessungen jüdische Personen mit nicht jüdischen Partnern. Bei den jüdischen Frauen nahm der Anteil von 20 Prozent in den 1950er-Jahren auf 55 Prozent in den späten 1990er-Jahren zu. Hinzu kommen neue Gemeinden und der gesellschaftliche Wandel innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.

Diese Entwicklungen bekommen nebst den Gemeinden – die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) schrumpfte im laufenden Jahrhundert um ein Drittel, die Israelitische Gemeinde Kreuzlingen löste sich komplett auf – auch jüdische Institutionen zu spüren, wie etwa jüdische Altersheime (vgl. tachles 37/20 und 39/20). Lediglich die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) und die Communauté Israélite de Genève (CIG) konnten ein leichtes Wachstum vorweisen. Aber auch bei der ICZ bleibt die Zahl der Mitglieder mit etwas über 2500 stabil, wie Frédéric Weil, Geschäftsführer der ICZ, auf Anfrage von tachles sagt.

Kosten bleiben, Menschen gehen
Was auch bei Mitgliederrückgang konstant bleibt, sind die Kosten, die mit der Organisation der «jüdischen Schweiz» verbunden sind. Wenn weniger Menschen Gemeindeinfrastruktur nutzen, reduzieren sich weder Unterhalt noch Gehälter. Rechnet man den jährlichen Aufwand der grössten drei Gemeinden ICZ, CIG und IGB – rund ein Drittel der in Gemeinden organisierten Juden – mitsamt den Beiträgen an Schulen und Kindergärten aus, so benötigt dieser Teil der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz pro Jahr über 20 Millionen Franken. Auf die restlichen zwei Drittel der jüdischen Gemeinschaft hochgerechnet, wären dies 60 Millionen Franken jährliche Ausgaben alleine für den Unterhalt des jüdischen Gemeinde-lebens in der Schweiz. Beim verwalteten Vermögen von SIG und ICZ kommt man auf etwas unter 50 Millionen, die IGB verwaltet 10, die CIG kommt auf knapp 20. Die Ausgaben beliefen sich letztes Jahr auf knapp 9,7 Millionen bei der ICZ und 2,6 bei der IGB. Die Jahresrechnung der CIG kam 2017 auf knapp 10 Millionen Franken Ausgaben. Die grossen Gemeinden leisten personalintensive, tägliche Basisarbeit im sozialen, Kultus- oder etwa erzieherischen Bereich, haben hohe Infrastruktur- und Personalkosten. Liegenschaften, Infrastruktur und die Sicherheit belasten die Gemeinden.

Der SIG schätzte die schweizweiten Sicherheitskosten 2019 gegenüber der NZZ auf rund sieben Millionen Franken, hatte aber auch dort keine genauen Zahlen. Seit am 1. November 2019 die Verordnung «über Massnahmen zur Unterstützung der Sicherheit von Minderheiten mit besonderen Schutzbedürfnissen» in Kraft getreten ist, haben Bund und die Kantone Zürich und Basel-Stadt einen Teil der Sicherheitskosten übernommen. Staatlich getragen werden aktuell 1 565 500 Franken. Im Kanton Basel-Stadt, wo die Polizei die Sicherheit der jüdischen Infrastruktur übernahm, kommen jährliche Kosten von 746 000 Franken hinzu. Kanton und Stadt Zürich übernehmen 500 000 (vgl. tachles 26/20). Das zuständige Bundesamt für Polizei bezahlte insgesamt 460 000 Franken an zehn jüdische und 40 000 an eine muslimische Organisation.

Braucht es den SIG so?
Der SIG arbeitet mit einem Jahresbudget von rund 1,3 Millionen, sein operativer Aufwand belief sich auf 1,8 Millionen, von der PLJS werden keine Angaben zu Budget und Rechnung gemacht. Im Vergleich zu den Ausgaben der Gemeinden sind die SIG-Ausgaben zwar bescheiden. Der Aussage seiner Vorgängerin Shella Kertész, man könne gut ohne den SIG zurechtkommen, widerspricht der jetzige ICZ-Präsident Jacques Lande jedoch: «Insbesondere bei nationalen Angelegenheiten, wie jüngst bei der Sprechung von Geldern für Massnahmen zur Sicherheit jüdischer Institutionen und der Corona-Krise, sind die jüdischen Gemeinden auf den SIG angewiesen. Dank der Koordination des SIG konnten ein einheitlicher Kontakt zum BAG und das Schutzkonzept für die Wiederaufnahme der Gottesdienste bereitgestellt werden.» Lande allerdings ist auch Mitglied der SIG-Geschäftsleitung mit weniger Distanz als Kertész hatte. Denn effektiv wären die gros-sen Gemeinden etwa im Bereich Sicherheit auch ohne SIG erfolgreich gewesen.

Nicht mehr der einzige Verband
Daniel Frank, Präsident des Centralcomités (CC) des SIG, betont die Veränderungen in den SIG-Tätigkeitsbereichen: «Zu solchen Überschneidungen kommt es heute eigentlich nicht mehr. Die Situation heute unterscheidet sich deutlich von jener vor zehn Jahren. Der Grund dafür liegt unter anderem auch beim neuen CC, das seit 2016 grossmehrheitlich nur noch aus den aktuellen oder ehemaligen Präsidentinnen und Präsidenten oder Vorstandsmitgliedern der Mitgliedergemeinden besteht. Dadurch ist ein enger Austausch gewährleistet, der Überschneidungen verhindert.» Der SIG würde subsidiär arbeiten als Koordinationsstelle. Für eine solche Stelle ohne ausführende Aufgaben ist der SIG allerdings kein günstiges Konstrukt.

Zudem steht der SIG nicht mehr alleine als Verband da. Nebst der PLJS war zeitweise gar ein eigener Dachverband der orthodoxen jüdischen Gemeinden in Diskussion, u. a. auch jener, die im SIG nicht vertreten sind. Dass der SIG als grösster, wenn auch nicht allumfassender Dachverband eine führende Rolle in den Bereichen der politischen Repräsentation und des innerjüdischen sowie interreligiösen Dialogs übernimmt, ist einleuchtend. Bei der selbst aufgetragenen Aufgabe Rassismus- und Antisemitismusbekämpfung spielen jedoch die Coordination Intercommunautaire Contre l’Antisémitisme et la Diffamation (CICAD) oder die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) eine immer bedeutendere und professionellere Rolle. In der Romandie konnte sich die CICAD als Hauptakteurin etablieren. Sie ist de facto auch die Organisation, die den grössten Teil des Schweizer Judentums repräsentiert, da in ihr sowohl SIG als auch PLJS, also Einheits-, orthodoxe und liberale Gemeinden, sowie weitere Organisationen vertreten sind – ganz nach den Ideen Donaths 2007. Der SIG wird zudem in der Romandie wenig wahrgenommen. Die Subvention der CICAD nimmt im Budgetposten «Prävention und Information» des SIG mit 80 000 Franken den ersten Platz ein. Zählt man die Ausbildungstätigkeit des SIG ebenfalls zur Antisemitismusbekämpfung, so delegiert er 40 Prozent seiner Mittel für diese Aufgabe an die CICAD. Die CICAD selbst hat ein Budget von 1,5 bis 1,8 Millionen Franken pro Jahr (vgl. tachles 21/17), sie ist dem SIG finanziell somit ebenbürtig, nur geht der gesamte Betrag in die Antisemitismusbekämpfung.

Die Ausgaben des SIG scheinen also nicht im Verhältnis zur Gewichtung der Hauptaufgaben zu stehen. Die Ausgaben für den Budget-posten «Kommunikation und Politik» machten 2019 drei Prozent des operativen Aufwands aus. In diesen Aufgabenbereich fällt jedoch der Ursprung des SIG. Auslöser der Gründung 1904 war die Bekämpfung des Schächtverbots. Der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) führt darüber hinaus eine eigene Verwaltung.

Im Vergleich zu den anderen Landeskirchen kostet die Organisation des jüdischen Lebens in der Schweiz pro Kopf einiges mehr. Dies liegt gemäss Michael Marti, Bereichsleiter Gesellschaft beim Forschungsbüro Ecoplan und Leiter des Forschungsprojekts «Dienstleistungen, Nutzen und Finanzierung von Religionsgemeinschaften in der Schweiz», an der viel höheren Anzahl Mitglieder und dem hohen Anteil nicht praktizierender, jedoch Steuern zahlender Mitglieder in den christlichen Kirchgemeinden. Wie der SIG – zwar ein zivilrechtlicher Dachverband religiöser Gemeinden – leisten auch andere Landeskirchen politische Öffentlichkeitsarbeit. Dieser Posten nimmt bei den Kirchgemeinden, die von der Struktur und den Aufgaben her eigentlich mit den SIG-Mitgliedern verglichen werden müssten, ein bis zwei Prozent der Ausgaben ein – weniger als die Hälfte des Anteils, den der SIG für seine Hauptaufgabe ausgibt.

Das Schweizer Judentum stösst mit der jetzigen Organisationsstruktur an ökonomische und politische Grenzen. Zwei Dachverbände, ein Fürsorgedachverband und konkurrierende Organisationen in zentralen Themenfeldern unterminieren die Wirksamkeit der nötigen Arbeit. Der SIG hatte in den letzten Jahrzehnten immer wieder externe Beratungsrunden durchgeführt. Zu wirksamen Reformen konnte sich der Verband nicht durchsetzen und verliert derweil an Basisnähe.
 

Jaschar Dugalic