Gemäss der jüdischen Überlieferung gibt es gewisse Wochenabschnitte, die so angeordnet wurden, dass sie alljährlich vor gewissen Feier- oder Fasttagen vorgetragen werden. So fällt unsere Sidra Dewarim stets auf den Schabbat vor dem Fasttag Tischa Beaw, welcher kommenden Mittwochabend begangen wird. Was steht hinter dieser Festlegung unserer Weisen?
Als erster Zusammenhang muss das Schlüsselwort «eicha» («wie»), erwähnt werden. In unserer Parascha, gleich zu Beginn, reflektiert Mosche: «Wie kann ich allein eure Last, eure Bürde und euren Streit tragen?» (5. B. M. 1:12). Auch in unserer Haftara, der Zusatzlektüre aus den Prophetenbüchern, benutzt Jeschajahu das Wort «eicha», um die moralische Korruption Jerusalems vor der Zerstörung zu beschreiben: «Wie ist zur Buhlerin geworden die bewährte Stadt?» (Jesaia 1:21). Und schliesslich widerhallt dieser Ausdruck im gleichnamigen Buch «Eicha», welches am Tischa Beaw gelesen wird: «Wie sitzt sie da, die volkreiche Stadt, ist einer Witwe gleich geworden die Herrin über Völker!» (Klagelieder 1:1). Wegen dieses wörtlichen Zusammenhangs gibt es einen schönen melodischen Brauch, den mit dem Wort «eicha» beginnenden Vers unserer Sidra mit der traurig-melancholischen «Eicha-Melodie» von Tischa Beaw vorzusingen. Diese kleine musikalische Abweichung katapultiert den Hörer in der Synagoge sofort in die Sphäre von Tischa Beaw und der Gedanken über die Tempelzerstörung.
Ein weiterer Zusammenhang zwischen unserer Sidra Dewarim und Tischa Beaw ist nicht sprachlicher, sondern numerologischer Natur. Gleich zu Beginn von Mosches Rede erwähnt dieser «elf Tagereisen» (5. B.M. 1:2). Gemäss dem Thora-Kommentar «Kli Jakar» von Rabbi Schlomo Luntschitz (1550–1619 Prag) sei dies ein indirekter Hinweis auf die Zerstörung des Tempels. Die Zahl elf bestehe nämlich aus den neun Tagen zwischen dem ersten und neunten Aw sowie den beiden weiteren Fasttagen vom 10 Tevet und dem 17. Tammus, die ebenfalls die Zerstörung des Tempels thematisierten.
Eine weitere Erklärung beleuchtet eine inhaltliche Beziehung zwischen Dewarim und Tischa Beaw: Das fünfte Buch Mosches besteht bekanntlich aus einer Reihe längerer Reden, die der Anführer der Israeliten vor dem Einzug ins Gelobte Land hält. In diesen letzten Worten an sein Volk lässt Mosche vor seinem Abschied die wichtigsten Stationen ihrer gemeinsamen Reise Revue passieren und tadelt das jüdische Volk für die Verfehlungen in der Wüste. Das zentrale Ereignis, das er dabei anspricht, ist die Sünde der Kundschafter. Die Thora bemerkt, dass infolge deren Berichts das Volk in derselben Nacht geweint habe (4. B.M. 14:1). Gemäss dem Talmud handelte es sich um die Nacht des neunten Aw. Gott sagte: «Ihr habt heute ohne Grund geweint, also werde Ich diesen Tag als einen Tag des Weinens für kommende Generationen festlegen» (Taanit 29a). Tatsächlich sollten an diesem Datum später beide Tempel in Jerusalem zerstört werden.
Ein weiterer inhaltlicher Bezug zu Tischa Beaw wird im anfangs erwähnten Vers angedeutet: «Wie kann ich allein eure Last, eure Bürde und euren Streit tragen?» (5. B.M. 1:12). Gemäss der jüdischen Überlieferung waren es die innerjüdischen Streiterein und «sinat chinam» («der grundlose Hass») unter den Israeliten, welche zur Tempelzerstörung führten.
Der Schabbat vor dem Fasttag Tischa Beaw wird auch «schabbat chason» genannt. Dies bezieht sich auf das erste Wort des Buches Jesaja, aus dessen ersten Kapitel in der morgigen Haftara vorgetragen wird: «Chason, eine Vision, des Jeschajahu (...)». In diesem Abschnitt rügt der Prophet den moralischen Niedergang Zions, erwähnt jedoch zum Schluss das Rezept zur Erlösung: «Zion wird durch Recht erlöst, und seine Rückkehrer mit Gerechtigkeit» (Jesaja 1:27). Diese «Vision» soll das jüdische Volk auf geistig-ethischer Ebene inspirieren, sich aus der Dunkelheit der Tempelzerstörung zurück ans Licht zu bewegen.
Gemäss dem berühmten chassidischen Meister Rabbi Levi Jizchak von Berditschew erfolgt dieses Schauen der «Vision» alljährlich auf mystischer Ebene. Er erklärt die tiefgründige Bedeutung des Schabbat Chason («Schabbat der Vision») durch ein Gleichnis: Einst kaufte ein Vater seinem Sohn ein wunderschönes, teures Gewand. Der Sohn war unvorsichtig und zerriss es. Da kaufte ihm der Vater ein zweites Gewand, doch der Sohn ruinierte auch dieses. Dies symbolisiere den ersten und zweiten Tempel, die wegen der Missetaten des Volkes zerstört wurden. Daraufhin fertigte der Vater ein drittes Gewand an. Dieses Mal gab er es seinem Sohn jedoch nicht zum Anziehen. Vielmehr schloss er es im Schrank ein. Nur zu ganz besonderen Zeiten holte der Vater das Gewand kurz heraus und zeigte es dem Sohn von Weitem. Dabei sagte er ihm: «Wenn du dich gut verhältst, darfst du es für immer tragen.» Wann immer der Sohn das prachtvolle Gewand sah, erwachte in ihm die Sehnsucht und er besserte seine Wege. Rabbi Levi Jizchak lehrte, dass der Allmächtige an diesem spezifischen Schabbat vor Tischa Beaw jeder jüdischen Seele eine Vision des dritten Tempels in seiner vollen Pracht zeige. Diese «Vision» in höheren Sphären geschehe kurz vor dem traurigsten Tag des Jahres, an welchem der Tempelzerstörung und des damit verbundenen Verlusts der göttlichen Gegenwärtigkeit gedacht wird. Diese mystische Vision schenke der Seele neue Hoffnung, erwecke unsere innerste Sehnsucht nach Erlösung und bewege uns hin zur «Teschuwa» («spirituellen Umkehr»).
Deshalb ist der Schabbat vor Tischa Beaw der «Schabbat der Vision». Wir brauchen Visionen. Und vielleicht sind es diese Visionen, diese Hoffnungsschimmer und Lichtblicke auf eine versöhnliche Zukunft, die uns – ganz bewusst oder im Unterbewusstsein – dazu verleiten, an das Gute zu glauben und selbst den traurigsten Tag des Jahres zuversichtlich und gestärkt zu überstehen.
Sidra Dewarim
17. Jul 2026
Wir brauchen Visionen
Emanuel Cohn