Talmud heute 03. Jul 2026

Zwischen Iran und Rehabeam

Während der gegenwärtigen Fussballweltmeisterschaft (WM) gab es eine Mannschaft, die inzwischen ausgeschieden ist, bei der ich vollkommen unschlüssig, ja verwirrt war, ob ich sie nun anfeuern oder ihr Scheitern herbeiwünschen solle: Die Rede ist von der Nationalmannschaft Irans. Mein «moralisches Dilemma» basierte auf der Frage, ob die iranischen Spieler ihr Terrorregime unterstützen oder ob sie es kritisieren. Das Eruieren dieser Frage war alles andere als leicht. Dass das ausnahmslos kraftvolle Mitsingen aller Spieler bei der iranischen Hymne kein Indiz für ihre Regierungsliebe sein musste, wissen wir bereits seit der letzten WM in Katar vor vier Jahren: Beim Auftaktspiel gegen England verzichteten die iranischen Spieler damals aus Solidarität mit den regierungskritischen Protesten in ihrer Heimat demonstrativ auf das Mitsingen der Nationalhymne. Die Reaktion des Mullah-Regimes liess nicht lange auf sich warten: Der staatliche iranische Rundfunk brach die Übertragung ab und den Nationalspielern wurde mit Konsequenzen für ihre Familien gedroht. Wie zu erwarten war, stimmten die Spieler in den darauffolgenden Spielen die Hymne wieder an, wodurch sie andererseits viel an Sympathie bei regimekritischen Anhängern einbüssten. Dass bei der gegenwärtigen WM alle iranischen Spieler bei der Hymne inbrünstig mitsangen, war also nichtssagend. Viel interessanter war das Verhalten der vielen Exil-Iraner in den Stadien von Los Angeles und Seattle, in welchen die drei WM-Spiele Irans stattfanden: Die Hymne ihrer iranischen Heimat, von welcher viele dieser Fans seit der Revolution 1979 vertrieben wurden beziehungsweise der sie entflohen sind, wurde gnadenlos ausgepfiffen. Aber die iranischen Fussballspieler, welche gewissermassen die einfachen Leute repräsentieren, wurden frenetisch unterstützt.

Dieses Spannungsfeld zwischen einem Volk und seiner korrupten Regierung kommt in einer wichtigen biblischen Episode deutlich zum Ausdruck. Nach dem Tod Salomos forderte das Volk von seinem Sohn und Nachfolger, König Rehabeam, Erleichterung von den hohen Steuern und der Zwangsarbeit (1 Könige 12:4). «Da hielt der König Rehabeam einen Rat mit den Ältesten, die vor seinem Vater Salomo gestanden, als er noch lebte, und sprach: ‹Wie ratet ihr, dass wir diesem Volk antworten sollen?› Sie sprachen zu ihm: ‹Wirst du heute diesem Volk einen Gefallen tun und ihm zu Willen sein und sie erhören und ihm gute Worte geben, so werden sie dir dienen dein Leben lang!›» (12:6-7).

Rehabeam setzte jedoch den wohlwollenden Rat der Weisen nicht um, sondern beriet sich zuerst mit seinen gleichaltrigen und gleichgesinnten Freunden. «Aber er verliess den Rat der Ältesten, den sie ihm gegeben hatten, und hielt Rat mit den Jungen, die mit ihm aufgewachsen waren, die vor ihm standen. Und er sprach zu ihnen: ‹Was ratet ihr, dass wir diesem Volk antworten, welches zu mir gesagt und gesprochen hat: Mache das Joch leichter, welches dein Vater auf uns gelegt hat?› Da sprachen zu ihm die Jungen, die mit ihm aufgewachsen waren: ‹Du sollst dem Volk (…) antworten: Mein kleiner Finger ist dicker als meines Vaters Lenden! Und nun, hat mein Vater ein schweres Joch auf euch geladen, so will ich euch noch mehr aufladen!›» (12:8–11).

Schliesslich hörte Rehabeam auf die jungen Ratgeber, die ihm dazu rieten, sein Volk noch mehr auszubeuten. «Da gab der König dem Volk eine harte Antwort und verliess den Rat, welchen ihm die Ältesten gegeben hatten, und redete mit ihnen nach dem Rat der Jungen und sprach: ‹Mein Vater hat euch mit Geisseln gezüchtigt, ich aber will euch mit Skorpionen züchtigen!›» (12:13–14). Die Reaktion des Volkes liess nicht lange auf sich warten. Enttäuscht über die Tatsache, dass ihr König ihnen nicht nur kein Gehör schenkte, sondern ihre Situation gar zu verschlechtern drohte, wandten sie sich von ihm ab. Dies war der Beginn der Spaltung Israels in das Nord- und das Südreich (12:16–24).

Diese Episode ist ein erschütterndes Beispiel einer Regierung, die sich keinen Deut um die wahren Bedürfnisse ihres Volkes schert. Rehabeams Machthunger, gepaart mit seiner Indifferenz bezüglich des Elends seines Volkes, erinnert an die Gleichgültigkeit der heutigen iranischen Führung gegenüber dem katastrophalen Zustand der Bürger ihres Landes. Während das iranische Volk unter Hyperinflation, Wasser- und Lebensmittelknappheit leidet, fliesst das verbleibende Staatsvermögen fast ausschliesslich in den Repressionsapparat und in die Kriegsmaschinerie gegen Israel. Der absolute Tiefpunkt war der vergangene Januar, als das iranische Terror-Regime über 40 000 protestierende iranische Bürger auf brutalste Weise ermordete. Der Graben zwischen der politischen Führung und der Bevölkerung, zwischen Gewaltherrschaft und Freiheitswunsch, könnte nicht tiefer sein.

Gestern begann mit dem Fasttag des 17. Tammus die dreiwöchige Trauerperiode, die in den Fasttag des 9. Aw münden wird. Diese Trauerzeit versinnbildlicht nicht nur die Zerstörung der beiden Tempel in Jerusalem, sondern auch den damit verbundenen Verlust der jüdischen Unabhängigkeit auf Heimatboden. Wenn es eine Botschaft aus der ersten innerjüdischen Spaltung um König Rehabeam geben sollte, dann ist es die Einsicht, dass die Staatsführung stets ein offenes und wohlwollendes Ohr für die Bedürfnisse des Volkes haben muss. Eine Botschaft, die gerade in diesen Tagen vor den anstehenden Wahlen von allen israelischen Politikern ernst genommen werden sollte.

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn