Talmud heute 06. Feb 2026

Zwischen Trauung und Trauerfeier

In dem 1995 von Arthur Cohn produzierten Film «Two Bits» gibt es eine besonders amüsante Szene: An einem heissen Sommertag in Philadelphia im Jahre 1933 findet sich eine elegant gekleidete Gemeinde zu einer Trauung vor einer Kirche zusammen. Plötzlich schreitet eine grosse, in Schwarz gekleidete und einen Sarg tragende Trauergemeinschaft der Kirche entgegen und kommt vor ihr zum Stehen. Ein älterer Herr, der Anführer dieser Gruppe, beteuert, dass er die Kirche für genau 10 Uhr zwecks Abschiedsgottesdienst und Trauerfeier gebucht hätte. Inzwischen trifft die Braut in ihrem hübschen Hochzeitskleid ein und fällt beinahe in Ohnmacht, als sie den Sarg vor ihrer Kirche sieht. Hysterisch schreit sie, dass dies ein schreckliches Omen sei und ihr Bräutigam frühzeitig sterben werde. Ihr Vater versichert, dieselbe Kirche für genau 10 Uhr zwecks Trauung reserviert zu haben, jedoch mit einem anderen Pfarrer. Inzwischen bricht die Witwe des verstorbenen Mannes auf seinem Sarg zusammen. Zu guter Letzt trifft der jähzornige Bräutigam Viktor, begleitet von seinen eleganten Trauzeugen, ein. Ihm gefällt der Anblick des Sarges gar nicht und er verlangt von der Trauerfamilie, diesen unverzüglich wegzutragen. Diese denkt jedoch überhaupt nicht daran. So kommt es zu Tumulten und schliesslich zu einer herrlichen Massenschlägerei zwischen der Trauergemeinde und den Hochzeitsgästen, in deren Verlauf der arme Viktor von seinem zukünftigen Schwiegervater irrtümlicherweise niedergestreckt wird.

Ich weiss nicht, ob Joseph Stefano, der Drehbuchautor dieses wunderbaren Films, den Talmud studiert hat, aber ein solcher Fall – freilich ohne die cinematische und tragikomische Massenkarambolage – wird im Traktat Ketubot beschrieben: Wenn ein Leichenzug und ein Brautzug nicht gleichzeitig die Strasse passieren können, «lasse man die Leiche vor der Braut ausweichen» (17a). Gemäss dem Talmud war Viktors Intuition im Film also richtig.

Nun stellt sich die Frage, weshalb gemäss den Talmudweisen die Bedürfnisse einer Braut vor den Pflichten gegenüber eines Toten den Vorrang haben. Der israelische Rabbiner Gavriel Goldman, der zu den jüdischen Trauergesetzen ein populäres Buch geschrieben hat, erkennt hier eine wichtige erzieherische Botschaft: Der Trauerzug weicht auf eine andere Strasse aus, um der Braut eine ungetrübte Freude zu ermöglichen. Neben ihrer Wegweisung in diesem spezifischen Fall wollten unsere Weisen auch ein wichtiges Prinzip festlegen: «Wir müssen die Gefühle der Freude verstärken, auch wenn gleichzeitig Gefühle des Leids und der Trauer existieren. Das Leben muss weitergehen, und zwar freudig.»

Im halachischen Kompendium «Mischne Thora» von Maimonides sieht das Bild jedoch etwas anders aus. Einerseits scheint er der obigen talmudischen Richtlinie zuzustimmen: «Wenn ein Toter und eine Braut sich auf dem Wege entgegenkommen, lasse man den Toten vor der Braut ausweichen.» Andererseits legt er im gleichen Paragraphen Folgendes fest: «Wer einen Toten und eine Braut vor sich hat, lasse die Braut bei der Seite und kümmere sich um den Toten», denn «das Herz der Weisen ist im Haus der Trauer, das Herz der Toren aber im Haus der Freude» (Prediger 7:4).

Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch von Maimonides erklären? Rabbiner Abraham de Boton (16. Jahrhundert, Thessaloniki) hat in seinem Kommentar «Lechem Mischne» einen interessanten Ansatz. Er erklärt, dass gerade im gegebenen Fall, wo sich die Wege der Braut sowie des Trauerzuges kreuzen, erstere den Vorzug habe, weil «die Ehre der Lebenden die Ehre der Toten überwiege». Aber wenn man die Wahl habe, sich um eine der beiden Wohltaten zu kümmern, habe die Betreuung des Toten Vorrang. Der von Maimonides zitierte Vers im Buche Prediger verdeutlicht seine innere Bevorzugung eines Trauerhauses gegenüber einer Hochzeitsfeier. Ein weiterer Vers im gleichen Bibelbuch unterstreicht diese Tendenz: «Es ist besser, in ein Haus zu gehen, wo man trauert, als in ein Haus, wo man feiert; denn da zeigt sich das Ende aller Menschen, und der Lebende nehme es sich zu Herzen!» (Prediger 7:2).

Vor sechs Wochen hatte ich die traurige Erfahrung, die Kraft eines Trauerhauses in meinem persönlichen Familienkreis zu erleben. Während der «schiwa», der einwöchigen Trauerperiode, sollen die Trauernden ihr normales Leben beiseiteschieben und sich vollkommen, von frühmorgens bis spätabends, auf den Verstorbenen, sein Leben, sein Werk und seine Werte konzentrieren. Diese Trauerwoche war wahrscheinlich die intensivste Woche meines Lebens. Aber die Begegnungen, die Geschichten und die Erinnerungen gaben Kraft und schärften das Verständnis für all das, was man unter dem «Lebenssinn» verstehen könnte.

Viktor im Film hatte recht. Wenn eine Hochzeit und ein Begräbnis aufeinandertreffen, überwiegt die Ehre der Lebenden. Es ist wichtiger, der Braut bei ihrem ersten Schritt in die Familiengründung zu helfen als einer Leiche bei ihrer Bestattung. Aber wenn es nicht darum geht, den Nächsten zu ehren, sondern generell den Wert dieser beiden Erfahrungen gegenüberzustellen, so ist es objektiv wohl sinnvoller, in ein Trauerhaus zu gehen als auf eine Hochzeitsfeier. Denn im Gegensatz zu letzterer werden an einer «schiwa» im Anschluss an den endgültigen Abschied von einem nahen Verwandten alle Masken abgelegt. Dort werden wesentliche Fragen über Leben und Tod, über Vergänglichkeit und Ewigkeit ernsthaft behandelt und die Frage des Sinns erörtert, «und der Lebende nehme es sich zu Herzen!»

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn