In den frühen Morgenstunden des vergangenen Sonntags stockte mir, zusammen mit Tausenden anderen Schweizern, das Herz. Die Schweizer Nationalmannschaft hatte im Viertelfinal der Fussball-Weltmeisterschaft (WM) gegen Argentinien soeben ausgeglichen und das Momentum auf ihre Seite gebracht. Die Eidgenossen spielten besser und die Führung schien nur noch eine Frage der Zeit. Da passierte es. Der Schweizer Spieler Breel Embolo machte eine sogenannte Schwalbe, das heisst, er liess sich theatralisch fallen. Zuerst ging sein Plan auf. Der Schiedsrichter pfiff, entschied auf Freistoss für die Schweiz und erteilte dem argentinischen Gegenspieler eine gelbe Karte. Doch dann meldete sich der Video-Assistent (VAR) und zeigte dem Schiedsrichter und der ganzen Welt die wahren Begebenheiten. Die Entscheidung wurde revidiert, Embolo erhielt nun für seine Simulation eine zweite gelbe Karte und wurde vom Platz verwiesen. Der Schweizer Stürmer brach in Tränen aus, aber es half nichts. Sein peinliches Sich-Fallen-Lassen war für Millionen Zuschauer per Video-Zeitlupe sichtbar. Er erwies seiner Mannschaft einen Bärendienst. Dies war der Knackpunkt der Partie. Die Schweiz hatte zu zehnt gegen den amtierenden Weltmeister keine Chance, verlor schliesslich mit 1:3 und schied sang- und klanglos aus dem Turnier aus.
Ich bin kein Freund des VAR-Systems. All diese Spielsituationen, in welchen ein Team und seine Fans über ein Tor jubeln, dieses aber nach siebenminütigen Freudentänzen retroaktiv annulliert wird, weil sich ein Zeh des Stürmers anderthalb Millimeter vor dem gegnerischen Verteidiger befand und es somit Abseits war, sind lächerlich. Und doch beschäftigte mich der Vorfall um Embolo sehr. Meine Gedanken gingen zur talmudischen Weisheit, dass «mancher seine Welt in einer Stunde erwerben kann» (Avoda Sara 17a), und zur umgekehrten Schlussfolgerung, dass mancher seine Welt auch in einer Stunde verlieren kann. Embolo war bis zum Vorfall der beste Spieler der Schweiz. Doch plötzlich wurde er vor der ganzen Welt auf erbärmliche Weise blossgestellt und seine Aura entmystifiziert. Er fiel «von einem so hohen Dache in eine so tiefe Grube» (Chagiga 5b). Embolos Schwalbe war so offensichtlich, dass ich mich als Zuschauer fast fremdschämen musste. Die Demaskierung des Schweizer Stürmers tat weh. In der Kabbala, der jüdischen Mystik, versinnbildlicht die Scham das schmerzliche Gefühl, welches die Seele nach dem Tod überkommt: «Sobald das Gericht über den Menschen erwacht, werden all seine Taten, die er in dieser Welt begangen hat, vor ihm ausgebreitet (...) und dann hüllt er sich in tiefste Scham vor dem heiligen König» (Sohar 1:117a). Nichts kann mehr vertuscht werden, alle Masken sind abgenommen. Die pure Wahrheit – beziehungsweise VARheit – wird enthüllt. Und diese Enthüllung bringt eine schmerzhafte Blossstellung der Seele mit sich.
Dass die betrügerische Aktion Embolos durch einen bekannten Menschen auf der prominentesten Bühne der Welt und in einem kritischen Moment ausgeführt wurde, macht die ganze Beschämung noch brisanter. Die Idee, dass sich das öffentliche Image eines «Promis» abrupt um 180 Grad verändern kann, wird im Talmud im Zusammenhang mit dem himmlischen Gericht nach dem Ableben eines Menschen besprochen. Jemand, der zeitlebens in der Gesellschaft einen hohen gesellschaftlichen Rang einnahm, kann sich vor dem göttlichen Gericht in der zukünftigen Welt möglicherweise als gar nicht so tolle Persönlichkeit entpuppen. Dabei sind Gelehrte nicht ausgeschlossen. So erzählt der Talmud von einer Nahtoderfahrung von Rabbiner Josef. Als er wieder zu sich kam und ihn sein Vater Rabbi Jehoschua ben Levi fragte, was er gesehen habe, erwiderte er: «Ich habe eine verkehrte Welt gesehen; die oberen waren unten und die unteren waren oben!» (Pessachim 50a). Mit anderen Worten: Jene, die im Diesseits einen hohen Rang genossen, waren im Jenseits «unten», und jene, die im irdischen Leben kaum wahrgenommen wurden, schwangen in der zukünftigen Welt oben auf. Der mittelalterliche Talmudkommentator Rabbenu Chananel (990–1055) erläutert, dass Rabbiner Josef in den himmlischen Sphären sah, wie der Gelehrte Schmuel unterwürfig wie ein Schüler vor Rabbiner Jehuda sass, obwohl letzterer sein eigener Schüler war.
Worauf war diese öffentliche Erniedrigung Schmuels zurückzuführen? Der Talmud gibt an anderer Stelle Aufschluss: «Einst kam eine arme Frau weinend in das Lehrhaus und schrie vor dem Gelehrten Schmuel wegen eines ihr angetanen Unrechts. Schmuel war jedoch so tief in sein Thora-Studium vertieft, dass er sie ignorierte» (Schabbat 55a). Sein Schüler, Rabbiner Jehuda, der die Situation beobachtete, tadelte seinen eigenen Lehrer anhand eines Bibelverses: «Wer sein Ohr verstopft vor dem Schreien des Armen, der wird auch rufen und nicht erhört werden» (Prediger 21:13). Weil also Rabbiner Jehuda in diesem Moment gegenüber dem Schmerz der armen Frau sensibler war als Schmuel, wurde er im Jenseits höher platziert als sein Lehrer.
Die Blossstellung Schmuels vor allen anderen Seelen im Himmel war also auf ein klitzekleines Vergehen zurückzuführen. Die Missetat zu bestreiten hätte keinen Sinn gemacht, denn nebst den Zeugen Rav Jehuda sowie der armen Frau deckte auch die «göttliche VAR-Kamera» die Wahrheit schonungslos auf. Schmuel machte einen Fehler, für welchen er mit einer öffentlichen seelischen Beschämung bezahlen musste. Wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen. Fragen Sie Embolo.
Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.
Talmud heute
17. Jul 2026
Embolos Schwalbe
Emanuel Cohn