Zur Lage in Israel 12. Jul 2019

Wer entschärft die Zeitbombe?

Vor elf Jahren fuhr ich durch das geordnete, kleine Viertel unweit der israelischen Botschaft in Addis Abeba, wo designierte Immi­granten nach Israel sich auf die Reise in die neue Heimat vorbereiteten. «Schauen Sie sich das an – wir importieren eine gesellschaftliche Zeitbombe», sagte mein Guide, ein hoher Offizieller der Jewish Agency.

Wie fast alle seiner Kollegen sieht auch er die Politik, die Einwanderung von Tausenden von Mitgliedern der Falashmura nach Israel zu erleichtern, höchst kritisch. Von seiner Perspektive her betrachtet, erfüllen die Falashmura die Kriterien für die Alija nicht. Sie sind Nachkommen von Christen mit einer wenig stichhaltigen Behauptung, jüdische Wurzeln zu haben. Dies im Gegensatz zu den Beta Israel, äthiopischen Juden, die in den 1980er und 1990er Jahren im Rahmen der Operationen «Moses» und «Salomon» nach Israel eingeflogen wurden. Viele der Führer der schon in Israel weilenden äthiopischen Gemeinde teilen diese Meinung.

Als Veteran der Jewish Agency tat mein Guide jedoch seine Pflicht und alles in seiner Macht Stehende, damit das Unternehmen gelingen kann. Der Staat Israel hat entschieden, dass die Falashmura israelische Bürger werden sollten, und unser Guide sollte sicherstellen, dass dies auch geschehen würde. Während wir beobachteten, wie die Gruppe von 60 Männern, Frauen und Kindern ihre Sachen in dem Bus verstauten, der sie im Verlauf der Nacht zum Flughafen fahren würde, galt sein Ärger anderen Tatsachen. Der Offizielle der Jewish Agency war frustriert, weil er wusste, dass die Neueinwanderer bei ihrer Ankunft mit einem komplizierten sozialen System konfrontiert werden würden, ohne Ressourcen und mit der Herausforderung der Inte­gration in die israelische Gesellschaft.

Das widerspiegelt die Erfahrung israelischer Forscher und Unternehmer, die hochmoderne Technologien entwickeln für autonome Fahrzeuge und ein fortgeschrittenes Gesundheits­wesen, die selber aber wegen des auseinanderfallenden Transportsystems Stunden in Verkehrsstaus zubringen oder ihre Verwandten besuchen, die in den Warteräumen und Korridoren personalmässig unterbelegter Krankenhäuser liegen.

Jede Immigrationswelle nach Israel traf auf die gleiche Realität: Zeremonien und die Reden von Politikern am Flugplatz, gefolgt von der Trostlosigkeit abgelegener Ortschaften und überfüllten, benachteiligten Wohnquartieren. Hinzu kamen die immensen Ressourcen, die ausgegeben wurden für Tausende, die zu Fuss zur Landepiste gingen (viele starben unterwegs), der Professionalismus der Piloten der israelischen Luftwaffe, von Mossad-Agenten und von Emissären der Jewish Agency zusammen mit anderen Organisationen wie dem Joint Distribution Committee, die sich an den zunächst geheimen Operationen beteiligten, äthiopische Juden nach Israel zu bringen – alle wurden (zu Recht) gefeiert.

Dann wurden Bücher geschrieben, Filme produziert.­ Unvergessen 1985 die Zeilen des Kolumnisten William Safire in der «New York Times», nachdem Details von «Operation Moses» durchgesickert waren: «Zum ersten Mal in der Geschichte werden Tausende schwarzer Menschen nicht in Handfesseln in ein Land gebracht, sondern in Würde, nicht als Sklaven, sondern als Bürger.»

Wie nobel und gleichzeitig wie weit entfernt von der Realität einer isolierten Immigranten-gemeinschaft, die mit Schwierigkeiten, Würdelosigkeit und sowohl willkürlichem als auch systematischem Rassismus des täglichen Lebens in Israel konfrontiert wurde.

Während aber Immigranten aus anderen Teilen der Welt in der Regel mit mehr Möglichkeiten in Israel eintrafen und letztlich erfolgreich integriert sowie Teil grösserer Gemeinden mit mehr politischem Einfluss wurden, und wenn nicht sie selber, dann gewiss ihre Kinder, gab es für die äthiopische Alija nichts Vergleichbares.

Die mangelnde Vorbereitung für eine Gemeinschaft, die aus einem von Hunger geplagten afrikanischen Agrarstaat ankommt, erwies sich nicht nur als logistischer oder bürokratischer Fehler. Es war vielmehr auch ein konzeptueller Fehler, für den Israel keine Entschuldigung bereit hat: Das Land hätte aus der Erfahrung mit den grossen Einwanderungswellen aus Nordafrika und dem Nahen Osten in den 1950er Jahren gelernt haben sollen, dass Rassismus eine stärkere Kraft ist als die wundersame «Absorption» von Neueinwanderern. Auch hätte Israel lernen müssen, dass dunkelhäutige Israeli nicht gleichberechtigt behandelt würden, nur weil Israeli sich anfänglich über ihre Ankunft gefreut hatten und im Mai 1991 – in den Tagen nach Operation Salomon – zu Tausenden in die Immigrationszentren eilten, um freiwillig Geld, Kleider und Möbel zu spenden.

Die Einbildung israelischer wie auch vieler Diaspora-Juden, Israel würde sich in einer noblen Sache engagieren, indem es Tausende schwarzer Menschen nach Hause brachte, hätte offensichtlich sein sollen. Niemand hielt es jedoch für nötig, die rabbinischen Behörden zu informieren. Diese taten alles, um die neuen Landesbürger zu demütigen, indem sie sie zu Konversionsschritten verpflichteten. Oder die Bürokraten im medizinischen System, die Blutspenden zurückwiesen und somit einen Riegel schoben. Und dann war natürlich die Polizei, deren Kommissar noch vor drei Jahren Anwälten gegenüber erklärt hatte, es sei für seine Offiziere «nur natürlich», schwarzen Mitbürgern gegenüber vorsichtiger zu sein.

Die Illusion, dass unsere Gesellschaft durch das «Heimbringen» der Äthiopier nach Israel ihre «Farbenblindheit» unter Beweis gestellt habe, war von Anfang an lächerlich. Sie liess sich aber leichter aufrechterhalten, wenn die rund 150 000 Mitglieder der äthiopisch-israelischen Gemeinschaft ruhig in günstigen Wohnvierteln für Einkommensschwache in kleinen, abgelegenen Orten lebten.

Heute, da man die Haltung der Polizei unmöglich länger ignorieren kann und da die Gewalt jüngst brutal in unser Gesicht geschlagen hat, beeilt sich nun Premier Binyamin Netan­yahu, seine Ministerkommission zur Förderung der Integration israelischer Bürger äthiopischer Abstammung in die israelische Gesellschaft einzuberufen.­ Inzwischen haben Netanyahus Günstlinge die Radiowellen und sozialen Medien erobert, um «linksgerichtete Organisationen» für die Aufhetzung zu Gewalt zu verurteilen.

Die Geschichte der äthiopischen Alija mag in den Annalen der Emigration überall auf der Welt einzigartig sein. Doch die Realität des Lebens als Immigranten von unterschiedlicher Hautfarbe war leicht vorauszusagen – und trotzdem machte sich niemand daran, die gesellschaftliche Zeitbombe zu entschärfen.

Anshel Pfeffer ist israelischer Journalist.

Anshel Pfeffer